Meldung in der Volksstimme vom 14. Oktober

Polizei warnt vor Einmietbetrüger

Wildemann (vs) l Vor einem reisenden Einmietbetrüger warnt die Polizei in Goslar. Wie ein Sprecher mitteilte, war der 55-Jährige, der mit einem Foto eindeutig identifiziert werden konnte, letztmalig Anfang Oktober in Wildemann aufgetaucht. Dort hatte er in einem Beherbergungsbetrieb eine Rechnung von mehr als 400 Euro unbeglichen hinterlassen. Der Mann ist etwa 1.80 Meter groß, hat lichtes Haar und trägt überwiegend Tarnkleidung (Camouflage). Er führt einen großen Hund mit sich und ist mit einem Pkw Hyundai Getz (Farbe nicht bekannt) unterwegs. Am Auto soll derzeit ein Kennzeichen aus Braunschweig (BS) montiert sein.

Osterwieck/Goslar l Am Ende bedurfte es nur weniger „Zutaten“, um den 55 Jahre alten Jens P. zumindest zeitweise aus dem Verkehr zu ziehen: Eine Pressemitteilung der niedersächsischen Polizei, eine darauf basierende Meldung am Mittwoch (14. Oktober) in der Volksstimme und schließlich eine aufmerksame Hotelchefin, der beim Lesen eben jener Meldung zwar nicht die Kaffeetasse aus der Hand fiel, zumindest aber schlagartig klar wurde, dass mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ein Betrüger bei ihr eingecheckt hat. Wenig später klopften vier Beamte des Harzer Polizeireviers in dem Osterwiecker Hotel, um den gebürtigen Helmstedter zwecks Klärung eines Sachverhalts abzuholen.

So geschehen am Mittwochvormittag. Heidi Söllig-Döppelheuer vom Hotel Waldhaus in Osterwieck ist jene Frau, der die Polizei den erfolgreichen Zugriff zu verdanken hat. „Als ich heute früh in der Zeitung die Meldung gelesen habe, wusste ich sofort, dass er es ist“, so die Hotelinhaberin wenig später gegenüber der Volksstimme. „Die Kleidung passte, der Mann passte laut Beschreibung und auch der Hund passte.“

Gestohlenes Auto, gestohlene Kennzeichen

Sie habe anschließend nicht gezögert, sofort die Polizei in Halberstadt kontaktiert und den Ermittlern so einen ganz offensichtlich sprichwörtlichen dicken Fisch auf dem Silbertablett serviert. Das machte bereits der "Beifang" deutlich, der im Rahmen des Zugriffs an Land gezogen werden konnte: Der Toyota, mit dem Gast in Osterwieck vorgefahren war, wurde laut Polizei bereits im Juli gestohlen und steht seither auf der Fahndungsliste. Die angebrachten Braunschweiger Kennzeichen seien ebenfalls gestohlen, zudem hätten sich im Auto zwei weitere gestohlene Kennzeichenpaare aus Niedersachsen und Sachsen-Anhalt befunden. „Außerdem haben unsere Beamten eine Schreckschusswaffe entdeckt und sichergestellt“; so der Halberstädter Polizeisprecher Sebastian Piechulik.

Dank der couragierten Hotelchefin ging den Beamten nicht nur ein mutmaßlicher Mehrfachtäter ins Netz – die vier Gesandten des Harzer Polizeireviers hatten beim Zugriff auch den berühmten Überraschungseffekt auf ihrer Seite: Als sie die Handschellen zückten, ließ sich der freundliche Hotelgast gerade das Frühstück schmecken – mit Sekt und Kerze, weil er angeblich just an diesem Tag Geburtstag habe.

Freundliches Auftreten

Ausgesprochen nett und freundlich, so beschreibt Heidi Söllig-Döppelheuer den Gast, der am vergangenen Donnerstag (8. Oktober) bei ihr eingecheckt hatte. Zunächst bis zum Montag dieser Woche, um dann bis zum Ende der Woche zu verlängern. Soll heißen: Wenn der Mann auch in Osterwieck die Zeche hätte prellen wollen, hätte er sich wahrscheinlich dann bei Nacht und Nebel aus dem Staube gemacht.

So wie – mutmaßlich – zuvor in diversen anderen Hotels und Pensionen. Nach Angaben eines niedersächsischen Polizeisprechers steht der 55-Jährige im Verdacht, am 9. August in Salzbergen bei Osnabrück übernachtet zu haben, ohne am Ende die Rechnung über 155 Euro zu begleichen.

Von Salzbergen nach Hahnenklee

Gleich am selben Tag ist er wahrscheinlich in Hahnenklee abgestiegen, um bis zum 19. August auf Kosten des Hauses 358,20 Euro zu verjubeln und dann heimlich, still und leise zu verduften. „Dort“, so ein ermittelnder niedersächsischer Beamter, „tauchte er plötzlich morgens nicht zum Frühstück auf. Als das Personal im Zimmer des Gastes nachsah, war das geräumt.“

Zuletzt war der 55-Jährige sehr wahrscheinlich vom 1. bis 8. Oktober in Wildemann abgestiegen – diesmal laut Polizei nicht wie in Hahnenklee unter seinem Klarnamen Jens P., aber mit falscher Adresse, sondern als angeblicher Peter Gohls. Dort, so einer Ermittler, habe er eine offene Gesamtrechnung über 414,51 Euro hinterlassen.

Viele Delikte in polizeilichen Datenbanken

Die Ermittler sehen in allen Fällen Jens P. hinter den Taten. Wobei der Mann wahrscheinlich bundesweit auf krummen Touren unterwegs zu sein scheint. Nach Information der Volksstimme suchen aktuell die Staatsanwaltschaften in Osnabrück, Braunschweig und Mühlhausen den Aufenthaltsort des Mannes. Davon abgesehen ist der Mann für die polizeilichen Ermittler kein Unbekannter. Allein für 2019 finden sich in den Datenbanken mit Blick auf seine Person zahlreiche Delikte: Angefangen beim Fahren ohne Fahrerlaubnis über Tankbetrug und fünf Einmiet-Betrügereien bis hin zu Urkundenfälschung, dem klassischen Vorwurf, wenn beispielsweise falsche Kennzeichen am Auto befestigt sind.

Unklar ist laut Polizei, wie und wo der Mann lebt, wenn er sich nicht gerade in irgendwelche Hotels oder Pensionen eingeschlichen hat. Zuletzt sei der 55-Jährige wohl ganz offiziell in der Lutherstadt Eisleben gemeldet gewesen. Anschließend – dem Vernehmen nach nach Verbüßen einer Haftstrafe – soll er sich von Eisleben wohl nach Wernigerode abgemeldet haben. Dort jedoch soll eine offizielle Anmeldung nicht erfolgt sein.

Wieder auf freiem Fuß

Wie auch immer. Nach der vorläufigen Festnahme am Mittwochvormittag wurde der Mann laut Staatsanwaltschaft polizeilich vernommen. Nach Angaben des Halberstädter Oberstaatsanwalts Hauke Roggenbuck hat sich der 55-Jährige – abgesehen von einem Tankbetrug im vorigen Jahr – zu allen weiteren Vorwürfen nicht geäußert.

Letztlich, so Roggenbuck als Chef der Staatsanwaltschaft in Halberstadt, sei der Mann anschließend wieder entlassen worden. Letztlich reiche Einmietbetrug – der in Osterwieck ja noch nicht gegeben war – nicht aus, um bei Gericht einen Haftbefehl zu erwirken. Man ermittele nun wegen Diebstahls, Urkundenfälschung, Betrugs, Fahren ohne Fahrerlaubnis sowie Verstößen gegen das Pflichtversicherungsgesetz und das Waffengesetz gegen den Mann, so Polizei und Staatsanwalt.

Rechnung bleibt offen

Für Heidi Söllig-Döppelheuer, die in 17 Jahren als Hotelchefin einen derartigen Einmietbetrug nach eigenen Worten noch nicht erlebt hat, bleibt derweil ein bitterer Beigeschmack: „Ich weiß, dass der Mann wieder auf freiem Fuß ist. Und ich weiß auch, dass ich auf meiner Rechnung über 325,60 Euro sitzen bleiben werde. Die Polizeibeamten haben für den Gast ausgecheckt und mir übermittelt, dass er nicht zahlen könne.“