Halberstadt l Er sitzt auf einer Stange, scheint wachsam in die Ferne zu blicken. Dabei hat er bereits 200 Jahre auf dem Buckel, der kleine Turmfalke. Ihm ist gleich am Anfang der Ausstellung im Museum Heineanum eine eigene Vitrine gewidmet. „Es ist eines der ältesten, wenn nicht gar das älteste Präparat unserer Sammlung“ sagt Rüdiger Becker. 1818, am 20. April, wurde das Tier von Christian Ludwig Brehm erlegt. Da war der Begründer der Halberstädter Sammlung gerade mal neun Jahre alt. „Wie Ferdinand Heine in den Besitz dieses Präparates gelangt ist, wissen wir nicht genau“, sagt Rüdiger Becker. „Leider haben wir so gut wie keine Korrespondenz, die uns von Heine überliefert ist.“

Der 1809, im selben Jahr wie Charles Darwin, geborene Heine hatte in den 1830er Jahren seine vogelkundliche Sammlung begonnen. Da war der Röthelfalke, wie ihn Christian Ludwig Brehm nannte, schon längst für die Nachwelt präpariert. Rüdiger Becker vermutet, dass der leidenschaftliche Sammler nicht nur Kenntnis von Brehm hatte, der als „Vogelpastor“ berühmt geworden ist, sondern auch davon, dass die fast 9000 Stücke umfassende Sammlung zum Verkauf steht.

Berühmte Forscher

„Mehr als 30 Jahre liegen zwischen dem Tod Brehms 1864 und dem Sammlungsverkauf an Lord Rothschild“, berichtet Becker. Der hatte die Brehmsche Sammlung für das Naturkundemuseum Tring erworben, die Außenstelle für Ornithologie des British Museum of Natural History.

Von dort wurde die Brehmsche Sammlung 1932 nach New York verkauft, ans American Musuem of Natural History. „Und später gelangten 2826 Exemplare nach Bonn an das Musuem Alexander König“ sagt Becker, „hier lagert die älteste Serie der Brehmschen Sammlung. Die stammt aus dem Jahr 1808.“

Moment mal, Brehm? Da war doch was. Ach ja , „Brehms Thierleben“, eine illustrierte Sammlung zoologischen Wissens. „Das Buch hat ein Sohn des Vogelpastors verfasst“, sagt Becker, Alfred Edmund Brehm. Und der hat vielleicht sogar ursächlich mit dazu beigetragen, dass sich dieses Falkenpräparat, ein Typus-Exemplar, in Halberstadt befindet.

Besonderer Schatz

Alfred Brehm, der eigentlich in Dresden Architektur studieren wollte, war 1847 einer Bitte des Barons Johann Wilhelm von Müller nachgekommen und hatte diesen auf eine Afrikaexpedition begleitet. Von 1847 bis 1852 war Brehm auf dem schwarzen Kontinent unterwegs und geriet in Geldnot, weil der Baron nicht alle seine Finanzierungszusagen seinem Sekretär gegenüber einhielt, wie Rüdiger Becker berichtet. Vielleicht ist ja da schon der Falke aus dem thüringischen Renthendorf nach Halberstadt gelangt. Auf jeden Fall hat Heine auch Präparate Brehms von dessen Nilreise erworben. „Die verfügen sogar noch über die Original-Etiketten“, sagt Becker. Noch so ein besonderer Schatz im Magazin des Halberstädter Vogelkundemuseums.

„Es gibt viele Schätze wie diesen Falken in unserer Sammlung“, sagt Becker. Die sind von so großem Wert, dass man sie nicht dauerhaft in der Ausstellung zeigen will. Schließlich sind Licht und wechselnde klimatische Bedingungen nicht die besten Voraussetzungen für den dauerhaften Erhalt der Präparate. Auch das jetzt gezeigte Turmfalken-Exemplar musste vor seiner Präsentation durch die fachkundigen Hände von Detlef Becker, dem Präparator des Heineanums.

In der Vitrine ist aber nicht nur der Turmfalke zu sehen. Eine Tafel gibt Auskunft über Christian Ludwig Brehm, den thüringischen Pfarrer mit der großen Leidenschaft für alles, was mit der Vogelwelt zusammenhing. So ist zu erfahren, das Brehm zweimal verheiratet war und insgesamt 14 Kinder zeugte, viele davon starben früh.

Wissenschaftsgeschichte

Die Informationstafel führt auch weitere Röthelfalkenarten auf, die Brehm beschrieben hat. „Das ist ein Stück Wissenschaftsgeschichte“, sagt Becker, „heutzutage würde man das so nicht mehr machen.“ Denn Brehm lässt jede Variation der Gefiederzeichnung zu einer eigenen Art werden. Heute wären das, wenn überhaupt, Unterarten. Aber wohl nicht einmal das.

Dennoch, der ausgestellte Turmfalke bleibt als Typus-Exemplar gelistet. Es könnte ja sein, sagt Rüdiger Becker, dass die Forscher in 50 Jahren feststellen, dass dieses Exempkar hier doch eine eigenständige Art ist. Schließlich zeigt auch die Vitrine neben der Christian Brehm gewidmeten neue Entwicklungen. Sie zeigt einen Abguss des Fossils eines Archäopteryxs. Den kennen viele Schülergenerationen als Urvogel, als Bindeglied zwischen Reptilien und Vögeln. „Heute weiß man, dass das so nicht stimmt“, sagt Becker.