Halberstadt l Nein, es ist keine Liebe auf den ersten Blick gewesen, gesteht Ute Pott. 1988 war das, während des Studiums. Aber nach und nach wurde ihr der Mann dank seiner Briefe immer sympathischer. Für ihn zog die Niedersächsin nach Halberstadt und in diesem Jahr feiern die beiden ihr Silberjubiläum – Ute Pott und Johann Wilhelm Ludwig Gleim. Seit 25 Jahren ist sie die Direktorin des Museums, das sich dem Leben des Halberstädter Dichter-Mäzen widmet.

Ein Vierteljahrhundert Gleimhaus – kein Wunder, dass sie immer mal wieder als „Frau Gleim“ angesprochen wird, wie die 55-Jährige lachend berichtet. Ein Titel, den Ute Pott als Kompliment nimmt. Und der passt. Schließlich gleichen sich ihre Ziele und Wünsche in vielerlei Hinsicht mit denen des Mannes aus dem 18. Jahrhundert. „Es ist Klasse, dass Gleim eine Schule der Humanität gegründet hat“, betont die Museumsdirektorin. „Diesen Gedanken weiterzuführen ist eine Verpflichtung, die nicht nur ich fühle, sondern das gesamte Team.“

Gemeinschaftsgefühl dank Kultur

Kultur sei – ebenso wie Sport – eine Möglichkeit, Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen zusammenzubringen, ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen. „Mein Traum ist es, dass sich jeder Halberstädter in einem Verein engagiert“, sagt die Dierektorin. Die Schere der Gesellschaft in Halberstadt dürfe nicht weiter auseinandergehen – stattdessen solle sich jeder Einwohner dank des Engagements in Vereinen mitgenommen fühlen, als Teil eines Ganzen. „Es ist unsere Aufgabe aufzupassen, dass wir niemanden verlieren.“

Ute Pott ist selbst in zahlreichen Vereinigungen und Vereinen aktiv, viele davon stehen in Verbindung mit ihrem Beruf. So ist sie unter anderem Kulturratssprecherin, Vorstandssprecherin der Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten, sie ist aktiv im Kloppstock-Verein, dem Deutschen Museumsbund und im Christlichen Schulverein Halberstadt (wie Gleim ist Pott evangelisch).

Für ihren Einsatz ist die Halberstädterin in der vergangenen Woche mit dem Verdienstkreuz am Bande geehrt worden. „Die 55-jährige Direktorin des Gleimhauses in Halberstadt wird für ihre großen Verdienste um die Kultur in Halberstadt und im Land sowie für ihr ehrenamtliches Engagement ausgezeichnet“, lautet die Begründung. „Die Auszeichnung habe ich erhalten, ja, aber sie ist stellvertretend für alle, die sich engagieren“, sagt Ute Pott. Rund 15 Personen begleiteten sie zur Verleihung in Magdeburg – „Wegbegleiter, Kollegen, Kollegen-Freunde, Freunde und Familie“, fasst sie zusammen.

Familie – dazu gehören für Ute Pott nicht nur ihre beiden erwachsenen Kinder, sondern auch ganz selbstverständlich ihr Ex-Mann. „Wir sind geschieden, aber das ändert daran nichts, dass wir als Familie funktionieren“, sagt sie.

Starke Mutterfigur als Vorbild

Eine weitere wichtige Bezugsperson in ihrem Leben ist ihre Mutter, die mittlerweile ebenfalls in Halberstadt lebt. „Sie war Krankenschwester. Nachdem mein Vater tödlich verunglückt war, hat sie studiert – mit zwei Kindern – um Lehrerin zu werden“, berichtet Ute Pott. „Ich wurde geprägt von einer starken Mutterfigur, die großen Wert auf Bildung legte.“ So habe es immer viele Bücher zu Hause gegeben.

Literatur und Worte waren eine Welt, in der sich Ute Pott schon in ihrer Jugend wohlfühlte. „In der Schule habe ich für die Fächer, die mich interessierten, geackert wie ein Pferd“, sagt sie. Allerdings habe sie auch eine rebellische Seite besessen und ihr Fehlstundenkonto großzügig ausgereizt, verrät sie schmunzelnd.

Die Richtung, in die ihr beruflicher Weg gehen sollte, habe immer festgestanden – „wenn auch nicht das Ziel“. Die Fächerkombination Germanistik, Soziologie und Psychologie – die sie erst in Göttingen und anschließend in Berlin studierte – sei nicht gerade ein Garant für eine sichere Arbeitsstelle. Aber auch nichts, was in die Perspektivlosigkeit führe – das betone sie immer wieder in ihren Lehrveranstaltungen. „Man muss den Nachwuchs sichern, fördern und stärken“, sagt Ute Pott. Und dass es eben doch Jobs mit Zukunftsperspektiven für Geisteswissenschaftler gibt, dafür ist sie selbst Beweis. Nach ihrer Promotion fing sie 1995 als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Gleimhaus an, seit 2000 ist die Direktorin dieses Museums der deutschen Aufklärung.

18.-Jahrhundert-Tante

„Ganz oft werde ich als 18.-Jahrhundert-Tante wahrgenommen“, berichtet Ute Pott. „Das bin ich ja auch“, fügt sie lachend hinzu. So zieht sie das Theater dem Fernsehen vor – sie besitzt nicht einmal ein solches Gerät, wie sie sagt. Rückwärtsgewandt sei sie deshalb aber nicht. „Was wir hier machen, ist ganz viel Gegenwart“, betont Ute Pott. Kulturpolitik, Digitalisierung, die Zusammenarbeit mit Schulen – auch das gehöre zu ihrem Job.

Ausgleich zu diesem finde sie beim Lesen – vorranig moderne Literatur – sowie in der Bewegung und der Natur: in ihrem Garten – auch wenn sie gesteht, keinen grünen Daumen zu haben – beim Yoga, Spazierengehen und Schwimmen. „Im Sommer bin ich mindestens einmal am Tag im Halberstädter See“, berichtet die 55-Jährige.

Dieser gehöre zu ihren liebsten Orten der Stadt, ebenso die Halberstädter Berge. Obwohl sie in Niedersachsen aufgewachsen ist und in Berlin studierte, sei Halberstadt ihre Heimat. „Ich mag, dass man hier etwas bewegen kann, wenn man es denn möchte“, sagt Ute Pott. Halberstadt habe eine bedeutende (Kultur-)Geschichte, diese zu bewahren und zu vermitteln sei eine Aufgabe für die Gegenwart und für die Zukunft. Ein Gedanke, den sicher auch Gleim geteilt hätte. Den Dichter zieht Ute Pott gern heran, um sich und ihre Arbeit zu reflektieren. „Natürlich weiß ich nicht, wie er wirklich war“, sagt sie. „Aber ich denke manchmal ‚Was würde Gleim jetzt sagen?‘“