Halberstadt l Die roten Backsteine liegen noch immer. Es ist historisches Material, auf dem man geht, betritt man das Gebrauchtmöbelhaus im Burchardikloster. Die roten Backsteine waren einst Mauern der Schnitterkasernen am Harzhof, die Ende der 1990er Jahre abgerissen worden waren. Die Steine wurden damals von Mitarbeitern des Kolping-Bildungswerkes aufgearbeitet, halbiert und als Boden in dem großen Raum verlegt, in dem noch heute das Gebrauchtmöbelhaus existiert.

Grundkonzept ist geblieben

Der Boden ist ebenso geblieben wie das Grundkonzept der Einrichtung – gut erhaltene Möbel Menschen zur Verfügung zu stellen, die kein oder nur ein sehr geringes Einkommen haben. „Wir sind offen für alle“, sagt Sabine Eberling, die derzeit das Möbelhaus mit ihren siebenköpfigen Team am Laufen hält. Und alle meint alle. Vom Auszubildenden über den Studenten, vom Hartz-IV-Empfänger bis zum Rentner reicht die Bandbreite der Kunden. Man habe bewusst auf eine wie auch immer geartete Bedürftigkeitsprüfung verzichtet, weil das vielen Menschen unangenehm sei.

Es erschrecke sie schon, berichtete die Teamchefin, dass in letzter Zeit spürbar mehr Senioren die Angebote des sozialen Ladens nutzen. Manche kämen, weil sie der Meinung seien, für die paar Jahre, die sie noch vor sich haben, müsse es kein neues Sofa für 2000 Euro sein. Andere wiederum könnten sich solche Ausgaben schlicht nicht leisten. „Man spürt, die Diskussion um Altersarmut ist kein leeres Gerede, so etwas gibt es auch bei uns“, sagt Sabine Eberling.

Jeder Tag ist anders

Manchmal kommen auch Sammler ins Möbelhaus, die vor allem bei Geschirr oder keinen Hausrat besondere Stücke suchen, berichtet Eberling. Sie selbst kommt aus der Verkaufsbranche, wechselte 2012 zur AWZ GmbH, schloss erfolgreich die Qualifizierung zur Ausbilderin ab und begann wenig später als solche im Klosterteam zu arbeiten.

Wechsel nie bereut

Den Wechsel ins Kloster hat sie nicht bereut, „hier gibt es jeden Tag was Neues, man weiß nie genau, was einen erwartet“, sagt die fröhliche Teamchefin. Mit sieben Mitarbeitern, zwei davon wie sie fest angestellt, wuppt sie die täglichen Aufgaben. Die wären, die Tourenpläne zu erarbeiten, bei denen die Möbelspenden abgeholt werden, die große, sich auf zwei Etagen erstreckende Ausstellungsfläche picobello sauber zu halten, die abgeholten Möbel genau unter die Lupe zu nehmen, gründlich zu reinigen, kleinere Reparaturen vorzunehmen.

„Bei Kühlschränken und Waschmaschinen wird nach Möglichkeit schon bei der Abholung geschaut, ob alles funktioniert“, sagt Sabine Eberling, „aber hier wird auch nochmal geprüft.“ Sie legt Wert darauf, dass die angebotene Ware nicht nur richtig sauber, sondern auch funktionsfähig ist. Das wirkt sich ein bisschen auf den Preis der Möbel aus, gibt sie zu, aber es stecke schließlich viel Arbeit in allem, was dicht an dicht auf der Verkaufsfläche steht. „Und viele, die beim ersten Schauen noch meinen, es sei zu teuer, kommen meist wieder“, berichtet Sabine Eberling. Schließlich schaue das Team, was vergleichbare Einrichtungen nehmen.

Erst Fotos vorlegen

Dass so mancher das Angebot, gebrauchte Möbel abzuholen als Sperrmüllentsorgung versteht, passiere leider immer noch ab und zu. Deshalb lasse man sich inzwischen oft erstmal Fotos der abzuholenden Einrichtungsgegenstände zuschicken, ergänzt Christiane Müller, Geschäftsführerin der AWZ GmbH. Das Aus- und Weiterbildungszentrum ist mit der gemeinnützigen Bildungs- und Betreuungsservice GmbH als Tochterunternehmen Trägerin der Angebote im Burchardi­kloster.

Gelebte Hilfe

Der Betrieb des Möbelhauses ist möglich, weil mehrere Partner das Projekt unterstützen, sagt Detlef Rutzen, ebenfalls Geschäftsführer der AWZ GmbH. Dazu gehöre die KoBa Jobcenter Harz, die die Arbeitsgelegenheiten finanziert. „Die Zusammenarbeit klappt sehr gut, und wir haben sogar aus Aktivierungen heraus zwei Mitarbeiter fest anstellen können“, berichtet Rutzen. „Aber auch die Entsorgungswirtschaft Harz, die Enwi, ist von Anfang an Partner“, ergänzt Christiane Müller. Weil die Enwi Entsorgungskosten spart, bezuschusst sie mit einer kleinen Summe die Arbeit des Möbelhauses.

Dass der Namensbestandteil „sozial“ ernst genommen wird, zeigen nicht nur die Preise, sondern auch Einsätze des Teams für Menschen in Notlagen. Es ist noch nicht lange her, da wurde einem jungen Ehepaar, das mit seinen zwei Kindern obdachlos geworden war, rasch und unentgeltlich geholfen. Auch einem Auszubildenden, der allein zurecht kommen muss, wurde das Zimmer ausgestattet. „Die soziale Arbeit gehört nun mal ganz einfach zu uns dazu“, sagt Detlef Rutzen.

Um die 70.000 Euro Jahresbudget sind summasumarum fürs Möbelhaus eingeplant. Damit steht auch etwas Geld zur Verfügung, um preiswerte, aber solide Matratzen zu kaufen, „denn bei Betten werden die immer ausgetauscht“, sagt Sabine Eberling. Matratzen lassen sich nicht gut reinigen.