Hintergrund und Veranstaltungen

In Sachsen-Anhalt sterben besonders viele Menschen an einem Herzinfarkt: Im bundesweiten Vergleich sind es nach Brandenburg die meisten. 2014 gab es laut Sozialministerium 97 Herzinfarkttote pro 100 000 Einwohner.

Die Herzwoche ist eine mehrjährige Aufklärungskampagne zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die das Land gemeinsam mit der Deutschen Herzstiftung im Vorjahr gestartet hat. Dank ihr sollen diese Zahlen gesenkt werden.

Unter dem Motto „Trau dich – Hilf wiederbeleben“ steht bei der zweiten Auflage, vom 17. bis zum 22. Juni, die Reanimation im Fokus, informiert das Sozialministerium.

Mehr als 20 Kliniken beteiligen sich landesweit mit Vorträgen und Aktionen – auch Krankenhäuser des Harzkreises sind dabei.

Das Harzklinikum Dorothea Christiane Erxleben lädt für Dienstag, 18. Juni, von 14 bis 17 Uhr auf den Nicolaiplatz in Wernigerode ein. Angekündigt sind zahlreiche Vorführungen, Informationsstände und Mitmachaktionen.

Im Ärztehaus in Elbingerode wird am Mittwoch, 19. Juni, Wissenswertes zum Thema Reanimation vermittelt. Drei Experten geben im Raum über der Apotheke Antworten zum Defibrillator, Beginn ist um 17 Uhr.

Das Ameos-Klinikum Halberstadt bittet für Mittwoch, 19. Juni, zwischen 15 und 17 Uhr in die Rathauspassagen Halberstadt, Es wird Vorträge und praktische Übungen geben. Zudem wird die kostenlose Bestimmung von Blutzucker, Blutfettwerten und Blutdruck angeboten.

Halberstadt l Zuerst die gute Nachricht: „Die meisten Herzerkrankungen können im Anfangsstadium gut behandelt werden“, sagt Prof. Dr. Guido A. Matschuck. Er ist seit Anfang 2019 Chefarzt der Klinik für Kardiologie & Rhythmologie am Halberstädter Ameos-Klinikum, also ein Experte, wenn es um das menschliche Herz geht.

Nummer eins der Todesursachen

Als solcher kennt er aber auch die schlechte Nachricht: Trotz aller medizinischen Fortschritte und Erkenntnisse sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen die Todesursache Nummer eins in Deutschland. Sie machen bundesweit 37,2 Prozent aller Todesfälle aus, informiert die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung (DGK).

Und nicht nur das: Laut DGK müssen immer mehr Menschen wegen Erkrankungen des Herzens in Kliniken behandelt werden. 2017 gab es aufgrund von Herzerkrankungen mehr als 1,71 Millionen Krankenhauseinweisungen – 37.800 mehr als im Jahr 2015, ein Anstieg um 1,5 Prozent. Laut Matschuck sind die häufigsten Erkrankungen Bluthochdruck, koronare Herzkrankheit (verengte Herzkranzgefäße) und Vorhofflimmern (Herzrhythmusstörung).

Regionale Unterschiede

In Hinsicht auf Erkrankungshäufigkeit und Sterbeziffer gibt es große regionale Unterschiede – zuungunsten der neuen Bundesländer. Gerade Sachsen-Anhalt schneidet schlecht ab. So sterben hierzulande nach Brandenburg die meisten Menschen an einem Herzinfarkt. Bei dieser Statistik muss jedoch die Altersstruktur in den betroffenen Regionen betrachtet werden, betont die DGK. So leben in Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern – aber auch im Saarland – anteilig mehr über 65-Jährige als im bundesweiten Durchschnitt.

Ist also das Alter der Einwohner der Grund, warum Sachsen-Anhalt so schlecht abschneidet? Oder sind die Menschen hier grundsätzlich kränker? Eine einfache Antwort gibt es darauf nicht, sagt Guido Matschuck. Vielmehr seien die Ursachen vielschichtig. Ein Aspekt ist der Ärztemangel „auf allen Ebenen – vom Hausarzt über Facharzt bis hin zu spezialisierten Krankenhäusern.“ Es dauere oft zu lang, bis Patienten bei einem Experten vorstellig werden können.

Viele gehen zu spät zum Arzt

Doch nicht nur die Terminvergabe ist ein Problem – viele Leute warten zu lange, bis sie Symptome überhaupt abklären lassen. Länger, als zum Beispiel ein Hamburger – diese Erfahrung habe Matschuck in seiner Zeit am Hamburger Herzzentrum gesammelt. „Der Vorharzer an sich ist ein harter Knochen, der geht nicht wegen jeder Kleinigkeit zum Arzt.“ Diese Einstellung sei zwar irgendwie sympathisch, aber auch gefährlich. „Je länger es dauert, Herzkrankheiten zu entdecken, desto schlechter lassen sie sich behandeln“, betont der Arzt.

Das Tückische an vielen Herzerkrankungen: Sie verlaufen schleichend. „Sie werden vom Patienten kaum oder gar nicht wahrgenommen.“ Schnell aus der Puste kommen, Herzrasen, angeschwollene Füße – häufig tun Patienten solche Symptome lange Zeit als Alterserscheinungen ab. „Wer so etwas feststellt, muss das nicht einfach aushalten. Sie sollten beim Arzt abchecken lassen, was die Ursachen sind.“ Und erst, wenn der feststellt, dass es sich tatsächlich um Anzeichen des Älterwerdens handelt, damit arrangieren.

Keine Frage des Alters

Wobei, betont Matschuck, Herzkrankheiten nicht unbedingt eine Frage des Alters sind, auch junge Menschen können betroffen sein. Es gibt angeborene und unerkannte Herzfehler, die plötzlich zur akuten Bedrohung werden.

Eine unausgewogene Ernährung, Alkohol- und Nikotinkonsum, Bewegungsmangel und Schlafstörungen, aber auch genetische Veranlagung können Herzkrankheiten begünstigen. Manchmal treten sie auch infolge von anderen Erkrankungen auf. „Was vielen nicht bewusst ist, ist das auch Umweltfaktoren wie Stress, Feinstaub und Lärm Auslöser sein können.“

An jedem Tag in dieser Woche widmet die Volksstimme einen Beitrag der Herzwoche. Neben Patienten und Medizinern kommen auch eine Ernährungs- und eine Sport­expertin zu Wort.