Halberstadt l Außer Spesen nichts gewesen? War die Versteigerung von Flächen in den Halberstädter Thekenbergen – salopp formuliert – eine teure Nullnummer? Mitnichten: Dr. André Löffler, der als Insolvenzverwalter das Verfahren in der Hand hält, hat nach der Auktion, die im September auf Betreiben der Stadt Halberstadt als einer der Hauptgläubiger im Amtsgericht Halberstadt über die Bühne gegangen ist, zumindest eine klare Hausnummer: Eine Firma aus Oststeinbeck bei Hamburg war bereit, für das riesige Areal in den Thekenbergen, zu dem die unterirdischen KZ-Stollen gehören, 355.000 Euro zu geben.

Zwar hat die Stadt im Nachgang dem Gebot den Zuschlag verweigert, weil der unbekannte Interessent seine Pläne gegenüber der Stadt nicht im Detail vorgestellt hat. Gleichwohl sind jene 355.000 Euro nun zur neuen Verhandlungsbasis avanciert.

Das ist auch Jürgen Meenken bekannt. Der Landwirt, der in Langenstein einen Milchviehbetrieb bewirtschaftet, ist vom Verfahren rund um die Insolvenz des bisherigen Grundstücksbesitzers gleich im doppelten Sinne betroffen.

Fingerspitzengefühl für Geschichte

Einerseits, weil er auf dem Areal in den Thekenbergen Liegenschaften für seinen Betrieb und den Merino-Verein nutzt und daran gern festhalten würde. Andererseits, weil er als Langensteiner Ortsbürgermeister ein großes Interesse daran hat, dass der geschichtlich bedeutsame Ort mit den nötigen Fingerspitzengefühl behandelt wird. „Insbesondere ist es mir ganz wichtig, dass die Untertageanlage nicht an zwielichtige Personengruppen geht“, betont der Christdemokrat. Deshalb habe er im September mit Partnern bei der Versteigerung mitgeboten, sei aber unterhalb der 355.000 Euro ausgestiegen.

Meenkens Ansinnen ist vor allem mit Blick auf die jüngere Geschichte der Thekenberge nachvollziehbar. Zwischen 1944 und 1945 mussten Tausende Häftlinge aus dem nahen Konzentrationslager (KZ) Langenstein-Zwieberge ein rund 13 Kilometer langes Stollensystem in das Sandsteinmassiv treiben. Die Nazis wollten ihre Rüstungsproduktion unter Tage verlegen, um alliierten Luftangriffen zu entgehen. Viele Häftlinge überlebten die Torturen nicht.

Später ließ die DDR ein weiteres Stollensystem in den Berg bauen, um Militärtechnik und Munition einzulagern. Nach der Wende sollten hier unter anderem DDR-Banknoten verrotten. Ein Abschnitt des Stollensystems wird heute von der KZ-Gedenkstätte genutzt und ist regelmäßig für Besucher zugänglich.

Auch in der Gedenkstätte dominieren mit Blick auf die unklare Zukunft des Areals Sorgen. Was wäre, wenn ein neuer Eigentümer der Gedenkstätte den Stuhl vor die Tür setzen würde? Eine Gefahr, die Jürgen Meenken definitiv ausschließt, sollte er mit der UTA Halberstadt GmbH zum Zuge kommen. Hinter der UTA – abgeleitet von Untertage-Anlage – verbergen sich nach seinen Worten er und vier weitere Landwirte aus Norddeutschland.

„Die haben das Geld und sehen das Potenzial, das in dem Areal steckt“, so der Landwirt und Kommunalpolitiker. Nachdem die UTA Halberstadt GmbH im September bei der Auktion ausgestiegen sei, habe das Quintett nun genügend Geld aufgebracht, um jene bei der jüngsten – der bereits zweiten – Versteigerung aufgelegte Marke von 355.000 Euro zu überbieten.

Winterquartier für Schafe

Konkrete Zahlen mag Meenken zwar nicht nennen, er sagt aber: „Wir haben noch einige zehntausend Euro draufgepackt und unser Angebot in notarieller Form vorgelegt.“ Das Ansinnen ist klar: In direkten Verhandlungen mit dem Insolvenzverwalter eine Lösung, sprich einen Verkauf aus der Masse heraus, zu erreichen.

Dabei hat Jürgen Meenken auch seine bisherige Nutzung im Blick. In den Hallen können Stroh und Heu eingelagert werden. Zudem nutze der Merino-Verein die Gebäude als Winterquartier für seine Schafe. „All das könnte so bleiben, kommen wir zum Zuge“, versichert er. Und das gelte garantiert auch für den von der Gedenkstätte genutzten Stollenabschnitt. Der bleibe erhalten – mindestens. „Wir könnten die Verantwortlichen der Gedenkstätte in dieser Hinsicht absolut beruhigen.“

Allein: Insolvenzverwalter André Löffler ist nach aktuell wohl nicht nur mit der UTA Halberstadt GmbH im Gespräch. Dem Vernehmen nach sollen Verhandlungen mit weiteren Kaufinteressenten laufen, die ihre Ambitionen bis Anfang Dezember gegenüber Löffler mit konkreten Konzepten unterlegen sollen.

Insolvenzplan erarbeitet

Details sind dazu unklar, eine Anfrage der Volksstimme ließ der Insolvenzverwalter aufgrund der gesetzlich angeordneten „Nichtöffentlichkeit“ des Verfahrens unbeantwortet.

Nach Recherchen der Volksstimme arbeitet Löffler aktuell wohl an einem Insolvenzplan. Mit dem Papier sollen mögliche Verwertungsoptionen für das Insolvenzobjekt skizziert werden. Letztlich müssen jedoch die Gläubiger das weitere Verfahren absegnen – auch und insbesondere mit Blick auf ihre Forderungen und den in Aussicht stehenden Verwertungsertrag. Möglicherweise ist Anfang 2018 mit konkreten Ergebnissen zu rechnen.

Auch der Halberstädter Oberbürgermeister Andreas Henke hält sich mit Details zurück. „Die UTA Halberstadt GmbH ist aus unserer Sicht eine Option, die den Vorteil hätte, dass man die Akteure und deren Seriosität kennt“, so der Linkspolitiker. Aber: Das Heft des Handelns liege beim Insolvenzverwalter. „Für uns ist entscheidend, dass nur eine Nutzung in Frage kommt, die mit den historischen Aspekten des Areals konform geht“, betont Henke.