Halberstadt l Einmal Weihnachten im Jahr? Damit gibt sich Elena Winokur nicht zufrieden. Die Halberstädterin feiert zweimal. Einmal in der kommenden Woche und dann noch einmal im Januar, nach russisch-orthodoxer Tradition. Das zweite Fest verbringt sie in der Heimat, einer kleinen Stadt in der Ukraine.

„Wir sind 2002 nach Deutschland bekommen“, berichtet die 49-Jährige. „Meine Schwiegereltern sind jüdische Migranten. Wir haben sie begleitet.“ Was es mit der jüdischen Kultur, der Geschichte, den Bräuchen und vor allem der Küche auf sich hat, hat Elena Winokur jedoch erst ein paar Jahre später erfahren.

Beginn als Küchenhilfe

In ihrem gelernten Beruf, Ingenieurin für Elektronik, fand sie in Deutschland keine Anstellung. Eine Situation, mit der sie sich nicht abfinden wollte. Über die Kontakte der Familie zur Stiftung Moses-Mendelssohn-Akademie in Halberstadt – einer Institution für jüdische Geschichte und Kultur – bekam die Ukrainerin 2005 eine Stelle im Museums-Café Hirsch, zunächst als Küchenhilfe. Ein Glücksfall. „Ich koche und backe wahnsinnig gern“, schwärmt Elena Winokur. „Das habe ich von meinen Eltern und Großeltern gelernt.“

Dank dieser Voraussetzungen arbeitete sie sich schnell von der Küchenhilfe zur Köchin hoch – und musste eine Menge dazu lernen. Neue Sprache, neuer Job und Einblicke in eine für sie neue Kultur. „Mit jüdischen Traditionen kannte ich mich vorher überhaupt nicht aus“, gesteht sie. Was genau bedeutet koscher? Was wird zu Chanukka, dem Lichterfest, aufgetischt? Was an Rosch ha-Schana, dem jüdischen Neujahrsfest? Dank der MMA-Mitarbeiter und vieler, vieler Bücher kennt sie mittlerweile die Antworten.

Nur jüdische Rezepte

Wichtige Grundlagen, immerhin wird in dem kleinen Restaurant in der Bakenstraße jüdisch gekocht. So wird nur das Fleisch von bestimmten Tieren wie Rind, Lamm oder Geflügel, serviert. Milch- und Fleischprodukte werden nicht gemixt. Koscher sind die Gerichte deshalb dennoch nicht. „Das wären sie nur, wenn sie von einem Juden zubereitet werden – und das bin ich nun einmal nicht“, sagt Elena Winokur achselzuckend. „Aber die Rezepte sind jüdisch.“

Eine sehr vielfältige Küche, die für jeden Geschmack etwas bietet, da sie vieles in sich vereint, erläutert die Köchin. Juden haben die Produkte und Koch-Gewohnheiten den jeweiligen Regionen angepasst, in denen sie leben. Die Küche ist ebenso von arabischen und türkischen Einflüssen geprägt wie der österreischen, der des Balkans, der spanischen, polnischen oder russischen.

Beliebte Blini

Ein Beispiel für Letzteres sind Blini, gefüllte Eierkuchen. Die sind bei den Gästen im Hirsch sehr beliebt, berichtet Elena Winokur. In der Adventszeit wird Lammgulasch häufig nachgefragt, und auch Latkes, kleine, frittierte Kartoffelpuffer, kommen gut an. Die Speisekarte im Hirsch ist klein, wechselt aber häufig.

Elena Winokur probiert ständig neue Rezepte aus. „Ich verändere und verbessere sie.“ Einem bleibt sie dabei treu: „Ich koche wie zu Hause. Mit guter Butter und richtiger Milch.“ Das schmecke einfach besser.

Obwohl sie zu Hause tatsächlich nur noch selten hinter dem Herd steht – zumal ihre Tochter mittlerweile erwachsen ist und Sozialwissenschaft studiert. „Mein Mann kocht meistens, das kann er gut“, verrät die Halberstädterin. Und was gibt es bei den Winokurs? „Eigentlich alles. Wir essen deutsch, russisch, auch mal Nudeln. Je nachdem, worauf wir Hunger haben.“ Seit sie Köchin ist, habe sich ihr Geschmack verändert, sie sei offener geworden. „Früher mochte ich zum Beispiel keinen Ingwer oder süß-saure Sachen, das hat sich geändert.“

Gerade in der Weihnachtszeit freue sie sich aber auf den vertrauten Geschmack von traditionellen Speisen. Herings-salat mit roter Beete zum Beispiel. Doch da muss sie sich etwas in Geduld übern: Für russisch-orthodox Gläubige ist die Zeit vor Weihnachten Fastenzeit. Am 6. Januar, dem Heiligabend in der Ukraine, kommt dann die ganze Familie zum Essen zusammen. „Dann gibt es zwölf verschiedene Gerichte. Aber leichte Kost, viel Gemüse und Fisch“, berichtet Elena Winokur. Lächelnd ergänzt sie: „Am 7. Januar wird dafür richtig geschlemmt.“ Die Vorfreude ist ihr deutlich anzusehen. Während ihr der alte Beruf nicht fehlt, vermisse sie die alte Heimat, die Familie hin und wieder. „Darum fahre ich einmal im Jahr für zwei, drei Wochen hin und hole mir die Energie für das ganze Jahr.“