Halberstadt l Knallrot, weiße Borte mit roter Stickerei – und halblangem Bein. „Das Knie musste bedeckt sein, das war ganz wichtig, Alles andere galt als unzüchtig“, sagt Simone Bliemeister. Sie steht inmitten der Unter-, Bett- und Tischwäsche und anderer Aussteuergegenstände, die Margarete Schraube der Stadt Halberstadt testamentarisch hinterlassen hat. Im Haus der Tuchfärber und Tuchhändlerfamilie in der Voigtei 48 scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, der Alltag einer gutsituierten Bürgerfamilie um 1900 ist hier hautnah zu erleben.

Umfangreiche Aussteuer

So findet sich eine umfangreiche Aussteuer. Ein wohlerzogenes Mädchen fertigte bis in die Anfangsjahre des 20. Jahrhunderts selbstverständlich ihre Bett-, Tisch. und Unterwäsche eigenhändig an. Si zeigte sie, dass sie nach einer Eheschließung ihren Platz als Hausfrau und Mutter einnehmen kann.

Neben der Aussteuer lagern im Schraube-Museum auch Dinge, die Margarete Schraube von ihren Eltern geerbt hat. Darunter ein Badeanzug, den ihre Mutter Anna getragen und wohl auch selbst genäht hat.

Hingucker in Rot

Der Badeanzug ist ein Hingucker in seinem kräftigen Rot. Weil er aus einem Baumwollstoff – damals eine sehr exquisite und teure Stoffart – gefertigt ist, ist auch klar, warum es früher an den Ostseebädern sowie an kleinen Seen und Freibädern so viele Umkleidekabinen gab – in dem nassen Stoff wollte sich wohl niemand an den Strand setzen. „Das wäre ebenso unschicklich gewesen wie ein unbedecktes Knie“, sagt die stellvertretende Museumschefin Simone Bliemeister. Nach dem Baden zog sich die Frau von Welt um und setzte sich in langem Kleid und mit Sonnenschirm auf die Wiesen oder Bänke.

Bürgertum präsentierte sich

„Um 1910 herum ist der Badeanzug entstanden, den Anna Schraube auch wirklich getragen hat, wie wir aus den Aufzeichnungen ihrer Tochter wissen“, erläutert Bliemeister. Damals, so die Historikerin, seien Badeferien in Mode gekommen. Die großen Seebäder entstanden und auch das Bürgertum demonstrierte seine Stellung durch Fahrten in die Ferien und in die Sommerfrische. „Wer dazugehören wollte zur sogenannten besseren Gesellschaft, der fuhr in Kurorte und in die Ostseebäder, in den Harz oder in den Teutoburger Wald.“

In solchem Badekostüm machte man zuweilen auch andere „Freiluftübungen“, damals begann eine Zeit, in der Körper- und Gesundheitsbewusstsein wuchsen.

Zum Thema Baden und Schwimmen hat Margarete Schraube eine Erinnerung schriftlich festgehalten. Die Frau, die später meisterlich schwamm, schildert darin ihre ersten Schwimmstunden.

Schwimmen lernen

„Frühjahr 1910 – Elle Dehne und ich wünschten nichts sehnlicher, als schwimmen zu lernen. Es wurden also Badekappen gekauft (rotes Gummi mit Trikotrand) und Badeanzüge (schwarz-weiß quergestreift), für die Mütter welche aus rotem Kattun, mit Frisuren, weißen Borten und einem Anker auf der Heldenbrust und natürlich ein passender roter Badeanzug.

Endlich ging‘s in die Schwimmhalle. Noch nie hatte ich so viel Wasser gesehen. Über Badewanne und Holtemme gingen meine Erfahrungen nicht hinaus. Warme Brause, kalte Brause, und dann hinein ins Bassin. Da war es zunächst sehr schön. Aber Mama hatte wenig Zeit, und ich musste gleich das nächste Mal an die Angel, während Elle noch zwei- oder dreimal spielen durfte.

Also: Gürtel um, an die Angel, Treppe runter. Und nun sollte ich Siebenjährige loslassen– einfach so nach rückwärts schweben über der bodenlosen Tiefe von 2 1/2 m Wasser! Unmöglich! Ich bat, Fräulein Rühmes möchte mir doch die Stange hinhalten. Vergeblich. Ich fing an zu weinen, zu brüllen. Mama kniete oben am Rande auf einem blütenweißen Frottierhandtuch und klopfte auf die Finger ihrer ungezogenen Tochter.

"Montagskarpfen"

Ältere Damen (Marke „Montagskarpfen“) kamen angeschwommen, um mir gut zuzureden. Umsonst. Ich brüllte: „Haltet mich, ich ertrinke!“ Wenn jemand kam, packte ich zu, dass es blaue Flecke gab und schrie nun: „Lasst mich los!“. Die Damen redeten auf Mama ein: „Um Gottes Willen, lassen Sie das Kind, das kann ja ihr Tod sein!“ Mama: „Ach was, sie hat es sich gewünscht, jetzt wird schwimmen gelernt.“

Dreimal machte ich solches Theater. Und jedes Mal auf dem Wege nach Hause bettelte ich: „Liebstes, bestes Mamachen, lass mich nur nicht wieder hingehen!!!“ Mama aber blieb konsequent. Beim 4. Male war die Angst überwunden. Nach einigen Wochen war ich Freischwimmer. Bald konnte ich kaum noch zu einer Geburtstagsfeier gehen, weil ich ja unbedingt jeden Nachmittag von 3 bis 5 Uhr plätschern musste. 10 Minuten vor 3 Uhr hatte ich schon die Klinke in der Hand und 10 Minuten vor 5 Uhr wurde ich dann mit sanfter Gewalt von Fräulein Rühmes aus dem Wasser geholt.“