Halberstadt l „Ich war jahrelang schwer krank, ohne es zu wissen“, sagt Wolfgang Brüchert. Der 62-Jährige habe sich immer für gesund gehalten, bezeichnet sich selbst augenzwinkernd als „militanter Nichtraucher“. Klar, oft habe er sich schlapp gefühlt, die Luft war schneller weg als früher. „Aber ich dachte, ich sei erkältet oder habe es auf das Alter geschoben“, berichtet der Dardesheimer. Nach Jahren wollte er die Symptome, die immer stärker wurden, dann doch untersuchen lassen, ließ sich zu einem Spezialisten überweisen. Einen Tag vor dem geplanten Urlaub hatte er den Termin, erinnert sich Brüchert. Doch statt in die Ferien ging es für ihn Knall auf Fall ins Krankenhaus.

Brüchert litt, ohne es zu ahnen, an einer Herzkrankheit. Der Dardesheimer ist keine Ausnahme, sagt Prof. Dr. Guido Matschuck, Chefarzt der Klinik für Kardiologie & Rhythmologie am Halberstädter Ameos-Klinikum. „Viele Patienten nehmen die Symptome nicht wahr oder tun sie mit Ausreden wie Altersschwäche ab.“ Ein Fehler, denn je länger es dauert, eine Herzkrankheit zu entdecken, desto schwieriger sei die Behandlung. Eine Umstellung der Lebensweise und Medikamenten-Einnahme reichen dann nicht mehr aus.

Wolfgang Brüchert musste sich einer Operation unterziehen. Herzkranzgefäße und eine Herzklappe wurden ersetzt, Bypässe gesetzt. Bei Letzterem handelt es sich um so etwas wie „Umleitungen“, es werden Umgehungskreisläufe zur Überbrückung verengter Gefäßabschnitte angelegt. Das war im August 2017.

Die nächste große OP erfolgte im Februar 2018. Ihm wurde ein CRT-D-Gerät eingesetzt, vereinfacht ausgedrückt eine Kombination aus Schrittmacher und Defibrillator (Defi).

Defibrillator bremst Herzrasen

„Fast jeder moderne Defi kann auch als Schrittmacher arbeiten“, informiert Prof. Dr. Guido Matschuck. Was ist überhaupt der Unterschied? „Herzschrittmacher werden eingesetzt, wenn das Herz eines Patienten zu langsam schlägt“, erläutert der Kardiologe. Die kleinen Geräte regen das Herz mit einem elektrischen Impuls zum regelmäßigen Schlagen an, wenn der Herzrhythmus zu langsam ist oder sogar ganz aussetzt. Die Geräte können noch mehr: Sie speichern Informationen über den Herzrhythmus. Diese kann ein Arzt bei Untersuchungen abfragen. Laut dem Klinikum der Uni München werden jährlich mehr als 600.000 Systeme neu implantiert.

Es gibt nicht nur die langsamen, in der Fachsprache bradykarden, Herzrhythmusstörungen, sondern auch die, bei denen das Herz zu schnell schlägt (tachykarde). „Ein Defi kann bösartiges Herzrasen bremsen“, so Matschuck. Jeder kenne es, dass das Herz bei Aufregung schneller schlägt. Dann liege die Herzfrequenz vielleicht bei 100 Schlägen pro Minute – normal seien 60 bis 80. Bei Patienten mit Herzrhythmusstörungen kann die Frequenz 250 bis 300 Schläge pro Minute erreichen. „Das ist lebensbedrohlich.“ Die Extremform wird als Kammerflimmern bezeichnet. Das Herz schlägt so schnell, dass seine Pumpfunktion ineffektiv ist, Organe werden zu wenig durchblutet, das Hirn wird nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt.

Defibrillatoren sind vereinfacht gesagt Elektroschock-Geräte, mit denen das Herz neu gestartet wird. Fans von Arzt-Serien dürfte das bekannt vorkommen: Sobald das Wort Kammerflimmern fällt, kommen Defibrillatoren zum Einsatz. Alle müssen vom Krankenbett wegtreten, der Arzt verpasst dem Patienten einen Schock und kurze Zeit später ist dieser auf dem Weg der Besserung. Für implantierte Defibrillatoren gilt das gleiche Prinzip. Sie erkennen lebensgefährliche Herzrhythmusstörungen und geben, sobald es notwendig ist, selbstständig Elektroschocks ab, um einen normalen Herzschlag herzustellen.

Zu 70 Prozent schwerbehindert

Für Wolfgang Brüchert, von Haus aus Elektoinstallateur, sind solche technischen Details beeindruckend. „Ich bin ein Technikfreak und habe mich mit allem auseinandergesetzt“, verrät er lachend.

Und wie geht es ihm nun, nach Operationen und Reha, gesundheitlich? „Ich fühle mich sauwohl.“ Man müsse positiv denken und einen eisernen Willen haben. Und sich nicht von Rückschlägen oder Einschränkungen beeinflussen lassen. Brüchert, aufgrund der Erkrankung zu 70 Prozent schwerbehindert, musste verfrüht in Rente gehen. Wie er berichtet, ist er schnell erschöpft – sei es von Gartenarbeit oder Recherchen am Computer

Dennoch fällt ihm das abrupte Ausscheiden aus dem Beruf schwer. „Ich habe festgestellt, dass mir etwas fehlt, eine Aufgabe“, gesteht er. Eine solche hat er nun gefunden: Er ist gerade zum Sprecher einer neuen Selbsthilfegruppe gewählt worden. „Ich habe keine Erfahrungen auf dem Gebiet, aber ein gutes Bauchgefühl.“.

Selbsthilfegruppe trifft sich in Halberstadt

An jedem ersten Dienstag im Monat treffen sich Menschen mit Herzschrittmachern und Defibrillatoren in der Selbsthilfekontaktstelle, Gröperstraße 40/41, in Halberstadt. Ab 15 Uhr sind Betroffene wie Angehörige aus dem gesamten Harzkreis willkommen. „Natürlich soll es um die Erkrankung gehen, aber nicht nur“, sagt Wolfgang Brüchert. „Auch soziale Aspekte spielen eine Rolle, die Gruppe kann ein Anlaufpunkt für Menschen sein, die sich einsam fühlen, vielleicht entwickeln sich Freundschaften.“ Die Teilnehmer sollen voneinander lernen, ihre Erfahrungen teilen und sich gegenseitig unterstützen. Eines betont Brüchert jedoch: „Die Gruppe kann keinen Arzt ersetzen.“

An jedem Tag in dieser Woche widmet die Volksstimme einen Beitrag der Herzwoche. Neben Patienten und Medizinern kommen eine Ernährungs- und eine Sport­expertin zu Wort.