Osterwieck l Safaa Al Aktaa umarmt Peggy Matzelt zur Begrüßung. Die Frauen lachen. Die Syrerin ist mit ihrem Mann und zwei ihrer drei Söhne zu Peggy Matzelt in den Schreiberhof gekommen. Der kleine Mohammad rennt gleich zu Felix auf den Innenhof. Sie kicken sich den Fußball hin und her. „Kaffee?“, fragt Peggy Matzelt ihre Gäste. Wie so oft lautet die Gegenfrage: „Deutscher oder marokkanischer Kaffee?“ „Deutscher.“ Dann lieber nicht. Zumindest nicht für Safaa Al Aktaa. Marokkanischer Kaffee ist mit Kardamom versetzt, wird mehrmals erhitzt.

Seit 2016 für Flüchtlinge engagiert

Peggy Matzelt engagiert sich seit 2016 für Geflüchtete in Osterwieck. Zwischen 15 und 20 Menschen hat sie seitdem geholfen. Sie ist damals über einen Zeitungsartikel gestolpert. Ein Aufruf, dass ehrenamtliche Helfer gesucht werden. „Ich konnte das Leid der Flüchtlinge im Fernsehen nicht mehr sehen, habe mich nicht mehr getraut, Facebook zu öffnen“, sagt die 42-Jährige. Die Zeitungsanzeige war der Anstoß, dass aus ihrem diffusen Ich-muss-irgendetwas-tun-Gefühl konkrete Hilfe wurde.

Eine von 33 Integrationslotsen

Seit April gehört sie mit den Osterwieckerinnen Renate Fink und Margret Unmann zu den 33 ehrenamtlichen Integrationslotsen im Landkreis Harz. Einmal im Monat treffen sie sich jetzt mit Leuten der Stadt und vom Landkreis, um über all das zu sprechen, was ihnen bei ihrer Hilfe begegnet. Aber warum erst jetzt? Die Frauen waren vorher über das Diakonische Werk als Paten tätig. Da dieses Projekt 2017 endete, wurden sie kürzlich Teil des Lotsen-Programms des Landkreises.

35 Geflüchtete leben momentan in den zwölf Wohnungen in Osterwieck, die die Stadt für Geflüchtete gemietet hat.

Vater wollte Sohn nicht dem Bürgerkrieg

Safaa Al Aktaa, Maher Kechma Mansoursbahia und ihre Söhne Ahmad, Mahmoud und Mohammad haben dank Peggy Matzelt eine eigene Mietwohnung. Sie kommen aus Damaskus, der Hauptstadt Syriens. Als ihr ältester Sohn zur Armee eingezogen werden sollte, floh Maher Kechma Mansoursbahia mit ihm in die Türkei. Er wollte seinen Sohn nicht dem Bürgerkrieg in Syrien opfern. Vier Monate später folgten Safaa Al Aktaa und die anderen Söhne. Vorher reichte das Geld nicht. Nach wenigen Tagen in der Türkei, floh die Familie übers Meer nach Griechenland und über die Balkanroute weiter nach Deutschland. Nur ein paar Wochen später, im März 2016, wurde die Westbalkanroute für Geflüchtete geschlossen. Im Januar 2016 kam die Familie in Osterwieck an.

Peggy Matzelt lernte die Familie bei einer Grillfeier der Geigenbauerin Renate Fink kennen. Die Chemie stimmte. Die Osterwieckerin half der Familie bei Arzt- und Amtsbesuchen, organisierte Wohnung und Übersetzer, vermittelte Spielsachen und Einrichtungsgegenstände, füllte Formulare aus, ging mit zu Elternabenden und fuhr mit ihnen in arabische Spezialitätenläden, wo es Auberginen, Fladenbrot und Fleisch gibt, das halal ist und so ihren Vorstellungen entspricht.

Bis heute noch zu allem Kontakt

Am Anfang war sich Peggy Matzelt nicht sicher, ob sie neben ihrer Vollzeitarbeit in der Apotheke und als alleinerziehende Mutter von zwei Kindern die Kraft für diese Hilfe hat. Auch ein bisschen Angst hatte sie vor dem, was da auf sie zukommen würde. „Dann dachte ich mir, dass ich die Angst nur verlieren kann, wenn ich mich ihr stelle.“ Gesagt getan. Bei einem ersten Treffen wurden den gut zehn Ehrenamtlichen, die sich gemeldet hatten, Geflüchtete zugeteilt. Über die Monate lernte sie immer mehr Zugezogene kennen, denen sie half. Zu allen hat sie heute noch Kontakt. Sieht sich als Freundin, weniger als Integrationslotsin.

Wütend über Vorurteile

Probleme hatte Peggy Matzelt bei der Wohnungssuche. Einige Vermieter sagten ihr schon am Telefon ab, ohne die syrische Familie je kennengelernt zu haben. Das mache sie wütend. Kritikern sagt sie: „Sprich zehn Minuten mit einem Geflüchteten und hör‘ dir seine Geschichte an.“ Sie fragt auch, wie verzweifelt man sein muss, um mit seiner Familie in ein Boot zu steigen, ohne schwimmen zu können. Peggy Matzelt hat über Facebook mal gefragt, wer bei Geflüchteten eine Lampe aufhängen oder ein paar Möbel mit dem Auto fahren kann. Es habe sich niemand gemeldet.

Große Pläne und viele Träume

Maher Kechma Mansoursbahia ist glücklich, in Deutschland zu sein. So glücklich er eben sein kann weitab der Heimat, ohne Job. Er ist glücklich für seine Söhne, die hier eine Chance auf ein freies Leben haben. Ahmad, der älteste, beginnt im August eine Ausbildung zum Friseur in Wernigerode. Jobbt schon jetzt in dem Salon. Safaa Al Akba ist ebenfalls Friseurin. Irgendwann einmal will Ahmad seinen eigenen Salon eröffnen und seine Mutter anstellen. Das ist zumindest sein Traum. Sie darf aufgrund ihrer Religion nur Frauen die Haare schneiden. Mahmoud geht auf die Sekundarschule in Dardesheim. Zunächst hatten seine Lehrer das Ziel, dass er den Hauptschulabschluss schafft. Im nächsten Jahr hat er wohl den Realschulabschluss in der Tasche.

Peggy Matzelt betreut nicht nur Familien. Auch alleinstehenden jungen Männern hilft sie. Sie erlebt, dass viele großes Heimweh haben. Wenn sie das Wort „Mama“ benutzt, laufen die Tränen. Auch bei ihr. Vor Mitgefühl. Sie erlebt, wie wichtig es für die Geflüchteten ist, wenigstens über das Handy Kontakt zur restlichen Familie zu halten. „Man kann nicht leben ohne Oma und Tante“, sagt Mahmoud.

Dank für Verständnis des Chefs

Und, hat sich der Kampf gegen die Angst, die Ohnmacht gelohnt? „Es ist viel Arbeit, aber ich nehme ganz viel mit“, sagt Peggy Matzelt. Sie habe neue Freunde gefunden, neue Sprachen und Kulturen kennengelernt. Habe aufgrund ihres Engagements eine Einladung nach Syrien und Kaffee mit Kardamom im Küchenschrank. Und: So habe sie auch neue Facetten ihres Chefs kennengelernt. Er lasse sie während der Arbeitszeit mit Ämtern telefonieren, die sie eben nur zu bestimmten Zeiten erreicht. Sie ist ihm sehr dankbar dafür. Okay – sie könne auch schlecht „Nein“ sagen und die Leute tun ihr leid. Doch eines sei sicher: „Ich würde alles wieder so tun.“