Halberstadt/Ilsenburg/Wernigerode l Es kehrt wieder Leben auf den Wernigeröder Marktplatz zurück. Tische und Stühle werden aufgestellt, damit Besucher nach dem Wochenende bei Kaffee und Eis die Sonne genießen können. Ein Stück Normalität. Aber eben nur ein Stück: Mindestabstände, Kellner die Mund-Nasen-Masken tragen, omnipräsente Hygieneauflagen. „Dieses Jahr ist und bleibt ein besonderes“, sagt Konditormeister Michael Wiecker.

Ab Montag will der Wernigeröder wieder Gäste begrüßen. „Ich rechne mit einem verhaltenen Start.“ Deshalb hole er noch nicht alle seiner 34 Festangestellten aus der Kurzarbeit. Die gilt seit Mitte März für sie. Da Kurzarbeit jedoch nicht für Lehrlinge beantragt werden kann, hatte Wiecker in einer Art Kurzschlusshandlung seine acht Azubis fristlos gekündigt.  Aufgrund des Kostendrucks, erläuterte er damals. Diese Kündigungen waren rechtlich haltlos und bescherten dem Geschäftsmann und Stadtratsmitglied (CDU) viel Kritik. Wiecker nahm sie zurück und startete mit den Lehrlingen zur Überbrückung einen Straßenverkauf. „In jedem Bereich fangen jetzt auch wieder Facharbeiter an. Wir müssen gucken, wie sich die nächsten Wochen entwickeln.“

Herrentag bereitet Kopfzerbrechen

Seine Mitarbeiter seien froh, wieder loslegen zu dürfen. „Aber sie wissen, dass Wernigerode Touristen braucht.“ Die Reisebeschränkungen und das Verbot für Groß-Veranstaltungen treffe die Gastronomie-Szene der bunten Stadt am Harz hart. Aber er baue darauf, dass Einheimische Feier- und Brückentag für einen Café-Besuch nutzen. „Wir freuen uns über jeden Gast.“

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Ein Satz, den Lars Dickehut unterschreiben würde – mit Einschränkungen. „Der Herrentag macht mir etwas Kopfschmerzen“, räumt der 38-Jährige ein. Seit 2015 ist er Geschäftsführer der Plessenburg, einem Familien-Unternehmen. Gerade an Feiertagen, an denen gutes Wetter herrscht – wie es am Donnerstag der Fall sein soll – lockt das Kleinod nahe Ilsenburg Wanderer und Ausflügler.

Corona-Regeln

Gästeansturm und Corona-Regeln lassen sich allerdings schwer in Einklang bringen. „Wir können an so einem Tag nicht darauf achten, dass sich alle an den Mindestabstand halten und von jedem die Kontaktdaten aufnehmen“, sagt der Wernigeröder.

Also habe er mit seinem Team – Schwester, Nichte sowie die Eltern, die aushelfen – beschlossen, noch nicht auf Normal-Betrieb umzusteigen. Die zahlreichen Sitzmöbel, die zu der Gaststätte gehören, bleiben abgesperrt, das Innere des Hauses dem Personal vorbehalten. Laufwege und Abstände für die Besucher sind markiert. Plexiglas-Scheiben angebracht. „Bis Pfingsten gibt es bei uns nur Imbissbetrieb.“ Die Gäste können also Speisen und Getränke ordern, die sie erst 50 Meter vom Gasthaus entfernt verspeisen dürfen.

Mehr Müll

„Ein Nachteil ist, dass so viel mehr Müll produziert wird“, gibt Dickehut zu bedenken. Ein Aspekt, der ihn störe. Immerhin befindet sich das Ausflugslokal im Nationalpark Harz und er setze sonst auf Nachhaltigkeit.

Doch trotz der ungewohnten Umstände findet das Gasthaus offensichtlich auch jetzt Anklang. Selbst an einem regnerischen, kühlen Vormittag mitten in der Woche gingen Bestellungen im Minutentakt ein. „Man merkt, das die Leute raus wollen. Sie haben Lust, in den Wald zu gehen.“ Der Zuspruch der Gäste gebe Auftrieb.

Kurzarbeit und Soforthilfe

„Unsere Stimmung schwankt zwischen optimistisch und geknickt“, gesteht Anja Dickehut, die stellvertretende Geschäftsführerin. Schließen zu müssen, sei ein Tiefschlag gewesen. Einen Monat lang, bis zum 25. April, blieb die Plessenburg ganz zu, die Familie beantragte Kurzarbeit und Soforthilfe. Existenzängste kamen dennoch auf. „Wir wollten so schnell wie möglich aus der Kurzarbeit raus“, betont Lars Dickehut.

Deshalb stellte die Familie auf Imbissbetrieb um – was Veränderungen im Ablauf mit sich brachte. „Bestellungen erfolgen jetzt per Funk“, berichtet er. Seine Schwester nimmt die Gäste-Wünsche am Außentresen entgegen, funkt sie zu ihm in den Gastraum. Ein Fenster dient als Durchreiche, um Laufwege und damit Wartezeiten zu verkürzen. „Es hat auch Vorteile, alle Abläufe überdenken zu müssen“, sagt Anja Dickehut.

Umbauten

Und die Familie nutzt die Schließung für Umbauten. „Wir lassen den Eingangsbereich neu strukturieren“, erläutert Lars Dickehut. Die jetzige Tür sei eine Engstelle, die den Corona-Regeln widerspreche. Nun solle ein von einander getrennter Ein- und Ausgangsbereich geschaffen werden. „Der wird barrierefrei. Das hatten wir schon lange vor und nun ist die Gelegenheit, das umzusetzen.“ Bis Pfingsten sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Und dann werden auch die Sitzmöglichkeiten wieder für Gäste freigegeben.

Solange müssen sich die Gäste der „Olive“ in Halberstadt nicht gedulden. „Wir wollen am 22. Mai öffnen“, kündigt die Inhaberin und Köchin Susanne Freyhold an. Warum nicht schon am Montag? „Wir haben Montag und Dienstag Ruhetag. Angesichts der strengen Auflagen haben wir von den zwei Tagen mehr nichts gewonnen“, erläutert sie.

Neue Schulden

Zum Glück, so berichtet die 30-Jährige, habe ihr Restaurant große Räume – es sei so einfach, die Abstandsregeln einzuhalten, ohne viele Tische abzusperren. Für den 80 Quadratmeter großen Außenbereich habe sie zudem zwei neue Tische gekauft. Auch auf eine neue Speise- und Weinkarte dürfen sich die Gäste freuen. „Wir haben die Pause genutzt“, sagt sie augenzwinkernd.

Zum Scherzen war ihr allerdings in den vergangenen Wochen nicht zumute. Vor nicht einmal zwei Jahren hat sie das Restaurant in der Halberstädter Altstadt eröffnet. „Vor Corona waren wir gerade an dem Punkt: ‚So kann es weitergehen‘“, sagt sie. Ein finanzielles Polster habe sie sich in dieser Zeit noch nicht aufbauen können. „Und die Soforthilfen reichen hinten und vorne nicht. Man ist gezwungen, sich neu zu verschulden.“ Zumal sie Schließung und Neustart teuer zu stehen kommen: Lebensmittel, die sie entsorgen musste, Kosten für Desinfektionsmittel und -spender, Einweghandschuhe, Masken.

Lohneinbußen

Die Zwangspause traf auch ihre einzige Mitarbeiterin Carolin Witteborn hart: nur ein Bruchteil des Lohns, kein Trinkgeld. „Ich liebe meinen Beruf, aber er ist eh schon nicht der beliebteste und jetzt werden wir auch noch auf Hartz-IV-Niveau gedrückt.“

Nicht nur die finanzielle Komponente sei schwer zu ertragen gewesen. „Wir haben beide Hummeln im Hintern. Nichtstun fällt uns schwer“, sag Susanne Freyhold. Deshalb sei sie froh gewesen, ab dem 21. April Speisen außer Haus verkaufen zu können, etwa 20 Essen am Tag. „Wir sind dankbar, dass uns unsere Stammkunden so unterstützt haben“, betont Carolin Witteborn. Dennoch war dies nur ein Tropfen auf den heißen Stein im Vergleich zu 45 bis 50 Gästen an normalen Öffnungstagen – die auch Getränke und Co. bestellen.

Umso mehr freut es die beiden Frauen, dass die ersten Reservierungen für die Zeit nach dem 22. Mai eingegangen sind. „Hoffentlich ein Schritt in Richtung Normalität“, sagt Caroline Witteborn. Dafür seien die Restaurantfachfrau und ihre Chefin gern bereit, auf ihren Urlaub, der für Juli geplant war, zu verzichten. „Was soll ich jammern. Immerhin kann ich arbeiten gehen. Wie viele haben in dieser Zeit ihren Job verloren ...“

Hintergrund

Ab Montag, 18. Mai, ist es Gastronomiebetrieben erlaubt, zu öffnen – auf Antrag an die Landkreise/ kreisfreien Städte und unter strikten Auflagen. Dazu gehören verstärkte Hygiene- und Desinfektionsauflagen, das Einhalten der Abstandsregeln von 1,5 Metern zu Tischen anderer Gäste und, dass Mitarbeiter einen Mund-Nasen-Schutz tragen müssen. Es werden die Kontaktdaten der Gäste erfasst. Ab dem 22. Mai genügt eine Anzeige bei der Kommune. „Im Landkreis Harz gibt es rund 750 Speisewirtschaften, Cafés und Imbisse und damit potenzielle Antragsberechtigte", informiert Manuel Slawig, Sprecher des Landkreises.

Bis zum Freitag, 15. Mai (12 Uhr), sind 101 Anträge beim Kreis eingegangen. 69 der Antragsteller wollen am 18. Mai öffnen, der Rest an den folgenden Tagen.  74 Anträge wurden genehmigt, 16 sind unvollständig, zwei wurden abgelehnt, zwei weitere zurückgezogen. Sieben Anträge werden noch bearbeitet. Mit stichprobenartigen Kontrollen werde kontrolliert, ob in den geöffneten Betrieben alle Auflagen eingehalten werden. „Wir setzen auf die Eigenverantwortung der Gastronomen", betont Franziska Banse vom Landkreis. „In diesen Zeiten kann und will es sich niemand erlauben, gegen die Auflagen zu verstoßen."

Hier wurden Anträge gestellt

Ballenstedt 2/1 genehmigt
Blankenburg 11/9 genehmigt
Falkenstein/Harz 4/2 genehmigt
Halberstadt 6/3 genehmigt
Harzgerode 6/4 genehmigt
Huy 0
Ilsenburg 3/2 genehmigt
Nordharz 1/1 genehmigt
Oberharz 3/1 genehmigt
Osterwieck 3/1 genehmigt
Quedlinburg 24/20 genehmigt
Thale 12/11 genehmigt
Vorharz 1/1 genehmigt
Wernigerode 25/18 genehmigt

Eine Karte mit Restaurants im Verbreitungsgebiet der Volksstimme, die öffnen dürfen, finden Sie hier