Halberstadt l Einer war immer Pfarrer. Seit 1711 gibt es in seiner Familie eine ausgeprägte theologische Tradition, berichtet Jürgen Schilling. Der 1963 in Saalfeld geborene Pfarrer ist der neue Superintendent den Evangelischen Kirchenkreises Halberstadt und freut sich auf die Herausforderungen, die ihn erwarten. „Der Kirchenkreis ist toll aufgestellt“, schwärmt der Thüringer, der lange Zeit in Hannover tätig war und die vergangenen zwei Jahre in Magdeburg. Schilling war als Referent von Landesbischöfin a. D. Ilse Junkermann tätig und in gleicher Funktion bei Landesbischof Friedrich Kramer.

Warum der Wechsel? Jürgen Schilling hat auf diese Frage viele Anworten, eine lautet: „Ich bin an dem Punkt, wo ich sage, ich kann das.“ Eine andere ist die, dass die Landeskirche ihm sehr vieles ermöglicht hat in seiner Entwicklung und er die Zeit für gekommen hält, der Landeskirche auch etwas zurückgeben zu können. Er hat viele Erfahrungen auf unterschiedlichen Gebieten gesammelt, der Vater zweier erwachsener Söhne – sowohl persönlich als auch beruflich.

Der lange Weg

Der Weg zum Pfarrer war für ihn, der aus einem Pfarrerhaushalt stammt, nicht leicht. Die DDR wollte lieber Arbeiterkinder statt Pfarrerskinder mit Abitur. Also schloss Schilling seine zehnte Klasse ab, absolvierte eine Berufsausbildung zum Möbeltischler, war in unterschiedlichen Jobs tätig – bei einer Wohnungsbaugenossenschaft, im Braunkohle-Tagebau Espenhain und als Kassierer von Kirchensteuern, wie er erzählt. Sein Ziel verfolgte er dennoch und begann 1984 ein Studium der Theologie am Theologischen Seminar, später Kirchliche Hochschule Leipzig. Er sollte bis 1993 dafür brauchen – wurde er doch zum Wehrdienst eingezogen, den er als überzeugter Christ als Bausoldat bei der NVA ableistete.

Sein Studium in Leipzig ließ den Thüringer die entscheidenden Demonstrationen der friedlichen Revolution im Herbst 1989 miterleben, eine prägende Erfahrung.

Pfarrer auf dem Land

Nach dem Studium kehrte er zurück ins Thüringische, war bis 1999 Pfarrer in einem ländlich geprägten Pfarramt mit sechs Kirchdörfern und der Kleinstadt Ranis, von 1999 bis 2011 an der Augustinerkirche Gotha mit angeschlossenem modernen Begegnungszentrum im Mutterkloster des berühmten Erfurter Augustinerklosters. „Ich kenne also beides“ sagt Schilling, „sowohl die kleinteilige, ländliche Struktur als auch die städtische Kirchenarbeit“.

Er wirkte mit in der Landessynode, begleitete den Fusionsprozesses von Thüringer Kirche und Kirchenprovinz Sachsen, wechselte 2011 nach Hannover, in die Leitungsebene der Landeskirche und ins Projektbüro Reformprozess. „Die Frage, die wir dort zu beantworten hatten, war, wie soll Kirche 2030 aussehen?“ Eine Frage, die viele kreative Anworten braucht.

Bewährtes und Neues

Schilling war zuständig vor allem für die Themen „Kirche in der Fläche“/Land-Kirchen-Konferenz, den Europäischen Stationenweg zum Reformationsjubiläum 2017 sowie das Zusammenspiel von Tourismus und Kirche. Bereiche, die er im Kirchenkreis Halberstadt wiederfindet. Und er weiß, dass es nicht immer leicht ist, Bewährtes zu bewahren, in dem man Neues zulässt.

Schilling, ausgestattet mit einer großen Portion Humor und Spaß am Ironischen, hat einen Faible für Aufgaben, die facettenreich sind. Die Kirche ist im Wandel, die säkulare Gesellschaft macht Bekenntnis zu Religion nicht immer leicht, andererseits erwarten die Menschen von Kirche Hilfe und Orientierung, gibt es eine große Sehnsucht nach spirituellem Erleben.

Mut zum Hinterfragen

„Wir müssen unser eigenes Tun überprüfen, denn nur, wenn wir spürbar mit Freude unser Amt erfüllen, erreichen wir andere.“ Deshalb habe er im ersten Mitarbeiterkonvent seine Kollegen ermutigt, genau hinzuschauen, ob alles der Pfarrer machen muss, ob alle Angebote noch zeitgemäß sind. „Oft stecken wir viel Aufwand in Veranstaltungen, die wenig ausstrahlen, das frustriert“, sagt Schilling.

Er hat viele Ideen, was sich umsetzen lässt, wird sich zeigen. Da ist er offen, will stärken, was im Kirchenkreis mit dessen rund 100 Kirchengemeinden schon geleistet wird – er hat einiges entdeckt, was ihn begeistert. Schilling schätzt die Region, wegen ihrer städtischen Zentren und ihrer Landschaft. „Da bin ich eben ein Thüringer-Wald-Kind“, sagt er lachend. „Es lässt sich sehr gut leben hier.“