Halberstadt l Verfallen ist er ihnen im Jahr 1972 – Günter Diedrich weiß noch ganz genau, wann seine Liebe zu den vielfarbigen Gewächsen entbrannte. „Ich war mit meiner Frau auf dem Rückweg aus der Hohen Tatra. In Olomouc gab es eine internationale Gartenbauausstellung und die haben wir besucht“, sagt Günter Diedrich. In der tschechischen Stadt gab es Iris – in einer den Halberstädter beeindruckenden Farbenpracht. Vier Pflanzen nahm er damals mit in sein Zuhause, vier verschiedene Sorten waren es. „Seit der ersten Blüte haben mich die Iris nicht mehr losgelassen“, sagt der heute 82-Jährige.

Pflanzen und Blumen liegen ihm, er hat Gartenbau gelernt bei der Firma Weber. „Dann bin ich durch die DDR gezogen“, sagt der in Halberstadt geborene Mann mit den leuchtend blauen Augen, der gerne lacht und mit Gelassenheit auf vieles zurückblickt. „Alles hat eben seine Zeit. Und Zeiten ändern sich“, kommentiert er so manche Entwicklung.

Liebe zum Grün geerbt

Eigentlich wollte Günter Diedrich Förster werden, aber die Chancen, eine Stelle in der Ballenstedter Forstschule zu bekommen, waren gering. Also folgte er dem Beispiel seines Großvaters, der im Gut Mahndorf als Gärtner arbeitete, und stellte sich der körperlich anstrengenden Arbeit, die auch an den Wochenenden Einsatz forderte. „Wir mussten unsere Gewächshäuser ja noch selbst beheizen, da habe ich so manche Tonne Braunkohle gekarrt“, erinnert sich der Sohn eines Schlossers.

Bilder

Er hat die Ausbildung nicht bereut. „Heute sage ich, einen besseren Beruf konnte ich gar nicht finden.“ Auch wenn er schon in den 1950er Jahren sah, dass es auch leichter gehen kann. „Damals konnte man ja noch nach Westberlin, und da habe ich mir Gartenbaubetriebe angeschaut. Da war alles wie geleckt, die Rohre mit Silberbronze gestrichen. So was gab es hier nicht.“

Nach der Zeit bei Weber und in der Gärtnerischen Produktionsgenossenschaft (GPG) ging er nach Dresden zur Weiterbildung, lernte ein Jahr in einer Baumschule, dann wechselte er für ein Jahr nach Berlin-Weißensee. „Der Betrieb dort züchtete Azaleen, vor allem für den Export“, sagt Diedrich, der überall Wissen aufsog wie ein Schwamm. Von Berlin führte sein Weg nach Erfurt zum Gartenbaustudium an die Fachschule, dann ging es nach Caputh in der Nähe von Potsdam. Ein Jahr lang ist er jedes Wochenende mit dem Zug nachts von Potsdam nach Gotha, wo seine Frau lebte, und in der Nacht zum Montag wieder zurück. Dann wurde eine Stelle in Erfurt frei, er wechselte wieder ins Thüringische und arbeitete ein Jahr auf der Internationalen Gartenbauausstellung in Erfurt.

Nach dem Tod der Mutter fragte ihn der Vater, ob er nicht wieder heimkommen wolle. Er entschloss sich, mit seiner Frau nach Halberstadt zu kommen, arbeitete bei der GPG viele Jahre als Betriebsleiter. Dann wechselte er zum Obstbau Wernigerode. Da war er den Bäumen wieder näher. Gut zehn Arbeitsjahre verbindet er mit dem Obstanbau, bis zur Wende war er dort tätig. Nach einer Station als stellvertretender Kühlhausleiter des großes Obstkühlhauses in der Magdeburger Straße endete seine berufliche Entwicklung, der Betrieb wurde zugemacht, „Ich war Ende 50 und konnte die Vorruhestandsregelung nutzen.“

Geduld in vielen Fragen

Doch was anfangen mit der vielen freien Zeit? Sein Haus hatte er mühsam über viele Jahre selbst errichtet, nach Feierabend, mit viel Geduld. Aber die hatte er ja als Gärtner. „Ich musste einmal meine extra bestellten Helfer wieder nach Hause schicken. Es hatte geheißen, dass es bei der BGH Zement geben soll an diesem Tag. Es gab auch welchen, aber nur zwei Säcke pro Kunde.“ In seiner ersten Wut nahm er die nicht mit. Dann fing er an, die Zementsäcke vor Feuchtigkeit geschützt zu lagern und so lange auch zwei Säcke zu nehmen, bis er ausreichend Zement für einen weiteren Bauabschnitt hatte. Fast fertig, baute er nochmal um, weil dann mehr erlaubt war – einen 40 Quadratmeter großen Bungalow. Sein Kommentar heute: „So waren nun mal die Zeiten.“

Internationale Kontakte

Mit dem Vorruhestand hatte der Vater einer Tochter plötzlich Zeit, viel Zeit. Seine Frau Rosmarie war noch berufstätig. „Ich habe bis zu meinem 69. Geburtstag gearbeitet“, berichtet sie. Das sich mit dem Vorruhestand ihres Mannes rasant ausweitende Hobby der Iris-Züchtung trägt sie mit. Sie ist versierter im Umgang mit Computer und E-Mail, hat extra Englisch-Kurse in der Kreisvolkshochschule belegt, um die Korrespondenz mit den Züchtern aus aller Welt bewältigen zu können.

Denn mittlerweile hat der Halberstädter Iris-Freund einen guten Ruf in der Szene, kein Wunder, nach fast 50 Jahren als Züchter. In den internationalen Katalogen taucht der Name des leidenschaftlichen Iris-Freundes, der Mitglied in der Deutschen Staudengesellschaft und dort natürlich in der Fachgruppe Iris aktiv ist, mit einigen seiner Züchtungen auf. Auch wenn der Markt dominiert wird von den USA, Frankreich, Italien. „Auch in Australien gibt es inzwischen viele Züchter, wir konnten uns dort selbst einen Eindruck verschaffen“, berichtet Günter Diedrich. Ein befreundetes Paar aus Wuppertal, ebenfalls aktiv in der Deutschen Staudengesellschaft, nahm die Halberstädter mit in die USA, nach Frankreich und auch nach Australien.

Dort stand natürlich der Besuch der Iriszuchtbetriebe auf dem Programm, aber auch Ausflüge zu Sehenswürdigkeiten des Inselkontinents. „Wir haben uns einen Tag allein in Sydney bewegt, obwohl wir kein Englisch konnten. Wir waren in dem weltberühmten Opernhaus, bei einem Sinfoniekonzert“, erzählt Günter Diedrich. „Wenn wir unterwegs sind, geht es immer auf eine Gartenausstellung und dahin, wo Musik ist“, kommentiert Rosmarie Diedrich lachend, die inzwischen das Malen als Hobby für sich entdeckt und offenkundig Talent dafür hat, wie die Bilder auf ihrer Veranda beweisen. Blumenbilder sind es, „aber eigentlich liebe ich es mehr, Landschaften zu malen“, sagt sie.

Registrierung in den USA

Mit Bildern anderer Art ist sie seit vielen Jahren befasst. Sie hilft, die jedes Jahr von ihrem Mann geschossenen rund 1000 Fotoaufnahmen seiner eigenen Irissorten zu katalogisieren.

Wie es sich für einen ordentlichen Züchter gehört, tragen die einzelnen Pflanzen Etiketten mit Namen oder Nummern, die sich auch auf den Fotos wiederfinden. „Auf Namen lege ich eigentlich keinen Wert, die Ideen dazu kommen oft von anderen“, sagt Günter Diedrich. „Vor allem in den USA, wo die Iris sich großer Beliebtheit erfreut, sind unsere Vertriebspartner an knackigen Namen interessiert, weil sich dann die Blume besser verkaufen lässt“, erklärt Diedrich. So kam es, dass ein „Grünspecht“ bei der Registrierung zum „Greenhorn“ wurde. Bei einer Züchtung allerdings war ihm der Name wichtig – Elke B., der Name seiner Tochter.

„Man gibt für die Registriering einer Neuzüchtung neben Wuchshöhe und Färbung immer einen Namen und zwei Ersatznamen an, weil jeder Name nur einmal vergeben wird. Das kann schon mal schwierig werden. In den USA sind immerhin mehr als 40 000 Iriszüchtungen registriert“, erklärt Günter Diedrich. Das erklärt auch, warum er statt der gewünschten „Mondscheinsonate“ nun eine „Mondscheinserenade“ im Katalog führt. „Jeder Musikkenner fragt sich, wo der Name herkommt“, sagt er schmunzelnd. Auch „Anatevka“ ist einem bereits vergebenen Namensrecht geschuldet, denn „Rasputin“ gab es schon. Aber den „Halberstaedter Dom“ als Iris kann nur Günter Diedrich vorweisen, genau so wie „KOENIG HEINRICH DER ERSTE“, wie es auf der knallgelben Registerkarte der „American Iris Society“ steht.

„König Heinrich I.“ ist seine jüngste Züchtung, er nimmt Bezug auf das große Jubiläum, dass Quedlinburg in diesem Jahr feiert. Der Sage nach ist dem Sachsenfürsten Heinrich in der Welterbestadt die Königswürde angetragen worden. In einem Gespräch mit einer Irisliebhaberin aus Quedlinburg entstand die Idee, dafür eine eigene Irissorte zu züchten. König Heinrich ist bei Günter Dietrich goldgelb, mit dunkel-weinroten Hängeblättern.

Drei Jahre bis zur Blüte

So wie es auf der Registrierungskarte steht, wird das auch in den Katalogen vermerkt. Das Katalogisieren ist auch für den Halberstädter wichtig, immerhin waren es zwischenzeitlich mehr als 5000 Pflanzen, die auf seinem Grundstück in allen Farben blühten „Nur rote Iris gibt es nicht“, sagt Diedrich. Purpur, dunkles Orange oder ganz dunkle Rottöne, ja fast schwarze Färbungen sind möglich, ein helles Rot aber gibt es nicht bei den Hohen Bart-Iris.

Diese Art züchtet er vor allem. Er kreuzt meist Sämlinge, vermehrt die daraus entstehende Pflanze. „Jedes Blattpaar ergibt eine Pflanze. Es dauert also, bis man mehrere Exem-plare von einer Sorte hat und die auch zur Bewertung einschicken kann“, erläutert der mehrfach preisgekrönte Züchter.

Inzwischen stehen „nur noch“ rund 1500 Pflanzen auf dem baumfreien Aral in seinem großen Garten, denn die Iris liebt Sonne. „Ich habe im Sommer umgesetzt und aussortiert, bei der Hitze war das eine Herausforderung“, sagt der musikbegeisterte Irisfan. Es braucht drei Jahre, bis man sieht, ob eine Kreuzung erfolgreich war. Erst dann blüht die Iris. „Vorher weiß man nie, was wirklich herauskommt bei der Kreuzung. Man hat zwar seine Vorstellung, aber mit den Ergebnis ist es ein bisschen wie beim Lottospielen“, sagt der 82-Jährige.