Halberstadt l Eine Warteschlange vor der neu eröffneten Jugendmode. Simone Bliemeister blickt auf das Schwarzweiß-Foto und sagt: „Um den Termin zu halten, wurde die kurzerhand in der Milchbar eröffnet, das Gebäude am Breiten Weg war noch nicht fertig. Vielleicht war ja jemand dabei, erinnert sich ans Schlange stehen oder hat sogar nach das Teil, das er dort kaufte.“ Die stellvertretende Museumschefin schildert plastisch, was gemeint ist, wenn die Museumsleitung sagt, sie bitte um die Schätze der Bürger. Und ihr Chef ergänzt: „Die Trompete von Mars la Tour haben wir ja auch nur deshalb in der Sammlung, weil sie über viele Jahre auf einem Dachboden aufbewahrt wurde“.

Armin Schulze ist aber nicht nur auf der Suche nach Objekten, auch wenn die natürlich sehr gerne entgegengenommen werden. Er ist gemeinsam mit seinem Team und dem Geschichtsverein auf der Suche nach den Geschichten in der Geschichte und hat dabei vor allem die Zeit im Blick, der sich eine neue Ausstellung des Städtischen Museums widmen will.

Jüngere Stadtgeschichte

70, 30, 20 – das sind die Eckdaten, der Titel, unter dem derzeit gearbeitet wird. Schulze bevorzugt lieber „Zwischen Apokalypse und Euphorie“, beide Worte seien der Spannungsbogen der neuen Ausstellung. Sowohl die Zahlen als auch der Titel spiegeln wider, dass es um jüngere Stadtgeschichte geht.

1948 wurde die große Aufbau-Ausstellung in Halberstadt eröffnet, „Halberstadt ruft“, hieß die. Und spätestens mit dieser Ausstellung waren alle Pläne, die zerstörte Stadt an einem anderen Ort neu aufzubauen, obsolet. Die Halberstädter wollten ihre Stadt zurück und nicht irgendeine. Dass der Aufbauwille an mancher Stelle ausgebremst wurde, auch das wird Thema der neuen Ausstellung sein. Denn Mangelwirtschaft, ideologische Verblendung, Bevormundung, Recht und Unrecht prägten das Leben der Einwohner und auch die Entwicklung Halberstadts nach 1945.

Persönliche Erinnerungen

Die große Ausstellung zur Zerstörung Halberstadts am 8. April 1945 soll mit der 70-30-20-Schau eine Fortsetzung erfahren. Thementafeln ordnen Ereignisse in der Stadt ins Zeitgeschehen ein, und die ganz persönlichen Erinnerungen der Halberstädter ergänzen diese Draufsicht.

Gefragt sind Fotos, Filme, Videosequenzen, Dokumente und anderes. „Vielleicht hat ja jemand nach der Sprengung der Paulskirche einen Stein aufgehoben und kann sich noch daran erinnern, mit welchen Emotionen er bei diesem Ereignis dabei war“, sagt Simone Bliemeister. „Wie war es, zur Wendezeit in der Martinikirche dabei zu sein oder im Demonstrationszug mitzulaufen? War man froh, aus den Abrisshäusern ausziehen zu können oder wollte man in der Altstadt bleiben? Wie lief das ab mit der Vergabe der Neubauwohnungen, wurde alle Wohnungsschlüssel verlost? Es sind solche Geschichten, die uns interessieren.“

Wer seine Erinnerungen nicht aufschreiben mag, sondern lieber erzählt, kann sich ebenfalls ans Museum wenden. Denn Volker Bürger und Harald Kruse vom Geschichtsverein haben sich bereit erklärt, nicht nur das eingehende Material zu sichten, sondern auch Halberstädter aufzusuchen, um deren Erinnerungen aufzuzeichnen.

Bilder der Stadtgeschichte

70 Jahre Aufbauausstellung, 30 Jahre Wende (im kommenden Jahr) und 20 Jahre Wiederöffnung des Stadtzentrums sind die Basis für die Projekte des Museums. Eines der Vorhaben ist, das Rathaus zur Leinwand zu machen und auf der Riesenfläche Bilder der Stadtgeschichte seit 1945 zu zeigen, mit Musik, Versorgungsständen und Tausenden Halberstädtern. Die sind dazu für den 17. August eingeladen.