Kandidat zur Landtagswahl

„Ich will’s noch mal wissen“

Im Wahlkreis 15 (Blankenburg) kämpfen sieben Direktkandidaten um das Mandat für den Landtag. Die Volksstimme stellt sie vor – heute: Michael Körtge (Die Linke).

Von Mario Heinicke 24.05.2021, 15:00 • Aktualisiert: 24.5.2021, 15:35
Entspannung findet Michael Körtge in der Natur. Sei es auf einem Spaziergang mit Dackel Gustaf ins Große Bruch oder als Jäger auf der Pirsch im Wald.
Entspannung findet Michael Körtge in der Natur. Sei es auf einem Spaziergang mit Dackel Gustaf ins Große Bruch oder als Jäger auf der Pirsch im Wald. Foto: Mario Heinicke

Rohrsheim - Bisher, so sagte Michael Körtge, habe er eigentlich eher in der zweiten Reihe gestanden. Doch jetzt möchte er die Nummer eins werden. Für die Partei Die Linke tritt er als Direktkandidat an. Gewissermaßen auf den Pfaden des Ilsenburgers André Lüderitz, der von 2006 bis 2016 im Landtag saß, es bei seiner Kandidatur vor fünf Jahren aber nicht wieder ins Parlament geschafft hatte.

In der großen politischen Öffentlichkeit stand Michael Körtge bisher noch nicht. Dabei fungiert er schon einige Jahre im Harz als stellvertretender Kreisvorsitzender seiner Partei, verfügt über langjährige kommunalpolitische Erfahrungen. Als Halberstadt noch ein eigenständiger Landkreis war, kam er während der Legislatur als Nachrücker in den Kreistag. Später arbeitete er im Harzer Kreistag als sachkundiger Einwohner im Bildungsausschuss mit.

Auf Gemeindeebene war Michael Körtge Mitte der 1990er Jahre Mitbegründer der heute noch bestehenden Wählergemeinschaft Aktiv für Hessen. Nach seinem Umzug 2002 nach Rohrsheim folgten Mandate im letzten Aue-Fallsteiner Gemeinderat, im Rohrsheimer Ortschaftsrat sowie seit 2019 im Osterwiecker Stadtrat, nachdem er hier den Einzug zweimal nur knapp verpasst hatte.

Die Position in der zweiten Reihe zieht sich noch an anderen Stellen durch das Leben des 59-Jährigen. Zu DDR-Zeiten war Michael Körtge Offizier der Grenztruppen und dort stellvertretender Kompaniechef.

In Thale aufgewachsen, bis zur zehnten Klasse zur Schule gegangen und danach im Eisenhüttenwerk den Beruf des Instandhalters gelernt, hatte sich Körtge für 25 Jahre zur Armee verpflichtet. Nach der Offiziersausbildung in Plauen kam er 1984 nach Halberstadt und wurde - daran erinnert er sich noch gut - von dort aus zu seinem ersten Dienst- und Wohnort Veltheim gefahren. Von da an seine neue Heimatregion. Natürlich kannte er Halberstadt, doch was westlich der Kreisstadt lag, war selbst für ihn als Harzer damals unbekanntes Terrain.

An der Grenze wartete Michael Körtge technische Anlagen im Abschnitt zwischen Pabstorf und Stapelburg. Zuletzt im Pionierbataillon tätig, war er im Wendeherbst 1989 an mehreren Grenzöffnungen unmittelbar beteiligt. So in Stapelburg, Hessen und im Oberharz nach Braunlage.

Die Grenzöffnung, so sagte er im Rückblick, sei für ihn persönlich zunächst eine sehr dunkle Stunde gewesen. „Im Nachhinein aber war es ein sehr guter Moment.“

30 Jahre im Außendienst

Michael Körtge arbeitete zwar noch kurze Zeit an der Grenze beim Zoll, musste dann aber beruflich bei Null starten. Im Sommer 1990 erhielt er einen Job im Außendienst eines Braunschweiger Büroausstatters. Außendienstler ist er auch jetzt noch nach über 30 Jahren. Nun als Anwendungstechniker für Reinigungschemie, zum Beispiel für Autowaschanlagen. In ganz Norddeutschland ist er unterwegs.

Zwischendurch, fügte Michael Körtge hinzu, sei er auch mal zwei Jahre arbeitslos gewesen, kennt also auch diese Seite des Lebens.

Als Berufsoffizier war Michael Körtge natürlich Mitglied der SED. Doch seine Parteimitgliedschaft bei der SED-Nachfolgerin nach der Wende erfuhr eine Unterbrechung. In den 1990er Jahren habe er den Anschluss verloren, sei aus der PDS ausgetreten und erst nach vier, fünf Jahren wieder eingetreten.

Warum? „Mich hat weiterhin die Politik interessiert, die durch die Linke vertreten wird. Viele der Veränderungen, die befürchtet wurden, waren ja eingetreten. Die sozialen Ungerechtigkeiten; oder die Treuhand, die das Tafelsilber verscherbelt hat“, erklärte Michael Körtge. „Der Sozialismus ist nach wie vor für mich eine Perspektive.“

Nach seiner Einschätzung müssten im Land „Grundlagen geschaffen werden, damit die Gelder, die ja real existieren, dort eingesetzt werden, wo sie gebraucht werden.“ Dabei sieht der Kandidat eine Schieflage. „Es gibt Staus bei der Modernisierung von Schulen, Kindergärten und Straßen, es gibt auf den Dörfern keine Läden mehr, für die Jugend wird relativ wenig getan.“

Karneval und Jagd

Doch noch einmal zurück zur zweiten Reihe, in der sich Michael Körtge bisher betrachtete. Ein Hobby des Rohrsheimers ist der Karneval. Im Hessener Carnevalsclub ist er stellvertretender Vorsitzender und kann hier eines seiner Talente ausleben, das Organisieren. „Zumindest bilde ich mir das ein“, sagte er augenzwinkernd.

Wobei Michael Körtge beim Karneval nicht nur mit an den Fäden zieht, sondern auch selbst in der Bütt steht. Vor etwas mehr als 20 Jahren bestand der Jung-Karnevalist seine Feuertaufe als „Nörgelfranz“. Auch in der Rolle als „Hermine“ wurde er bekannt. Wobei es ihn auszeichnet, dass er seine Reden selber schreibt und darin auch Lokales und die Politik aufspießt. Was heute im lokalen Karneval eher selten der Fall ist.

Der Karneval ist Michael Körtge übrigens nicht in die Wiege gelegt worden, sondern dorthin kam er über sein anderes Hobby, die Jagd. Erich Kegel, zu Lebzeiten Jäger und Karnevalschef, hatte ihn und noch weitere Jäger überredet.

Der Jagd frönt Michael Körtge nach wie vor. Im Fallstein und im Großen Bruch ist er unterwegs. „Jagd ist für mich Entspannung“, sagte der 59-Jährige. Manchmal gehe er mit seinem Rauhaarteckel Gustaf frühmorgens oder spätabends auch nur in den Wald, um „der Natur zu lauschen“ und die Ruhe zu genießen.

Und was hat Michael Körtge nun motiviert, aus der zweiten Reihe den Sprung in die erste zu wagen? „Das ist die ganze politische Lage in Sachsen-Anhalt. Zu meckern ist die eine Sache, etwas zu verändern versuchen, die andere“, erklärte er. Darüber hinaus „will ich’s noch mal wissen, ob ich das Potenzial habe, gewählt zu werden. Deshalb trete ich auch nicht in der Landesliste an.“

Michael Körtge ärgere, dass Abgeordnete über „drei, vier, fünf Legislaturen“ im Land- oder Bundestag sind. Warum? Jeder neue Abgeordnete, erläuterte er, gehe in ein Parlament, um etwas zu verändern. Doch meistens werde nichts verändert, stattdessen bleibe der Abgeordnete auf den eingefahrenen Gleisen des Politikbetriebs. Würden die Wahlzeiten beschränkt, kämen auch neue Ideen in die Parlamente.

Kritik an der Förderpolitik

Ein Schwerpunkt, dem sich Michael Körtge im Landtag widmen möchte, ist der Sanierungsstau bei öffentlichen Einrichtungen und Straßen. Weiterhin das Thema Mittelstand. „Wir sprechen oft davon, der Mittelstand müsse gestärkt werden, weil dort die Werte geschaffen werden. Dann kann es doch aber nicht sein, dass die Mittelständler jetzt in der Corona-Pandemie monatelang auf die Auszahlung ihrer Gelder warten müssen.“ Bei Steuernachzahlungen von Firmen sei der Staat dagegen kompromisslos.

Ein weiterer Schwerpunkt sei die „Förderpolitik schlechthin“. Warum, fragte er, werde zum Beispiel dem Landkreis Harz nicht eine pauschale Fördersumme für die Sanierung von Schulen zur Verfügung gestellt? Ein Budget, das der Landkreis vor Ort nach eigener Entscheidung verteilen kann.

Stattdessen reiche das Land Fördermittel nur für konkrete Projekte aus. „So wird versucht, über die Förderpolitik Schulen schlechter oder besser dastehen zu lassen, um im Bedarfsfall wieder eine Schule schließen zu können. Und die Kinder müssen dann noch weiter fahren.“

Als Beispiel dieser fraglichen Förderpolitik sieht er die Kindertagesstätte Hessen, die größte kommunale Tagesstätte in der Stadt Osterwieck. Das Land hatte bis 2011 zwei Sanierungsabschnitte gefördert. Seitdem sei es der Stadt nicht möglich gewesen, eine Förderung für den dritten und letzten Bauabschnitt zu bekommen, um das Vorhaben wirklich abzuschließen.

Die Politik, sagte Michael Körtge weiter, müsse die Grundlagen schaffen, damit sich die Unternehmen in Sachsen-Anhalt entwickeln und letztendlich auch gute Löhne zahlen können. „Warum pendeln denn so viele Arbeitnehmer nach Niedersachsen zur Arbeit? Es geht nur um Kohle. Wenn sich da nichts ändert, bleibt Sachsen-Anhalt ein Niedriglohnland.“