Halberstadt  l Der Automat steht zwar erst seit Dienstag im Vorraum des Halberstädter Edeka-Marktes Bienek, doch Jessica Schmidt ist fast schon eine Stammkundin. Schon zum zweiten Mal füllt sie eine große Flasche Milch ab, und weiß auch genau, warum sie dafür gerne etwas mehr bezahlt. „Die ist sehr lecker und schmeckt nicht nach Pappe.“ Und vor allem: „Das Geld kommt dem Bauern zugute.“

Preisverfall zwingt zum Handeln

Der Bauer ist in diesem Fall die Agrargenossenschaft Vorharz Silstedt-Benzingerode. Hier wurde die Idee für die Milchtankstelle geboren, „aus der Not heraus“, wie Jörg Weidemann, Chef des Landwirtschaftsbetriebes, sagt. „Als 2015/2016 der Milchpreis in den Keller gesunken war, wir bei 22 Cents pro Liter vor der Frage standen, wie weiter, um unsere 26 Mitarbeiter in Lohn und Brot zu halten, musste guter Rat her.“

Er habe sich dann an einen Berufskollegen erinnert, der in Halle an der Saale eine Milchtankstelle betreibt. Dieses Modell, das in Italien und Österreich längst Fuß gefasst hat, sollte die Rettung werden. Akribisch entwarf Jörg Weidemann mit Jens Friedrich und anderen Mitstreitern im Betrieb in Silstedt ein Konzept für den Harz. Eine sechsstellige Summe wurde investiert. Die Milchküche musste komplett umgebaut werden. Zusätzlich wurden ein Lagertank aufgestellt, ein Pasteur-Gerät und Flaschen gekauft und eine Spülstation eingerichtet. Neu ist auch ein Lkw, der mit seiner Aufschrift „Milch-Taxi“ auffällt. Investiert wurde ebenso in das Herzstück der Milchtankstelle – den Automaten. „Ein dreiviertel Jahr hat die Vorbereitung mindestens gedauert“, sagt Weidemann.

Kunden sind begeistert

Die investierte Zeit hat sich rentiert. Vor vier Wochen wurde in Wernigerode die erste Milchtankstelle eröffnet, vor wenigen Tagen die in Halberstadt – jeweils in einem Edeka-Markt. Die Halberstädter Ladeninhaberin Katrin Bienek ist begeistert von dem, was sich seitdem im Vorraum ihres Geschäftes abspielt. „Dass das so gut angenommen wurde“, sei schön, und vor allem gut für den Erzeuger der Milch. Die Bauern würden schließlich immer mehr unter den sinkenden Preisen leiden, das neue Angebot könne ein wenig helfen. Die Aktion sei ein Image-Gewinn für ihr Unternehmen, und vor allem: Die Milch schmecke gut: „Ich bin ein Fan.“

Hilfe beim Bedienen

Damit die Kunden wissen, wie sie den Automaten zu bedienen haben, ist Jens Friedrich vor Ort. Er ist bei der Agrargenossenschaft für die Direktvermarktung der Automaten-Milch verantwortlich und stand die ersten Tage den Kunden mit Rat und Tat zur Seite. „Der Milch- und Flaschenautomat war vielen zuerst etwas ungewohnt.“ Doch eine Bedienungsanleitung sei angebracht und half. Vielfach wird er von Kunden gefragt, ob es sich um Bio-Milch handelt. Friedrich verneint und erklärt: Es ist konventionelle Milch und GOV-frei. Was garantiere, dass die Kühe kein genverändertes Futter erhalten. „Und die Milch ist frisch, sie stammt stets vom Vorabend.“ In Silstedt wird sie pasteurisiert und am Morgen per Lkw nach Halberstadt gebracht.

Im Automaten befindet sich die Milch in zwei Abfülltanks mit einem Fassungsvermögen von je 200 Litern. „Pasteurisiert bedeutet, dass die Rohmilch für 20 Sekunden auf 72,5 Grad Celsius erhitzt und dann wieder auf vier bis fünf Grad Celsius abgekühlt wird“, erklärt der Fachmann. Bei diesem Verfahren würden Keime abgetötet, die wichtigen Bestandteile wie Vitamine, Mineralstoffe, Fett sowie Eiweiß bleiben jedoch erhalten. „Es ist so, als ob die Milch frisch von der Kuh kommt.“

Flaschen vorhanden

Jeder Kunde kann zum Abfüllen ein Gefäß mitbringen. Friedrich: „Jemand hatte sogar die gute alte Milchkanne dabei.“ Ansonsten steht ein Automat mit Flaschen für je 80 Cent zur Verfügung. Auch Verschlusskappen aus Aluminium sind vorhanden. Die Ein-Liter-Flaschen können zu Hause leicht gereinigt werden. Der Nebenautomat enthält die Milch. Der halbe Liter kostet 70 Cent, ein Liter 1,30 Euro. Die Milch ist sechs Tage haltbar, und es wird ein Mindestfettgehalt von 3,8 Prozent garantiert. Sollte am Abend noch Milch in einem Tank vorhanden sein, „wird sie nicht weggekippt, sondern dem Futter unserer Kälber beigemischt“, ergänzt Jörg Weidemann.