Halberstadt l Der beigefarbene Sand bildet ein großes Rechteck. Es umschließt die Fläche, auf der normalerweise die Bestuhlung im Dom steht. Säuberlich aufgereiht liegen die Bodenplatten neben dem schmalen Graben. Einige sind zerbrochen, aber die Bruchstellen sind erkennbar alt. Pfeile, Nummern auf der Rückseite geben den Mitarbeitern der Werkstätten für Denkmalpflege Quedlinburg/Westerhausen Hinweise, wenn sie die Bodenplatten wieder zurück auf ihre alten Positionen legen. Dass sich unter ihnen ein Kabel befindet, ist dann nicht mehr zu erkennen.

Unscheinbare Hörschleife

Es ist dieses unscheinbare Kabel, das dem Dom in Halberstadt zumindest zeitweise in Sachen Barrierefreiheit eine Sonderstellung verschafft. Denn als erste Einrichtung in der Stadt verfügt jetzt der Dom über eine Hörschleife. Das ist eine technische Hilfe für Menschen, die ein Hörgerät oder eine Innenohrprothese tragen.

Engagement für die Stadt

„Wir sind alle Halberstädter und wollten etwas für unsere Stadt tun“, sagt Klaus Begall, der als stellvertretender Vorsitzender des Vereins zur wissenschaftlichen Förderung der Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde am Mittwochnachmittag in den Dom gekommen ist, um sich einen Überblick über die Arbeiten an der Hörschleife zu verschaffen. Dombaumeister Volker Lind führt ihn und die anderen anwesenden Vereinsmitglieder über die Baustelle. Jörgen Kohl, Cornelia Neumann und Stefan Wendt sind sichtlich erfreut darüber, dass ihr seit drei Jahren verfolgtes Projekt auf die Zielgerade einbiegt. Solange schon sind sie dabei, Geld zu sammeln für die Technik und deren fachmännische Verlegung. Rund 12 000 Euro etwa werden am Ende zu Buche schlagen, sagt Lind, der sich um alle Genehmigungen und Zustimmungen gekümmert hat. Ohne denkmalrechtliche Genehmigung darf im Dom kein Stein angehoben werden und natürlich muss auch die Eigentümerin, die Kulturstiftung des Landes solchen Arbeiten zustimmen. Was diese aber gerne tat.

Bilder

„Mit der Hörschleife können Menschen, die ein Hörgerät tragen, Reden und Musik besser verfolgen“, sagt Begall und erklärt das Funktionsprinzip so: „Die Hörschleifen funktionieren wie Antennen, auf die die Geräte direkt aufgeschaltet sind. Alles, was über ein Mikrofon aufgenommen wird, wird auf diese Schleife übertragen und kann von dort direkt ins Ohr des Betroffenen gelangen.“ Damit werden also alle störenden Nebengeräusche unterdrückt. Ein normal Hörender filtert solche automatisch weg, um das, was er hören will, besser wahrzunehmen. Mit einer Hörschleife wird das auch für Menschen mit technischen Hörhilfen einfacher.

Jedes Hörgerät hat eine Telefonfunktion. Wenn die vom Träger eingeschaltet wird, hört derjenige alles, was auch über Lautsprecher übertragen wird. Er erhält also die digitalen Signale und ist nicht mehr auf die Schallwellen angewiesen.

Zehn Prozent der Halberstädter betroffen

Da geschätzt mindestens zehn Prozent der Halberstädter über ein Hörgerät oder eine Innenohrprothese verfügen, wäre diese Hörschleife ein Argument für viele, sich auch mal wieder ein Konzert im Dom anzuhören, sagt Begall. „Das vermeiden viele oft, weil für sie in Kirchen oft eine schlechte Akustik herrscht“, fügt Stefan Wendt an. Der Krankenhaustechniker ist ebenfalls Vereinsmitglied und lässt sich an diesem Nachmittag von Detlef Kern in die kleine Anlage einweisen, die künftig besseres Hören im Langhaus des Doms ermöglicht. „Wir haben auch ein paar Kopfhörer angeschafft für die, die ein sogenanntes Im-Ort-Gerät tragen, das keine gesonderte Telefonfunktion besitzt“, sagt Begall.

Magisches T weist auf Technik hin

In vielen Museen und Kirchen in Deutschland gibt es solche Hörschleifen schon – überall an einem blauen Schild mit Ohrsymbol und dem Buchstaben T darauf zu erkennen. Das allererste Schild dieser Art in Halberstadt wird – wenn die Stolperfallen geschlossen sind – im Dom zu finden sein.