Osterwieck l Am Samstagabend hatte Holger Greulich eigentlich etwas vor. In der Kneipe von Eike Dedecke wollte er Besuchern aus seinem Buch vorlesen. Doch Corona kam dazwischen. „Die Lesung holen wir nach“, sagt er.

Es wären sicher viele gekommen. Denn Holger Greulich ist in Osterwieck bekannt. Man könnte sogar hinzufügen: „wie ein bunter Hund“. Denn in der Karnevalszeit tritt er in bunten Kostümen als Büttenredner, als „der Saggse“, auf. Schon seit fast einem Vierteljahrhundert. Seine Reden schreibt er selbst. Der Humor liegt ihm sicher im Blut, was auch in seinem Buch, das eigentlich ein Tagebuch ist, zu erkennen ist – und es umso mehr lesenswert macht.

Mehr als Text und Fotos kopieren und fertig

Die 8000 Kilometer haben Holger Greulich vorwiegend durch Schweden hoch zum Nordkap geführt und östlich der Ostsee wieder zurück. Also durch Russland und die baltischen Staaten. Fünf Wochen im späten Frühjahr 2018, in denen er sich einen Lebenstraum erfüllte.

Von seinem Abenteuer schrieb er täglich einen Blog und stellte ihn ins Internet für die Daheimgebliebenen. Die Idee, alles nochmal in Buchform zu drucken, entstand erst später. „Ich stellte mir das ganz einfach vor. Texte und Fotos kopieren und fertig.“ Aber dann war es doch eine Unmenge Arbeit – neben Job und Familie. So lag das Buch erst Ende vorigen Jahres gedruckt vor.

Humor und der Osten

Der „Saggse“ heißt im Karneval nicht von ungefähr so. Der 57-Jährige stammt tatsächlich aus dem seinerzeit tiefen Süden der Republik, aufgewachsen im Osterzgebirge. „Aus dem Tal der Ahnungslosen“, wie er hinzufügt. Dort, wo es nur zwei Fernsehprogramme gab, und keines davon aus dem Westen. Statt Fernsehen hat Holger Greulich somit viel gelesen. Wilhelm Busch zum Beispiel, was ihn wohl für seine späteren Karnevalsreime geprägt hat, aber auch sowjetische Literatur. „Der Osten hat es mir seit meiner Jugend angetan“, erklärt er denn auch im Buch. So fügt es sich, dass er sich auch im Verein „Notruf Ukraine – Polizisten helfen“ engagiert – sogar im Vorstand. Mehrfach begleitete er Hilfstransporte der Harzer in die Ukraine. Und lernte dort das kennen, wovon er früher immer nur hören konnte: die Lebensfreude der Menschen, deren Gastfreundschaft – „trotz ihrer Armut“.

Schon 1985 träumte Holger Greulich von einer Motorradreise in die Sowjetunion, hatte ihn damals aber nicht verwirklicht. Aber jetzt. Ziel seiner Fahrt war indes ursprünglich nur das Nordkap gewesen. „Dann sah ich auf der Karte, dass Murmansk ja nur 600 Kilometer entfernt ist.“ Also wurden quasi zwei Träume mit einem Mal erfüllt.

Herausforderung

Dass die 8000-Kilometer-Tour zum Abenteuer wurde, hatte Holger Greulich sich selbst zuzuschreiben, ja dies förmlich herausgefordert. Denn sein Fortbewegungsmittel war nicht irgendein Motorrad, sondern eine Dnepr aus ukrainischer Produktion. Im Buch nennt er seine „Mascha“ auch mal „Schrott vom Fließband“. Baujahr 1980er Jahre, ein Inlandsprodukt und damit nicht in der Qualität wie die Exportmodelle. „Mascha“ steht schon seit 2001 in Greulichs Garage. Begeistert hatte ihn daran der riesige Seitenwagen, der früher, als die Kinder klein waren, quasi die ganze Familie aufnehmen konnte. „Ich fand das sehr praktisch.“

Manchmal stellt Holger Greulich seine Dnepr auch in den Dienst einer guten Sache. Zur 1000-Jahr-Feier von Berßel war „Mascha“ im historischen Festumzug vertreten, auch mal beim Rathausfest in Wernigerode. In Hessen zur 1025-Jahr-Feier sollte sie dabei sein. „Ich war schon in Hessen angekommen. Dann gab‘s einen Kabelbruch und sie blieb stehen.“

Der Handwerker

Zum Glück für das Abenteuer hatte Holger Greulich, bevor er diplomierter Verwaltungsbeamter wurde, Kfz-Schlosser gelernt und Landtechnik studiert. So dass er für (fast) alle Reparaturen, die unterwegs auf ihn zukamen, handwerklich gewappnet war. Für Ersatzteile jeglicher Art bot der Seitenwagen Platz.

Allerdings war dann doch noch vor dem Nordkap Schluss. Den Motor hatte es in seinem tiefsten Inneren zerlegt. Hatte er wirklich daran geglaubt, dass die Dnepr diese Tortur durchhalten würde? „Zuweilen ja.“ Vor allem an den beiden einzigen Tagen, an denen „Mascha“ schnurrte, ohne den Schraubenschlüssel rausholen zu müssen.

Motorradwechsel überm Polarkreis

Dass das Abenteuer damit nicht vorbei war, hatte Holger Greulich seinem Sohn und Freunden zu verdanken, die sein anderes Motorrad, seine „Birgit“, auf einen Anhänger hievten und hoch nach Finnland kutschierten. Die Tour konnte damit weitergehen mit vielen Begegnungen mit Einheimischen und Motorradfahrern. Zu einem französischen Biker hat er heute noch Kontakt und ihn seitdem auch schon mal wiedergetroffen.

Welche Erkenntnisse sind geblieben? „Dass die Menschen gut sind. Dass man nirgendwo einsam ist, wenn man auf die Menschen zugeht. Dass die Russen uns Deutsche eigentlich sehr gern haben, aber ihre Zuneigung derzeit auf eine harte Probe gestellt wird.“

Holger Greulich: „Mit der Dnepr auf einen Wodka nach Murmansk“; 328 Seiten; ISBN 978-3-00-063849-7; 14,50 Euro; derzeit am einfachsten zu beziehen über Mail holger.greulich@t-online.de