Halberstadt l Das Obst ist ökologisch einwandfrei, die Verpackung ist es nicht. Eingehüllt in viele Meter schwarze Plastikfolie werden Erdbeeren und Co. zu Bio-Märkten geliefert. Ein Widerspruch, findet Ilka Leukefeld. Auf diesen macht die aus Halberstadt stammende Künstlerin in ihrer aktuellen Ausstellung „Furchtlos, hochintelligent und erfolgreich“ aufmerksam.

Mittels Draht und ihrer eigenen Knüpftechnik hat sie mit der Folie ein Mobile aus Hunde ähnlichen Wesen geschaffen. Zu sehen sind dieses und weitere Arbeiten noch bis zum Sonnabend, 29. Juli, im Herrenhaus des Burchardiklosters Halberstadt.

Verbindung zum Cage-Projekt

Der Ort ist kein Zufall. „Ich sehe einen Zusammenhang zwischen meinen Arbeiten und dem Cage-Projekt.“ ORGAN2/ASLSP („as slow as possible“) heißt das Stück von John Cage, welches in der Kirche auf dem ehemaligen Klostergelände gespielt wird – 639 Jahre lang. Das Projekt sorgt international für Aufmerksamkeit – schließlich umfasst es einen Zeitraum, der für Menschen kaum fassbar ist. „Zu wissen, was man in fünf oder zehn Jahren tut, ist schon unmöglich“, sagt Ilka Leukefeld. „Man kann Pläne schmieden, aber ob es wirklich so kommt, ist offen.“ Dennoch produzieren Menschen Dinge wie die schwarze Plastikfolie, von denen nicht absehbar ist, wann sie verrotten werden.

Projekt zu Gleims 300. Geburtstag geplant

Zeit und politische Botschaften sind häufig Bestandteil ihrer Arbeiten, berichtet die 50-Jährige. Ebenso die Beziehungen der Menschen – untereinander, zu Tieren, zur Natur und zu ihrer Umwelt. Sie stellt in ihren Bildern etwa die gespielte Liebe von Schauspielern mit den wahren Gefühlen von „echten“ Menschen gegenüber.

Nicht immer erschließen sich die Botschaften ihrer Arbeiten auf den ersten Blick. So vermittelt die leuchtend grüne, dreibeinige Kröte, die gerade im Herrenhaus von der Decke hängt, etwas Kindliches, Märchenhaftes. Wie die Künstlerin erläutert, steht sie jedoch für das harte Los der Künstler, die oft ohne festes Einkommen über die Runden kommen müssen. „Grundsätzlich stehen die Arbeiten für sich allein, jeder soll sie für sich selbst interpretieren“, sagt sie. „Aber es stecken immer persönliche Geschichten dahinter. Dinge, die ich selbst erlebt, erfahren oder gefühlt habe.“

In der Saalestadt Halle geboren

Geschichten aus ihrer Heimat gehören dazu. Zwar ist Ilka Leukefeld 1967 in Halle an der Saale geboren, aufgewachsen ist sie aber in Halberstadt. Einer der bekanntesten Persönlichkeiten der Stadt, Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719 - 1803), widmet sie sich in ihrem nächsten Projekt. „Freundschaftskultur und Freundschaftstempel“ wird es heißen. „Der Aufhänger ist Gleims 300. Geburtstag 2019“, erläutert Leukefeld, die zu den Initiatoren der Monats_Kunst_Halberstadt (MKH) gehört. Die erste Biennale mit internationalen Künstlern fand 2014 statt, die zweite 2016. Für 2018 ist die dritte geplant.

Künstlerische Ader von den Eltern geerbt

Die Begeisterung für Kunst hat sie ihren Eltern zu verdanken: Die Mutter, eine Goldschmiedemeisterin, und der Vater, Gürtler- und Silberschmiedemeister, gründeten die Künstler- und Handwerksgemeinschaft „Pfeffermühle“ in Halberstadt. So kam die Tochter schon früh mit Kunstschaffenden wie Hans Hermann Richter und Peter Hinz in Kontakt.

In der DDR politisch angeeckt

Dennoch ergriff Leukefeld 1983 zunächst einen ganz bodenständigen Beruf: Orthopädieschuhmacherin. „Meine politische Meinung bereitete mir schon in der Schulzeit Probleme. Das stand sogar auf meinem Bewerbungszeugnis – zu DDR-Zeiten blieb mir so nicht viel Auswahl bei der Lehrstellensuche“, erinnert sie sich lachend. Dabei sei sie schon immer künstlerisch interessiert gewesen.

Mit dem Lebensgefährten nach London

Ein Studium in dieser Richtung begann sie erst 1994 in Großbritannien. Zwei Jahre zuvor zog es sie nach London, um Englisch zu studieren. „Ich wollte meine Sprachkenntnisse aufbessern und habe mich in die Stadt verliebt.“ Ihr Lebensgefährte, ebenfalls ein Halberstädter, ging mit ihr. Der gemeinsame 18-jährige Sohn wurde in London geboren.

Brexit verursacht Fragezeichen

Seit 25 Jahren pendelt Ilka Leukefeld zum Arbeiten und Leben zwischen England und Deutschland. Sie träumt in beiden Sprachen, wie sie berichtet. „Ich fühle mich an beiden Orten unheimlich wohl, obwohl sie so unterschiedlich sind.“ Allerdings bereite ihr die aktuelle politische Situation in der Wahlheimat Sorgen. Wie sich der Brexit, also der Austritt Großbritaniens aus der Europäischen Union, auf ihr Leben und das ihrer Familie auswirken wird, müsse sich erst zeigen.

Mit Widrigkeiten kennt sie sich als Künstlerin aus. Nicht immer folgt nahtlos auf ein Stipendium das nächste. Trotz internationaler Erfolge und Ausstellungen teilt sie deshalb das Schicksal vieler Kunstschaffender: Nebenjobs annehmen, um finanziell über die Runden zu kommen. Wie Ilka Leukefeld verrät, hat sie häufig in Bio-Läden gejobbt. Und obwohl geregelte Arbeitszeiten und kreatives Wirken nicht immer gut in Einklang zu bringen seien, können sie Inspiration bieten. Schwarze Plastikfolie, zum Beispiel.

Die Ausstellung „Furchtlos, hochintelligent und erfolgreich“ im Herrenhaus des Burchardikliosters Halberstadt, freitags und samstags von 11 bis 17 Uhr sowie auf Anfrage.