Halberstadt l Waren es früher Kleider von der Stange, die Nicole Marchwinski den Lebensunterhalt sicherten, so setzt Badersleberin heute auf selbst genähte Unikate. Nicht nur auf die, die sie selbst herstellt. Die 36-Jährige hat ein Geschäft in Halberstadt eröffnet, das für jeden Handarbeits-Fan dem Paradies gleichen dürfte. „verNÄHbar“ lautet der Name. Ein „Frauen-Baumarkt“, erläutert die Inhaberin augenzwinkernd. Bis unter die Decke sind Regale mit farbenfrohen Inhalten gefüllt: glänzende Stoffe und matte, auffällig gemustert und uni, Wolle in verschiedenen Varianten, Garne in Hunderten Farben sowie Knöpfe – von winzig klein bis groß.

Im Breiten Weg – einst Flaniermeile der Kreisstadt, heute von Leerstand geprägt – ist der Laden zu finden. Trotz vieler verwaister Geschäfte in der Nachbarschaft, ist Nicole Marchwinski von dem Standort überzeugt. „Ich habe lange überlegt, ob ich das Geschäft in Wernigerode oder in Halberstadt eröffnen möchte“, berichtet die Geschäftsfrau. Ein Ladenlokal, dass ihre Kriterien erfüllt, sei jedoch in der bunten Stadt am Harz schwer zu finden. Groß sollte er sein, die Miete erschwinglich, gut erreichbar, und barrierefrei. „Für ältere Kunden, Rollstuhlfahrer und junge Eltern mit Kinderwagen, das war mir wichtig.“

Kreativtage geplant

Zwar sei nun, im Breiten Weg, die Parkplatzsuche nicht immer einfach, aber die Vorteile überwiegen: Innenstadt-Lage, nahe an Bekleidungsgeschäften und gastronomischen Angeboten, der Wochenmarkt vor der Tür. Dass sich ein Bastelladen auf der anderen Straßenseite befindet, sei kein Nachteil. „Wir sind keine Konkurrenten“, betont Nicole Marchwinski. So war es die Besitzerin des Bastelgeschäfts, die sie auf das Ladenlokal aufmerksam machte. „Wir sprechen uns ab, damit wir nicht die gleichen Waren anbieten.“ Für das kommende Jahr sind sogar gemeinsam veranstaltete Kreativtage im Gespräch.

Denn bei Nicole Marchwinski können die Kunden nicht nur das Zubehör kaufen, sondern lernen, was sie damit herstellen können. Die Badersleberin bietet Nähkurse an – auch für Schulklassen, Wochenend-Workshops sollen folgen. Geplant ist zudem ein Nähcafé: Gleichgesinnte können sich dann in gemütlicher Runde im Laden treffen, gemeinsam werkeln, einander Tipps geben und ermutigen, wenn etwas nicht gleich gelingt.

Erster Versuch ist fehlgeschlagen

Das kennt Nicole Marchwinski aus eigener Erfahrung. Ihr erstes selbst genähtes Stück, eine Hose, sei misslungen. „Sie hat nicht gepasst. Ich habe vergessen, dass ich einen Hintern habe“, gesteht sie lachend. Acht, neun Jahre sei das her.

Vorher, so berichtet sie, hat sie mit Handarbeiten nichts zu tun gehabt. Nach der Schule absolvierte sie eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten, war danach 13 Jahre im Handel tätig gewesen, für eine große Modekette. Erfahrungen, von denen sie nun profitiere. „Ich habe da vieles kennengelernt, nicht nur den Verkauf, sondern auch Lagerlogistik, Einkauf, Schaufensterdekoration und so weiter.“

Nähen selbst beigebracht

Irgendwann habe sie einen Ausgleich zum Job gesucht. Häkeln und Stricken hat sie probiert – und verworfen. „Dafür fehlt mir die Geduld“, sagt sie lachend. Eine Freundin habe sie zum Nähen gebracht. „Sie ist studierte Modedesignerin. Immer, wenn ich bei ihr war, hat sie an etwas rumgepruckelt und ich habe irgendwann mitgemacht.“ Dank Videos aus dem Internet hat sich die 36-Jährige das Nähen selbst beigebracht. Auf die Unikate, die sie herstellte, wurde sie häufig angesprochen und hat deshalb angefangen, für Freunde Kleidung auf Bestellung zu nähen. Damals lebte sie in Hamburg.

Neubeginn in alter Heimat

Nach einem Schicksalsschlag in der Familie, ist sie vor sieben Jahren nach Badersleben, ins Haus der Mutter, zurückgekehrt. Ein Neubeginn in mehrfacher Hinsicht. „Zu der Zeit habe ich ein Nebengewerbe angemeldet.“ Nach der Arbeit hat sie sich an die Nähmaschine gesetzt. Hauptsächlich waren Änderungsarbeiten gefragt. „Die Leute haben morgens um 6 und abends um 23 Uhr geklingelt“, berichtet die Geschäftsfrau. „Irgendwann haben wir die Klingel abgestellt“, ergänzt Mutter Karola Marchwinski lachend. Zu der Zeit kamen auch immer öfter Leute auf sie zu, die das Nähen von ihr lernen wollten.

Ein Raum für Kurse war schnell gefunden: in der alten Wassermühle der Familie Küchenmeister in Badersleben. Die Resonanz war gut, trotzdem gab es Beschwerden. „Viele haben gesagt ‚Jetzt können wir nähen, aber es gibt keinen Stoffladen‘“, berichtet die Kursleiterin. Also borgte sie Stoffe. „Dann beschwerte sich aber meine Mutter, weil überall Ballen rumstanden.“

Zeit für einen eigenen Laden. Nach langer Suche wurde sie im Dorfladen in Deersheim fündig. Zwei Jahre lang blieb sie dort – doch wegen der großen Nachfrage wurden die Räumlichkeiten schlichtweg zu klein. Die Ladensuche begann von vorn.

Nun, in Halberstadt, hat sie 130 Quadratmeter Fläche und noch einmal genauso viel Platz für ein Lager im Obergeschoss zur Verfügung. Gute Bedingungen, auch einen Online-Shop einzurichten. „Aber der Handel vor Ort wird das Wesentliche bleiben“, betont Nicole Marchwinski. Auf Fotos können die Farben nicht so dargestellt werden, wie sie in natura sind. „Und im Internet kann man die Stoffe nicht anfassen.“ Eine Einstellung, die Handarbeitskunden offensichtlich teilen: Laut einer Umfrage der „Initiative Handarbeit“ gaben 57,3 Prozent der Befragten an, Kurzwarengeschäfte als Einkaufquelle zu bevorzugen – eine Steigerung um drei Prozent im Vergleich zu 2014.