Wernigerode l Längs oder quer? Frank Kasselmann würde sich im Moment am liebsten sowohl quer als auch längs teilen, um alles zu schaffen. Aus gutem Grund: Am Freitag erwartet der 50 Jahre alte Hotelier ab 15 Uhr die ersten Gäste im Hasseröder Burghotel in Wernigerode. Wenige Stunden zuvor wirbeln nicht nur zahlreiche Handwerker und Monteure noch durchs Haus, um die letzten Arbeiten abzuschließen. Das gesamte Hotel, das in den vergangenen Monaten praktisch neu gebaut wurde, gleicht einem riesigen Ameisenhaufen. Kasselmann ist – um im Bild zu bleiben – Königin und in dieser Funktion immer wieder gefragt. Doch der Unternehmer ist optimistisch: „Wir werden das alles schaffen und zum Freitag eine Punktlandung hinlegen.“

Kurz vor der Zielline wird rangeklotzt

Zuvor aber zählt jede Minute, ist Ranklotzen angesagt: Im Innenhof wird das restliche Betonpflaster verlegt, ein Monteur platziert Dutzende Feuerlöscher an den vorgeschriebenen Stellen, an der Rezeption loggen Anke Staginnus und Frank Liesegang von der Harzsparkasse die Karten-Zahlsysteme ins hauseigene Internetsystem ein. Während in einigen Räumen noch Mitarbeiter für ihre neuen Aufgaben geschult werden, wuseln Reinigungstrupps durch die Lobby, um alles auf Hochglanz zu polieren. Und Kasselmann? Der knapst sich für ein Einstellungsgespräch schnell ein paar Minuten ab, um – hoffentlich – den nächsten Mitarbeiter für „sein Traumteam“ zu finden.

Unternehmer nimmt Entbehrungen gern in Kauf

Der 50-Jährige, der einst Industriekaufmann lernte, neun Jahre Stadtwerke-Chef in Bad Sachsa war und seit Ende 2005 den Hasseröder Ferienpark leitet, wirkt nicht nur sondern ist übernächtigt. „Seit Ewigkeiten arbeite ich sieben Tage die Woche und komme auf anderthalb bis maximal fünf Stunden Schlaf täglich“, bestätigt er die Frage. Ein Preis, den er aber gern zahle. Logisch: Der staatlich geprüfte Bilanzbuchhalter formt gerade seinen Lebenstraum. „Ich wollte schon immer ein eigenes Hotel haben“, sagt er und lässt die übernächtigten Augen strahlen.

Bilder

Schon seit 2008 schmiede er an der Vision, das frühere FDGB-Heim aufzupolieren. Mehr als 20 Millionen Euro flossen nach seinen Worten in das heruntergewirtschaftete Hotel des einstigen DDR-Gewerkschaftsbundes. „Im Prinzip ist nur das Stahlbetonskelett stehen geblieben“, erklärt Kasselmann beim Rundgang. Anschließend ging es ans Gestalteten seines Traums.

Moderne Beleuchtungstechnik installiert

Den setzt, erklärt der Chefmanager beim Rundgang in der Lobby, Dieter Mengel optimal ins Licht. „Wir haben ihm schon den Spitznamen ,LED-Dieter‘ verpasst“, erklärt Kasselmann mit Blick auf einen 60-jährigen Medientechniker, der auf einem Smartphone tippt und die Lampen in der Lobbydecke beobachtet. Per Tastendruck können die Farben der Leuchtdioden (LED) in den Deckenstrahlern verändert und die Lampen in den nachempfundenen Fackeln an den Wänden zum Flackern gebracht werden. „Dafür ist ,LED-Dieter‘ wochenlang in der Zwischendecke umher gekrochen“, verrät Kasselmann. Soll heißen: Entbehrungen hat nicht nur der Chef auf sich genommen.

Investor: "Harz hat Entwicklungspotenzial"

Wenn das rund 70-köpfige Hotelteam am Freitag, 1. Juli, die ersten Gäste begrüßt, sind auch die Wernigeröder und Touristen in den Restaurants und im Café willkommen. „Wir sind ein offenes Haus und wollen die Region bereichern“, betont der 50-Jährige. Warum er just hier investiert? „Der Harz hat lange geschlafen, jetzt aber für mich das größte Entwicklungspotenzial.“

Und was sagen die Touristiker zum Neubau? Eine tolle Bereicherung, von der der Harz insgesamt profitiere, sind sich die Tourismuschefs in Wernigerode, Halberstadt und Quedlinburg einig. „Sehr schön für unsere Stadt“, sagt Erdmute Clemens. Christiane Strohschneider aus Halberstadt und deren Quedlinburger Kollege Thomas Bracht sehen darin keine Konkurrenz: „Viele Gäste, die in Wernigerode logieren, finden auch den Weg zu uns.“