Schlanstedt l Wolfgang Scheuermann aus Schlanstedt ist nicht der Mensch, der sich gern selbst in den Vordergrund drängt. Das übernehmen aber andere für ihn. „Das Engagement um unsere Kirche muss gewürdigt werden“, betont so Waltraud Beck, CDU-Ortsbürgermeisterin und Mitglied des Gemeindekirchenrates.

Denn, bereits seit 1986 kümmert sich Wolfgang Scheuermann darum, dass die Kirchturmuhr von Schlanstedt immer die richtige Zeit anzeigt. Und das ist keine Selbstverständlichkeit, weil die Uhr täglich aufgezogen werden muss. Dazu muss Scheuermann täglich hoch zum Turm steigen, um die Kurbel an drei verschiedenen Stellen der historischen Weule-Uhr, die 1897 aus Bockenem stammt, anzusetzen.

Schlechter Zustand

Wie er zu dieser Aufgabe gekommen ist und warum er diese Uhr in ihren sämtlichen Einzelteilen genau kennt und den Hintergrund, warum er heute so akribisch darauf achtet, dass die Uhr immer sauber ist, erzählt er selbst: „Wir, das heißt Harry Hildebrandt, Fred Meier, Egbert Mundt, mein Bruder Manfred und ich saßen 1986 im alten Dampflokschuppen zusammen und plötzlich ist mir aufgefallen, dass sich die Schlanstedter Kirchturmuhr nicht bewegt.“ Wie lange das damals schon so war, könne er nicht sagen.

Das habe ihn gewurmt und er sei zur Katechetin gegangen und habe den Kirchenschlüssel erhalten. „Nachdem ich hochgestiegen war, habe ich die Bescherung gesehen.“ In einem jämmerlichen Zustand und voller Taubendreck sei sie gewesen, nicht einmal das Pendel habe sich noch bewegen können.

Reparatur

„Das hat uns keine Ruhe gelassen, wir haben dann beschlossen, uns der Uhr anzunehmen.“ Die Uhr wurde auseinander genommen, gereinigt und wieder instand gesetzt. Einige neue Teile mussten neu angefertigt werden.

Mit dieser Aufgabe sei die damalige ehrenamtliche „Brigade Denkmalpflege“ gegründet worden, die im Laufe der Zeit noch andere Projekte umgesetzt hat.

Familientradition

Zu dieser Uhr habe er allerdings schon immer eine besondere Beziehung gehabt. „Schon mein Großvater Otto Scheuermann hat die Uhr 1955 repariert und ein Messingzahnrad ersetzt“, erinnert er. Der Großvater habe diese Uhr auch täglich aufgezogen, somit habe Wolfgang Scheuermann die Verantwortung für diese Uhr quasi geerbt. Und diese Aufgabe nimmt Scheuermann sehr ernst. Zum Ärger seiner Frau gibt er allerdings gern die Geschichte zum Besten, als er sich den Fuß verknackst hatte und kaum laufen konnte. „Damals habe ich meine Renate gebeten, die Uhr aufzuziehen, damit ich nicht die Treppen steigen muss.“ Doch nach einer ganzen Weile sei seine Frau unverrichteter Dinge wieder nach Hause gekommen. „Sie hat die Uhr nicht gefunden.“ Darüber müssen beide bis heute lachen.

„Wenn ich wirklich mal verhindert bin, übernimmt Andreas Kosinski diese Aufgabe“, sagt Wolfgang Scheuermann, der als aktives Mitgliede des Heimatvereins gern als Nachtwächter durch Schlanstedt führt und Gäste, die gut zu Fuß sind, gern bis hoch zur Turmuhr führt. Denn eigentlich sei diese Uhr ein echtes Schmuckstück und viel zu schön, um nicht bewundert zu werden.

Drei Minuten zu früh

Und dann wird es kompliziert, weil Wolfgang Scheuermann erklärt, warum der Schlag der Uhr und das Geläut der Kirchenglocken nie zeitgleich ertönen dürfen. Die Glocke müsse eine bestimmte Stellung haben, wenn der Schlag ertönt. Eine zusätzliche Schwierigkeit gebe es mit einer weiteren Uhr, von der das Signal für die Glocke ausgeht. „Diese Uhr geht immer etwas falsch, und ich muss sie alle zwei Monate um drei Minuten vorstellen.“

Die Geschichte der Schlanstedter Kirchturmuhr, und wie die "Brigade Denkmalpflege" die Uhr wieder zum Laufen gebracht hat, steht sogar in einem Buch. In Band 24 der Edition Huy beschreibt Hans-Joachim Lorenz, wie es dazu gekommen ist. Allerdings ist Lorenz ein bekannter Muttersprachler und hat diese Zeilen auf Plattdeutsch geschrieben. Doch Begriffe, die auf hochdeutsch eher vermieden werden, weil sie zu deftig erscheinen, klingen auf Plattdeutsch deutlich harmloser und viel lustiger. So beschreibt Lorenz, dass verwilderte Tauben „de ganze Uhr sau vulleschetten harren, dat seck nich emal dat Perpendikel mehr bewegen konne.“