Halberstadt l Ein Labyrinth aus meterhohen Schränken, von kaltem Neonlicht eingehüllt. Die Luft ist trocken, staubig. Nur das Summen der Kühlschränke durchdringt die Stille. Wer die Schränke öffnet, wird von Hunderten Augenpaaren angestarrt. Vögel. Ausgestopft und für die Ewigkeit konserviert stehen und liegen schier unzählige Exemplare dichtgedrängt in den Schubfächern. Das Magazin des Halberstädter Heineanums könnte nicht nur gut der Schauplatz eines Krimi sein, derzeit ist es das tatsächlich. Die Kunsthistorikerin Sabine Breer leistet dort seit zwei Wochen Detektivarbeit.

Für die Vogelarten, die dort im Magazin zu finden sind, ist das Heineanum in Fachkreisen bekannt. Einige der Exponate sind weit mehr als 100 Jahre alt. Seltene Arten sind darunter, sogar mittlerweile ausgestorbene. Doch genau dieser Schatz, der unscheinbar hinter Schranktüren lauert, könnte das Heineanum mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte in Verbindung bringen. Der NS-Zeit. Sabine Breer forscht, ob sich unter den Exponaten Raubgüter befinden. Zwangsenteignungen von Menschen, die das Nazi-Regime als Feinde ansah, zum Beispiel Juden und politische Gegner. Provenienzforschung, also Herkunftsuntersuchungen, sind das Fachgebiet der Kunsthistorikerin.

Unwissend im Besitz von Hehlerware

„Kulturgüter aus den ehemaligen Kriegsgebieten finden sich heute in öffentlichen und privaten Sammlungen auf der ganzen Welt – einige werden auch in den öffentlichen Sammlungen Deutschlands aufbewahrt. Oft, ohne dass die Institutionen es wissen“, erläutert die Kunsthistorikerin. Neu sei diese Erkenntnis nicht. „Von Gemälden und anderen Kunstobjekten, auf die das zutrifft, hat man schon häufiger gehört. Aber auch in naturkundlichen Sammlungen können sich Raubgüter befinden.“ Das Heineanum ist eines der ersten Naturkundemuseen des Landes, die darauf überprüft werden.

Zumal Rüdiger Becker, der Chef des Heineanums, einen Verdachtsmoment hatte. „Wir bekamen eine Anfrage vom Naturkundemuseum Coburg. Dabei ging es um deren Kolibri-Sammlung, die in den Jahren 1912/1913 unter Leitung von Rudolf Heinrich Jung neu sortiert und neu angelegt worden war“, berichtet er. „Seitdem fehlen den Aufzeichnungen zufolge 64 Kolibri-Exemplare im Coburger Museum.“ Ausgerechnet von diesem Rudolf Jung, von Haus ein Apotheker, hat auch das Heineanum eine Kolibri-Sammlung. 1936 ist sie in das Museum gelangt. Handelt es sich bei den Vögeln etwa um welche, die in Coburg verschwunden sind?

Verdachtsmoment im Heineanum

„Ich dachte, das herauszufinden, wird kein Problem. Ich muss nur in unserer Datenbank nachschauen“, berichtet Becker. Doch er irrte sich. Zwar existiert eine digitalisierte Auflistung der Museumsbestände – rund 18 700 Stücke – doch sie birgt einige Fallstricke.

Zum einen basiert die Datenbank auf handschriftlichen Aufzeichnungen – die sich zum Teil widersprechen. Die Schrift ist verschnörkelt, die Listen wurden über die Jahre ergänzt, gestrichen und überschrieben. Hinzukommt, dass ein falsch gesetztes Leerzeichen, ein Tippfehler oder die Verwendung einer alternativen Schreibweise ausreichen, dass die Aufzeichnungen in der Datenbank unauffindbar sind. Und: Beim Bombenangriff 1945 auf Halberstadt wurden auch Bestände und Aufzeichnungen des Heineanums zerstört. Es ist unmöglich nachzuvollziehen, was sich unter diesen Sachen befand, so Becker.

Vielleicht gehörten die Unterlagen über den Kauf der Kolibris von Jung dazu. Denn diese fehlen. War es also überhaupt der Apotheker selbst, der sie an das Museum verkaufte? War der Mann ein Jude, der enteignet wurde? Ist die Sammlung Hehlerware?

Entwarnung für Halberstädter

Um solche Fragen aufklären zu können, beantragte der Ornithologe beim Museumsverband Sachsen-Anhalt eine Untersuchung im Rahmen des aktuellen Provenienzforschungsprojekts „Erstcheck an 17 Museen in Sachsen-Anhalt“. Für diesen Erstcheck ist Sabine Breer zuständig. Sie durchforstet die Aufzeichnungen des Museums, gleicht sie mit denen anderer Dokumentationen ab, setzt sich mit der Geschichte der Stadt und des Museums selbst auseinander.

Obwohl sie ihre Forschungen längst nicht abgeschlossen hat, kann sie doch schon einen Teilerfolg melden: Im Fall Jung gibt keine konkreten Hinweise auf unrechtmäßig erworbene Bestände im Museum. „Der Mann war evangelisch. Es deutet nichts daraufhin, dass er von den Nazis verfolgt wurde“, berichtet Sabine Breer. Und bei den Kolibris handelt es sich definitiv nicht um die in Coburg fehlenden.

Es bleibt spannend, was die Historikerin in den kommenden Wochen noch alles über die Exponate des Heineanums und ihre Herkunft zutage bringt.