Langenstein/Halberstadt l Wenn sich das Ehepaar Martina und Lutz Knigge an die letzte Woche im Juli erinnert, fällt den beiden Langensteinern nur ein Wort ein, das die Situation zwischen Mittwoch, 26. Juli, und Sonntag, 30. Juli, am treffendsten beschreibt: Ausnahmezustand.

Goldbach-Flut unterspült Straße

Martina und Lutz Knigge wohnen in der Dorfstraße 31. Das abschüssige Grundstück liegt direkt neben der von Böhnshausen kommenden Kreisstraße, die Ende Juli hochwasserbedingt tagelang gesperrt war. Auf der anderen Seite der Straße fließt der Goldbach, der sich damals in einen reißenden Strom verwandelt hatte. Hinter dem Goldbach liegt der Ölmühlenteich. Dieser lief seinerzeit über und ergoss sich in den Goldbach. Die Wassermassen wiederum unterspülten die Kreisstraße punktuell. „Das Wasser“, berichtet Lutz Knigge, „sprudelte bei uns auf der anderen Seite aus dem Hang hervor.

Eine Situation, die Langenstein in jener Woche Schlagzeilen bescherte: Viele Helfer aus dem Ort kämpften mit Unterstützung des Technischen Hilfswerks (THW) und der Feuerwehr stundenlang und rund um die Uhr gegen das drückende Wasser. Ihr Ziel bestand darin, den Hang zu stabilisieren. Dafür wurden auf ihm zig Hunderte Sandsäcke platziert. Warum, ist klar: Der Hang auf dem Grundstück von Martina Knigge bildet im Zusammenspiel mit dem Unterbau der Kreisstraße einen Damm und schützt Knigges Haus und die weiterer Anwohner vor dem Goldbach und in letzter Konsequenz auch vor dem Ölmühlenteich.

Entsetzen über Tonfall aus Behörde

„Den Kampf haben wir gewonnen. Wir konnten Hand in Hand mit allen Helfern verhindern, dass der Hang weggespült wird“, berichtet der 66-Jährige, noch immer sichtlich bewegt. Bewegt im positiven Sinne angesichts der immensen Hilfsbereitschaft auf der einen Seite. Bewegt – oder besser: entsetzt – aber auch über das Verhalten eines Mitarbeiters der Bauaufsichtsbehörde der Kreisverwaltung andererseits.

Jener Mitarbeiter hat sich – wie er selbst zu Papier brachte – am Donnerstag, 27. Juli, vor Ort umgesehen. Und Entscheidungen getroffen: Knigges Nachbarn, dessen Nebengebäude an besagten Hang angrenzt, habe er noch an Ort und Stelle das Betreten des Nebengelasses, nach Recherchen der Volksstimme eine Garage, untersagt. Weil es dort wohl zur teilweisen Unterspülung der Fundamente gekommen sein soll.

Forderung in allerbestem Amtsdeutsch

Martina und Lutz Knigge wiederum wurden wenige Stunden später – am Sonnabend, 29. Juli, auf dem Postweg überrascht. Besagter Mitarbeiter forderte sie in bestem Amtsdeutsch auf, den kritischen Hang von einem Bodengrundgutachter hinsichtlich der Standsicherheit kontrollieren zu lassen (siehe nebenstehgendes Schreiben).

Für Familie Knigge ein ziemlicher Schock. „Ich muss schon sagen, dieser Brief, das war schon ziemlich heftig“, sagt der 66-Jährige. „Wir hatten nach der Flut gerade das Allergröbste überstanden und dann plötzlich so ein Schreiben.“ Eigentlich habe man eher Hilfe und Unterstützung von der Kreisverwaltung erhofft, keinesfalls aber derartige Auflagen in diesem Tonfall.

Kreisstraße ist längst wieder frei

Zumal Lutz Knigge die Amtspost auch inhaltlich überhaupt nicht nachvollziehen kann, wie er gegenüber der Volksstimme berichtet. Im Zuge des steigenden Pegels von Goldbach und Ölmühlenteich sei die Kreisstraße spätestens im Laufe des Mittwochs überflutet und gesperrt worden. „Danach war bis Donnerstag Land unter und die Straße dicht.“ Allein Helfer wie das THW hätten noch heranfahren dürfen, um die in Böhnshausen gefüllten Sandsäcke anzuliefern.

Am Freitag, 28. Juli, dann das Überraschende und aus Knigges Sicht absolut nicht Nachvollziehbare: Die Kreisstraße wurde am Vormittag wieder uneingeschränkt freigegeben, nachdem sich wohl Verantwortliche der Kreisverwaltung oder der Kreisstraßenmeisterei vor Ort ein Bild gemacht hatten. „Wenn man einerseits den angrenzenden Hang als unterspült und womöglich gefährdet einstuft, verstehe ich nicht, wie man andererseits ohne jedes Hilfsmittel den Unterbau unter der Straße so schnell beurteilen und als standsicher einstufen kann“, so der Anwohner, der eine rhetorische Frage formuliert: „Haben die Röntgenaugen?“

Kreis-Amtsleiterin entschuldigt Tonfall

Fragen, die zumindest vorerst so im Raum stehenbleiben. Hinsichtlich der Amtspost ist Katharina Wendland, Chefin im Kreis-Bauordnungsamt, jedoch um Relativierung bemüht. Mit dem Schreiben sollte da- rauf hingewiesen werden, „dass und wie im weiteren Verfahren die Standsicherheit des Hauses geprüft werden muss, um Folgeschäden zu vermeiden“, teilte sie mit. Der betreffende Mitarbeiter habe dies noch vor seinem Urlaub der Hauseigentümerin mitteilen wollen. Daher die sehr kurzfristige Zustellung.

„Unter den gegebenen Umständen war dieser Zeitpunkt sicher nicht der günstigste. Sicher hätte dieses notwendige Schreiben auch der Situation entsprechend besser formuliert werden können. Ich werde dies zum Anlass nehmen, um gemeinsam mit meinen Mitarbeitern auch in dieser Hinsicht noch einmal amtliche Schreiben auf ihre Bürgerfreundlichkeit zu überprüfen“, so Amtsleiterin Wendland.

Landrat fordert Sensibilität

Darauf setzt auch Landrat Martin Skiebe (CDU), der den Fall ebenfalls prüfen will: „Ich kenne hier die Details noch nicht. Mir ist aber generell wichtig, dass unsere Mitarbeiter den Menschen mit der nötigen Sensibilität gegenübertreten.“