Halberstadt l Wie mag er wohl gewesen sein, der kleine Junge, dem das Bettchen gehörte? „Er hieß Leon Meyer, so viel steht fest. Er wurde am 22. Juli 1878 in Halberstadt geboren“, berichtet Jutta Dick. Sie ist die Direktorin der Halberstädter Moses-Mendelssohn-Akademie (MMA), die wiederum neuer Besitzer des Kinderbettes ist.

Späte Namensgebung

Die MMA hat es im Dezember beim New Yorker Traditions-Auktionshaus Sotheby’s für 2250 US-Dollar, also rund 2000 Euro, erstanden. Nun ist das Bett per Flugzeug in Deutschland eingetroffen – und die Neugier auf den einstigen Eigentümer wurde geweckt.

Die Kopie der Geburtsurkunde – das Original liegt im Stadtarchiv – gibt Jutta Dick erste Anhaltspunkte. „Interessant ist, dass der Junge erst nach mehr als einer Woche einen Namen bekommen hat“, sagt sie erstaunt. In einer handschriftlichen Notiz auf dem Dokument ist festgehalten, dass die Hebamme erst am 31. Juli dem Standesamt den Namen mitteilte. „Üblich war das zur damaligen Zeit nicht“, so die MMA-Leiterin.

Bekannte Adresse

Noch etwas offenbart die Geburtsurkunde – das Elternhaus von Leon Meyer ist bis heute eine bekannte Adresse: Voigtei 48. Dort ist mittlerweile das Schraubemuseum zu finden. Ein Blick ins Adressbuch von 1936 zeigt, dass damals ein Tischler hier gemeldet war. Ob er – oder einer seiner Vorfahren – das Kinderbett gefertigt hat? Reine Spekulation, aber denkbar. Denn bei dem 95,3 Zentimeter langen Bett handelt es sich um echte Handarbeit, wie der geschnitzte Segensspruch auf der Umrahmung belegt.

Kontakt nach Berlin

Wie das Bett in New York gelandet ist, ist gänzlich unbekannt, sagt Jutta Dick. Bisher wisse sie nur wenig über die Familie Meyer. Lediglich, dass Leon Meyer 1934 nach Berlin gegangen ist, und, dass er 1940 in Frankreich starb. „Ich werde Kontakt zu den Kollegen in Berlin aufnehmen, um mehr darüber zu erfahren, wie lange und warum er in Berlin war“, kündigt Jutta Dick an. Zunächst betreibt sie aber Detektivarbeit in der MMA, die ihren Sitz in der Klaussynagoge hat.

Datenbank angelegt

Die Historikerin durchforstet Aufzeichnungen mit Geburts-, Hochzeits- und Sterbedaten. Dank der Arbeit von Ehrenamtlichen, die die alten Zahlen und Namen in eine digitale Datenbank eingepflegt haben, dauert die Recherche nur wenige Minuten. Konzentration ist gefragt. „Zu der Zeit gab es mindestens vier jüdische Familien in Halberstadt, die Meyer hießen“, berichtet Jutta Dick.

Dennoch erfährt sie schnell mehr über Leons Verwandtschaft. Seine Eltern waren Aron, ein Kaufmann, vermutlich Jahrgang 1843, und Lina, geborene Meyersohn. Sie hatten noch zwei Kinder: Adele, 1877 geboren, und den zwei Jahre jüngeren Max. Es gibt Hinweise auf den Bruder des Vaters und andere Verwandte.

Ausstellung geplant

Eine Geschichte zu dem Namen Leon Meyer entwickelt sich – so, wie es sie zu Hunderten von Halberstädter Juden zu erzählen gibt. Fast 1000 Menschen jüdischen Glaubens waren 1941 in der Domstadt registriert. Deren Andenken zu bewahren und über ihre Schicksale vor, nach und während des Zweiten Weltkriegs zu informieren – das haben sich die Mitarbeiter der MMA zur Aufgabe gemacht.

Zum Beispiel in Ausstellungen. In einer neuen Sonderschau, die derzeit vorbereitet wird, sollen noch mehr Alltagsgegenstände der Halberstädter Juden gezeigt werden, kündigt Jutta Dick an. In diesem Rahmen wird dann das Kinderbett von Leon Meyer präsentiert.