Halberstadt l Die Wände sind in leuchtendem Gelb gestrichen, bunte Basteleien von Kindern zieren die Glasscheiben. So freundlich der Anblick ist – der Geruch täuscht nicht darüber hinweg, an welchem Ort man sich befindet. Im Krankenhaus. „An den Geruch gewöhnt man sich nie“, sagt Charlyn Lodyga. Die 27-Jährige muss es wissen. 2005 hat sie ihre Ausbildung zur Krankenschwester begonnen. Nach einer kurzen Station in einem Krankenhaus in Hannover arbeitet sie seit einigen Jahren wieder im Ameos-Klinikum in Halberstadt.

Krankenschwester ist ihr Traumberuf, schon seit der Kindheit. „Ich habe früher immer mit meiner Oma Krankenschwester gespielt“, berichtet sie lachend. Nur sind Spiel und Realität nicht dasselbe. Echte Patienten haben echte Krankheiten. „An Körperausscheidungen jeglicher Art habe ich mich gewöhnt“, sagt sie. Gelingt ihr das auch mit dem Leid, dass sie in ihrem Beruf hautnah miterlebt: Krankheit, schlechte Prognosen, Tod? „Manchmal weine ich mit den Patienten und ihren Angehörigen“, sagt die Halberstädterin.

Aber das sei nur für den Moment. „Der Tod gehört zum Leben dazu. Das habe ich auch unserer Tochter schon erklärt.“ Sobald sie die Klinik verlässt, kann Charlyn Lodyga die Gedanken an die Schicksale hinter sich lassen. Sie wisse aber von Kollegen, dass das nicht jeder schaffe.

Stressfaktor Schichtdienst

Eben so wenig können sich alle an die Arbeit im Schichtdienst gewöhnen. Hin und wieder hatte auch sie müde Phasen, erinnert sich die Halberstädterin. Doch zur Freude ihrer Vierjährigen und ihres Lebensgefährten, sind diese Zeiten vorbei. Seit Charlyn Lodyga vor sechs Wochen die Leitung der Kinderstation übernommen hat, arbeitet sie nur noch montags bis freitags von 6.30 bis 14 Uhr.

Zu der Beförderung gehören nicht nur die neuen Arbeitszeiten und ein neuer Aufgabenbereich, sondern auch der Wechsel von der Intensiv- zur Kinderstation – inklusive neuer Kollegen und anderer Ärzte. Als Stationsleiterin ist die zierliche Blondine Vermittlerin und Ansprechpartnerin für Pflegepersonal, Ärzte, Patienten und Angehörige. „Sind die Entlassungspapiere fertig? Für welche Tests wurden Proben entnommen? Wie komme ich zur Radiologie? Auf welchem Zimmer liegt mein Sohn?“ Schier endlos ist die Liste an Fragen. Nebenbei meldet sich ihr ständiger Begleiter: das dauerklingelnde Telefon. „Das war zu Anfang eine ziemliche Umstellung“, berichtet sie.

Steter Patientenwechsel

Gewöhnungsbedürftig ist auch die Menge an Papierkram, die es täglich abzuarbeiten gilt. Dicke rote Ordner liegen vor ihr. Darin befinden sich Akten der Patienten: Welche Diagnose liegt vor, welche Untersuchungen und Behandlungen wurden veranlasst. An Tagen wie heute – elf der jungen Patienten werden auf einen Schlag entlassen – gibt es besonders viel zu schreiben.

Lange bleiben die Zimmer nicht leer. Warum die Kinder und Jugendlichen auf die Station kommen, ist ganz unterschiedlich, erläutert die Halberstädterin. Denn während die Erwachsenen je nach Krankheit auf die Stationen aufgeteilt werden – mit Nierenbeschwerden auf die Urologie, bei Stoffwechselerkrankeungen auf die Innere – sind in der Regel alle unter 18-Jährigen auf der Kinderstation. „Auf unserer Station ist es noch wichtiger, interdisziplinär zu arbeiten“, sagt die Stationsleiterin. Das bedeutet viele Absprachen, noch mehr Telefonieren.

Ist es schwieriger mit Kindern zu arbeiten als mit Erwachsenen? „Es ist anders“, sagt Charly Lodyga diplomatisch und ergänzt: „Es ist mehr Kommunikation notwendig“. Nicht nur zwischen dem Fachpersonal.

Stolz auf Beruf

Auch gilt es, aufgeregte Eltern zu beruhigen. Hauptaufgabe ist jedoch die Pflege der bis zu 25 Mädchen und Jungen. „Es macht mich stolz, dass uns Eltern ihre Kinder anvertrauen“, sagt die 27-Jährige. Sie versuche, trotz der vielen organisatorischen Aufgaben so häufig wie möglich weg vom Schreibtisch in die Krankenzimmer zu kommen.

Was muss eine gute Schwester mitbringen? „Nerven wie Drahtseile und Einfühlungsvermögen“, sagt die Leiterin. Und ein wenig Verhandlungsgeschick: Um den Jüngsten die Angst vor Ärzten zu nehmen, wenden die 14 Schwestern der Kinderstation Ablenkung und Bestechung an, zum Beispiel mit Spielsachen. „Das funktioniert eigentlich immer“, verrät die junge Mutter. „Auch bei meiner Tochter. Nach der Untersuchung bekommt sie ein Stück Schokolade.“ Mittlerweile geht das Mädchen gern zum Arzt.