Halberstadt l Verlockungen gibt es in den Rathauspassagen Halberstadt viele. Dafür sorgen die 83 Geschäfte mit zig Tausenden Artikeln in den Regalen, die bei Jung und Alt Begehrlichkeiten wecken. Wie ein Magnet zieht der Einkaufstempel im Herzen Halberstadts jährlich etwa eine Millionen Kunden aus der gesamten Harzregion und darüber hinaus in seinen Bann. Zu den Gästen gehören aber auch Langfinger. „Sie agieren subjektiv gefühlt teils sogar in organisierten bandenartigen Strukturen“, berichtet Enrico Burau.

Der Centermanager kann den Verdacht der organisierten Kriminalität sogar belegen. „Wir bekamen einen Tipp, dass an der Martinikirche am Holzmarkt gestohlene Ware in Empfang genommen wird. Daraufhin beobachteten wir einen Ladendieb, der in der Passage hochwertige Elektronik gestohlen hatte. An der Kirche stand ein Dealer, der das Diebesgut in Empfang nahm. Beide konnten gestellt werden“, so Burau.

Schwerpunkt der Kriminalität sind nach Auskunft von Enrico Burau Läden, die Unterhaltungselektronik, Uhren, Parfüm und Bekleidung verkaufen. Auf dem Wunschzettel der Ladendiebe steht vor allem hochwertige Ware. Um die möglichst ohne Aufsehen aus den Geschäften entwenden zu können, wird getrickst und manipuliert.

Trick mit Frostschutztaschen

„Die Täter tragen Jacken oder Mäntel in Übergrößen und verstecken ihre Beute darunter.“ Eine andere Masche sei, mit Frostschutztaschen, in denen eigentlich Lebensmittel transportiert werden, die Läden zu betreten. In denen wird die gestohlene Ware verstaut, die mit einer elektronischen Sicherung versehen ist. Die mit Aluminiumfolie ausgeschlagenen Taschen verhindern, dass beim Verlassen der Läden Alarm ausgelöst wird. „Allerdings haben viele Mitarbeiter mittlerweile einen Blick dafür“, so Enrico Burau.

Der finanzielle Schaden, den die Ladendiebe den Handelsunternehmen in der Passage zufügen, lässt sich nur schwer in Zahlen ausdrücken. In einzelnen Geschäften handelt es sich pro Jahr um fünfstellige Summen, so Enrico Burau. In vielen Fällen würde der Schaden erst bei Inventuren ans Tageslicht kommen. Warum? Weil die Diebe erfolgreich waren und nicht auf frischer Tat ertappt wurden. Die Dunkelziffer sei leider wesentlich höher als die Zahl der Ladendiebe, die bei ihren Touren gestellt werden.

Obwohl alles getan wird, dem kriminellen Treiben Grenzen aufzuzeigen, so Enrico Burau. Und das durchaus mit Erfolg. Der Centermanager hält einen dicken Aktenordner mit Anzeigen in der Hand – allein bis Mitte November 2018 weit über 100 Fälle, die der Polizei gemeldet wurden. Alles Fälle, die Dank der aufmerksamen Mitarbeiter einer im Haus agierenden Sicherheitsfirma, durch aufmerksame Verkäufer oder elektronische Helfer aufgedeckt wurden.

Senioren stehlen wegen Demenz

Nicht jeder Diebstahl sei einer. Enrico Burau: „Immer öfter werden Senioren im Lebensmittelmarkt erwischt – mit Kleinigkeiten. Im Einkaufskorb liegen Waren für knapp 20 Euro. Dann stellt sich ­heraus, dass der Rentner sich noch einen Artikel für 70 Cent in die Tasche gesteckt hat.“ Nicht mit der Absicht zu stehlen, weil sich die Leute das nicht leisten können. „Es sind oft Demenzkranke, die vergessen haben, dass sie etwas nicht in den Korb gelegt haben. Klar, juristisch gesehen ist das ein Diebstahl, aber hier muss man differenzieren“, sagt Enrico Burau.

Zur Nationalität der Ladendiebe sagt Enrico Burau, dass neben Deutschen vor allem Täter aus Osteuropa gestellt werden. „Entgegen anderen Behauptungen bereiten uns Flüchtlinge so gut wie gar keine Probleme. Das Verhältnis zum Diebstahlaufkommen ist zu vernachlässigen.“ Derzeit würden verstärkt Täter aus Georgien und aus Balkanländern geschnappt.

Das Polizeirevier Harz konnte kurzfristig keine Statistik zu Ladendiebstählen in der Kreisstadt zur Verfügung stellen.