Halberstadt l Ein ehrgeiziges Ziel verfolgen die Veranstalter des 9. Deutschen Orgeltages in Halberstadt – Förderkreis Musik am Dom zu Halberstadt, Förderverein „Organum Gruningense Redivivum“ (Martinikirche) und die John-Cage-Orgel Stiftung. Die Kreisstadt soll das Orgel-Zentrum Deutschlands werden. Dafür wird nun massiv die Werbetrommel gerührt. Einen besseren Auftakt als den Deutschen Orgeltag gebe es dafür nicht.

Die Voraussetzung dafür, dass Halberstadt Orgel-Zentrum wird, sei mit einer hohen Dichte von bedeutenden Orgeln und einer sehr alten Tradition im Instrumentenbau gegeben, begründet Carmen Presch vom Förderkreis Musik am Dom zu Halberstadt. Dazu gehören eine über 1000 Jahre Orgeltradition und drei legendäre Orgelwerke, die zu den modernsten und größten ihrer Zeit gehören. Darunter befinden sich die im Aufbau befindliche Cage-Orgel in der Burchardi-Klosterkirche, die David-Beck-Orgel in der Martinikirche und die Orgel im Halberstädter Dom.

In Halberstadt gibt es immerhin insgesamt zwölf historische Königinnen der Musik, die spielbereit sind. Die tatsächliche Instrumentanzahl sei noch viel höher, so Carmen Presch. „Über viele Jahrhunderte ist die Stadt im Vorharz eine Hochburg des Orgelbaus gewesen. Wegweisende Instrumente wurden gebaut. Bereits 1361 ist im Dom von Nicola Faber die erste Großorgel mit zwölftöniger Tastatur eingeweiht worden“, informiert Carmen Presch. Damit stünde die Wiege der modernen Musik in Halberstadt. Bedeutende Musiker und Musikwissenschaftler wie ­Michael Praetorius (1571-1621) und Andreas Werckmeister (1645-1706) hätten hiergewirkt. Bis heute gibt es mit der Firma Hüfken einen bedeutenden Orgelbaubetrieb in der Stadt.

Längstes Musikstück der Welt

Als Leuchttürme des Vorhabens, Halberstadt zum Orgel-Zentrum zu küren, stünden vor allem drei aktuelle Vorhaben in der Stadt. „Mit ihnen kann man sich durch die Jahrhunderte spielen“, so Carmen Presch. Dazu gehört mit dem John-Cage-Orgel-Projekt – gestartet 2001 – das längste Musikstück der Welt (gespielt über 639 Jahre). Der Bau dieser Orgel besitzt direkten Bezug auf die Faber-Orgel aus dem 14. Jahrhundert und würde damit die Gotik mit der Zukunft verbinden.

Für die Renaissance stünde die bedeutende David-Beck-Orgel in der Martinikirche, um deren Instandsetzung sich der Förderverein „Organum Gruningense Redivivum“ seit nunmehr zwölf Jahren kümmert. 1596 errichtete David Beck im Schloss Gröningen die nach ihm benannte Orgel. 1769 veranlasste Friedrich II. die Umsetzung des prächtigen Instruments aus dem im Verfall begriffenen Gröninger Schlosses in die Martinikirche Halberstadt. Auf ihr spielte unter anderem Michael Praetorius.

„Das Orgelprospekt ist ein Kunstdenkmal ersten Ranges im Weltkulturerbe der Musikgeschichte“, betont Ulrich Schäffner, Vorsitzender des Fördervereins „Organum Gruningense Redivivum“. 1830 ist das Rückpositiv, eine Art kleine Orgel, ausgebaut und an die Kirchengemeinde Harsleben verkauft worden. In der Martinikirche blieb das kostbare Orgelprospekt, also das Gehäuse, erhalten, in das kurzerhand eine Röver-Orgel gesetzt wurde. Die Umzüge und das Ausschlachten der wertvollen Orgel haben viele Fragen hinterlassen. Nationale und internationale Experten wie zum Beispiel der gebürtige Niederländer Koos van de Linde und Jean-Charles Ablitzer, Organist an der Kathedrale Saint-Christophe in Belfort und Professor an der Musikhochschule Belfort (Frankreich), forschen intensiv daran, diese Rätsel zu klären. Ziel sei, die Orgel und auch das Klangvolumen wieder herstellen zu können, so Ulrich Schäffner.

Dom-Orgel soll erneuert werden

Drittes Projekt, das für die Zeit des Barock steht, ist die Sanierung der Dom-Orgel mit ihrem Prospekt von 1718 von Heinrich Herbst. „Eine der eindrucksvollsten Leistungen barocker Orgelarchitektur Mittel- und Norddeutschlands“, so Carmen Presch. Außergewöhnlich ist die ursprüngliche Lichtführung um und durch die Orgel, die den Kirchenraum in ein eindrucksvolles Licht taucht. Das Prospekt soll restauriert, die Orgel erneuert und der Lichttunnel wieder angelegt werden.

Mit der Umsetzung dieser Projekte soll Halberstadt mit seiner Vielfalt historischer und moderner Orgeln zu einem der facettenreichsten und geschichtsträchtigsten Orgelzentren der Welt aufsteigen, so das zentrale Ziel der drei Fördervereine. Mit der Initiative versprechen sie sich aber auch eine bessere finanzielle Förderung der drei Projekte. „Allein für die Vorhaben in der Martinikirche und im Dom sind etwa zehn Millionen Euro notwendig“, betont Carmen Presch.

„Wir benötigen Geld zum Überleben. Derzeit leben wir vom ehrenamtlichen Engagement und von Spenden“, sagt Kai Lautenbach vom Vorstand der John-Cage-Orgel-Stiftung Halberstadt. Ein Fakt, der für alle drei Vereine zutrifft. Daher sitzen die Halberstadt Informa­tion und Martin Witschaß von der Agentur Ideengut Halberstadt mit im Boot. Sie kümmern sich um ein professionelles Marketing und werben auf allen Ebenen für das Ziel Orgel-Zentrum. Der 9. Deutsche Orgeltag vom 6. bis 8. September in Halberstadt ist der Auftakt.