Schlanstedt l Im Hause Kube in Schlanstedt herrscht Hochbetrieb. Koffer packen ist angesagt „Wir verreisen“, jubeln zwei sechsjährige Mädchen. Dass die beiden Wirbelwinde nicht bei ihren leiblichen, sondern bei Pflegeeltern aufwachsen, ist nicht zu spüren.

Insgesamt drei Pflegekinder leben bei Familie Kube, die Freundin der Pflegetochter ist ein häufiger und gern gesehener Gast im Haus. „Diese jährliche Fahrt ist einer der Höhepunkte unseres Vereinslebens“, betont Kathrin Kube, Vorsitzende des Vereins der Pflege- und Adoptiveltern. Und immer wieder gern gehe es an den Arendsee. 17 Familien werden sich mit ihren eigenen und den ihnen anvertrauten Pflegekindern auf den Weg machen, insgesamt 56 Personen. „Weil unsere Fahrten immer unter einem bestimmten Motto stehen, haben wir diesmal ‚Kindergeburtstag‘ ausgewählt, weil wirklich ein echtes Geburtstagskind unter uns ist“, erklärt Pflegevater Roy Adjodah. Und weil am Ende jedes Kind einmal im Jahr Geburtstag hat, wird für alle ein Fest gefeiert mit Hüpfburg, Spieleparcours und Grillabend mit Stockbrot. Die Fahrt wurde von der Landtags-Fraktion der Linken unterstützt.

Sorgen um Zukunft

Doch in die Freude auf die bevorstehenden Ferientage mischen sich bei den Erwachsenen auch Sorgen um die Zukunft. „Wir sehen das Gefüge der Pflegefamilien bei uns im Harz in großer Gefahr“, betonen Kathrin Kube und Roy Adjodah. Die Bereitschaft von Familien, sich um ein fremdes Kind zu kümmern, gehe immer weiter zurück.

Bereits jetzt gebe es mehr Kinder, die unterzubringen sind, als Pflegestellen. Für Säuglinge, die in Pflege gegeben werden sollen, gebe es sogar eine Warteliste.

Den Grund für den Rückgang der Bereitschaft sehen Kathrin Kube und Roy Adjodah in den unzureichenden Rahmenbedingungen für Pflegeeltern. „Seit Jahren machen wir auf diese Umstände aufmerksam und wissen schon nicht mehr, an wen wir uns noch wenden sollen.“ Sie haben vor dem Jugendhilfeausschuss des Landkreises gesprochen, sich an den Landrat und den Kreistag gewandt und mehrfach an die Landtagsabgeordneten verschiedener Fraktionen. Doch passiert sei viel zu wenig.

Problematik erkannt

Katrin Kube ist nicht nur die Vereinsvorsitzende im Altkreis Halberstadt, bei ihr laufen die Fäden des Landesverbandes von Sachsen-Anhalt zusammen. Daher hat sie den Überblick, welche Bedingungen für Pflegeeltern in anderen Landkreisen gelten. „Einige Landkreise haben die Problematik erkannt und die Rahmenbedingungen verbessert.“

Ein gutes Beispiel sei der Bördekreis, in dem der Beihilfekatalog für Pflegekinder deutlich verbessert wurde. „Für Pflegeeltern, die sich eines Säulings annehmen, gilt im Nachbarkreis ein Elternzeitmodell, wie für leibliche Eltern auch.“ So etwas wäre auch für den Harz wünschenswert, weil Säuglinge unbedingt in einer Familie umsorgt werden sollten und keinesfalls in das Kinderheim gehören“, meint Kathrin Kube.

„Es darf nicht sein, dass auf Kosten der Kinder zunächst gespart wird, um dann den Fehler zu spät zu sehen“, sagt Roy Adjodah und vergleicht diese aktuelle Politik mit der Einsparung an Lehrern und Polizisten, die dem Land Sachsen-Anhalt gerade teuer zu stehen kommen. „Die Kosten für die Unterbringung eines Kindes im Heim sind fünf-bis sechsmal höher, als in einer Pflegefamilie.“

Zu wenig Pflegestellen

Am Ende sei die Konsequenz von zu wenig Pflegestellen, dass die Kinder, die durch das Jugendamt in Obhut genommen werden, im Kinderheim unterkommen, anstatt in Familien, erklären Kube und Adjodah. „Wir machen uns weiter dafür stark, dass sich die Bedingungen verbessern, damit unsere Kinder auch künftig die Koffer für die Ferienfreizeit packen, und nicht für das Heim.“