Halberstadt l Michael Fehr beugt sich über die Schublade. Der weißhaarige Professor verfolgt, was ihm Rüdiger Becker zu den Falken und Schafstelzen berichtet, die vor ihm liegen. Einige tragen rote Etiketten, Kennzeichen dafür, dass sie ein Typusexemplar sind. Sozusagen die Normvorgabe einer bestimmten Art, die Erstbestimmung. Die Präparate stammen vom Nil, sie wurden um 1850 gefangen und präpariert – von Alfred Edmund Brehm, dessen Vater Christian Ludwig Brehm gerade eine kleine Sonderausstellung im Heineanum gewidmet ist.

Gast die Schätze gezeigt

Und wo der Gast schon einmal da ist, öffnet Rüdiger Becker noch ein paar weitere Schranktüren und offenbart, welche Wissenschaftsschätze hier im Magazin des Heineanums verborgen sind. Und das sind nicht wenige.

Michael Fehr lächelt, er kennt solche Situationen. Museen, die Erstaunliches zu bieten haben, aber kaum wahrgenommen werden. Wobei die Ornithologie nicht sein Fachgebiet ist, Fehr hat Geschichte und Kunstgeschichte studiert, war unter anderem Direktor des Karl-Ernst-Osthaus-Museums der Stadt Hagen und lehrte am Institut für Kunst im Kontext an der Universität der Künste Berlin, dessen Direktor er ebenfalls war.

Museumskonzept in Arbeit

Zurzeit entwickelt der emeritierte Professor für das Oderbruch-Museum Altranft ein Sammlungs- und Museumskonzept. Mit solchen Aufgaben ist Fehr vertraut, durch ehrenamtliches Engagement und Mitgliedschaft in unterschiedlichsten wissenschaftlichen Beiräten und Evaluierungsteams.

Dass er sich für Altranft einsetzt, hat mit dem Einsatz der Menschen vor Ort zu tun. Altranft, ein Ortsteil der Stadt Bad Freienwalde im heutigen Landkreis Märkisch-Oderland, sollte Mitte der 1970er Jahre mal ein Freilichtmuseum besonderer Art werden, mit verschiedenen Gebäuden in einem Ort, der nicht extra dafür aufgebaut wurde. Das Konzept blieb irgendwann in der Entwicklung stecken.

Lebensraum der Menschen in Blick gerückt

„Ein bisschen war das ein Ansatz, wie er vor allem in Frankreich in den ländlichen Regionen häufig zu finden ist“, sagt Fehr. Dort gibt es zahlreiche Écomusées, in denen der Lebensraum der Menschen in den Blick gerückt wird. Natur und Kulturerbe stehen dabei gleichberechtigt nebeneinander, Handwerk, Industrie und Alltagskunst der Menschen vor Ort, die diese Art Museumskonzept im Wesentlichen tragen.

Diese Idee verfolge man auch in Altranft wieder, sagt Fehr. Das einstige Landesmuseum sollte geschlossen werden. Es seien vor allem junge Menschen gewesen, die sich gegen die Pläne des Landes Brandenburg, gegen die Museumsabwicklung aussprachen. „Ihnen ist es gelungen, auch die Politik zu überzeugen und die gab dem Förderverein fünf Jahre Zeit, um zu zeigen, dass es funktionieren kann mit dem Museum Oderbruch“, berichtet Fehr. Da kam er ins Spiel.

Objekte für Studierstube

Ein altes Gutshaus ist Sitz des Museums, in dem man nicht nur für jedes Jahr ein besonderes Thema, das immer mit der Region zu tun haben muss, in den Mittelpunkt rückt. Es entsteht auch eine Art klassischer Studierstube. Ein großer Raum, von dem man zum einen in die Landschaft blickt, der zum anderen aber zu unterschiedlichen Themen Bücher, Objekte, Karten und anderes bietet. Diese Dinge können dann auf einen großen Tisch gestellt, betrachtet und besprochen werden.

Für den Sammlungsaufbau leiste man gern Schützenhilfe, sagt Rüdiger Becker. Die Stücke, die da am Dienstagvormittag den Besitzer wechseln, sind Präparate von Tieren, die im Oderbruch heimisch sind: Stockente, ein Amselmännchen, ein Sperberweibchen, ein Mäusebussard, ein Merlin, ein Zwergtaucher, ein Tüpfelsumpfhuhn und Nebelkrähe. „Mit diesen acht haben wir jetzt 18 Präparate“, sagt Michael Fehr. „Und uns tut die Schenkung nicht weh“, sagt Becker. Nicht nur, weil das Heineanum mehr als 34.000 Stücke in seinem Bestand hat.

Wichtiges Netzwerk

Die nun dem Oderbruch-Museum geschenkten Präparate hatte das Heineanum vor Jahren aus der Grundschule Wehrstedt übernommen, sie waren undatiert und für die wissenschaftliche Arbeit daher nicht so wertvoll, dass man sie unbedingt behalten müsse. Aber zum Wegwerfen seien so ordentlich präparierte Stücke zu schade.

Mit der Schenkung bekämen sie nun einen neuen Stellenwert. „Und wenn im Oderbruch zu lesen ist, dass das Material aus dem Heineanum in Halberstadt stammt, ist das für uns auch wieder eine wichtige Außenwerbung“, sagt Rüdiger Becker.

Kontakt über Dritten geknüpft

Dass der Kontakt aus dem Märkischen nach Halberstadt zustande kam, ist einem Dritten zu verdanken. Zwar hatte Michael Fehr Halberstadt schon einmal besucht, aber damals galt sein Interesse den Kirchen der Stadt, nicht der umfangreichen vogelkundlichen Sammlung. Nun, auf der Suche nach Schaustücken für Altranft, fragte Fehr Dr. Frank Steinheimer, den Leiter des Zentralmagazins Naturwissenschaftlicher Sammlungen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Der wiederum verwies Fehr ans Heineanum Halberstadt. Steinheimer kennt nicht nur aus jahrelanger gemeinsamer Arbeit Rüdiger Becker, sondern ist selbst Mitglied im Förderkreis des Heineanums.

„So schließt sich der Kreis“, sagt Becker. Denn auch die Entstehung der Heineanums-Sammlung sei neben dem persönlichen Einsatz von Ferdinand Heines auch einem großen Netzwerk natur- und vogelkundlich Interessierter zu verdanken.