Bundesdrogenbeauftragte Mechthild Dyckmans besucht Haldensleber Drogen- und Suchtberatungsstelle

"Rauchen ist uncool geworden, Alkohol nicht"

Von Jens Kusian

Wie sehr eine wirkungsvolle (Präventions)Arbeit bei der Drogen- und Suchtberatung von den Finanzen abhängt, das erfuhr die Bundesdrogenbeauftragte Mechthild Dyckmans bei einem Besuch in Haldensleben. Sie machte sich ein Bild von der Arbeit der Berater und von der Drogensituation im Landkreis.

Haldensleben l Es sei ein alljährliches Ringen um finanzielle Mittel für die Arbeit der Drogen- und Suchtberatungsstellen (DROBS), so die Erfahrung von Birgit Reinhardt. Sie ist die Geschäftsbereichsleiterin des Paritätischen, Sozialwerk Behindertenhilfe, in dessen Trägerschaft die DROBS Haldensleben agiert. Eine Projektförderung gebe es nur von Jahr zu Jahr. "Manchmal müssen wir bis in die zweite Jahreshälfte hinein in die Vorfinanzierung gehen", ergänzte Andreas Fehrecke, der seit 18 Jahren die Drogenberatungsstellen Haldensleben, Burg und Genthin leitet.

Situation auf dem Lande anders als in der Großstadt

Reinhardt und Fehrecke klagten sich aber nicht gegenseitig ihr Leid, sondern konfrontierten die Drogenbeauftragte des Bundes, Mechthild Dyckmans, mit der Situation der Drogenberatung auf dem flachen Land. Der Besuch der FDP-Politikerin in Haldensleben sei eine Wertschätzung ihrer Arbeit, freute sich Haldenslebens Suchtberater Steffen Rißmann, auch einmal auf höherer Ebene auf offene Ohren zu stoßen. "Auf dem Land ist die Situation anders als in den Großstädten. Hier sind die Betroffenen auf den Öffentlichen Personennahverkehr angewiesen, das kann sich nicht jeder leisten. Deshalb haben wir auch Außenstellen in Wolmirstedt und Oebisfelde", erklärte Rißmann der Bundestagsabgeordneten.

Mechthild Dyckmans ist aber nicht nur an der Arbeit und den damit verbundenen Problemen, mit denen die Mitarbeiter tagtäglich konfrontiert werden, interessiert. Ihr Augenmerk lag auch auf den Klienten, welche die Beratungsstellen besuchen. Da konnte Rißmann aus einem reichen Erfahrungsschatz schöpfen.

Mehr um die Prävention dagegen kümmert sich Martina Engelhard-Oxe. Sie ist an den Schulen im Landkreis unterwegs, um Kinder und Jugendliche auf die Gefahren von legalen und illegalen Drogen aufmerksam zu machen. "Doch meistens räumen uns die Schulen nur stundenweise Zeit für die Präventionsarbeit ein", bedauerte sie. Tages- oder gar Drei-Tages-Projekte seien dagegen die Ausnahme, "obwohl sie viel mehr bringen", schätzte die DROBS-Mitarbeiterin ein.

Nach wie vor sei Alkohol die Hauptdroge bei den Jugendlichen, sagte sie. Darauf liege auch der Schwerpunkt ihrer Präventionsarbeit. "Das Problem Jugend und Alkohol ist europaweit gleich. Vor allem ist es ein gesellschaftliches Problem. Denn auch die Erwachsenen, die als Vorbild wahrgenommen werden, trinken zuviel", machte Dyckmans deutlich. Daher müsse auch mit Ritualen gebrochen werden, forderte sie: "Es kann nicht sein, dass Alkoholkonsum unter Jugendlichen bei Jugendweihe und Konfirmation normal ist."

Crystal: Noch wenig verbreitet, aber auf dem Vormarsch

Beim Rauchen dagegen stellte Dyckmans einen rückläufigen Trend fest. "Das Nichtraucherschutzgesetz, das Werbeverbot im Fernsehen, das Heraufsetzen der Altersgrenze und die Verteuerung von Tabak haben dazu beigetragen, dass der Konsum gesunken ist", sagte sie. Allerdings mache der Bildungsstand den Unterschied aus. "Schüler an Gymnasien rauchen weniger als Schüler an anderen Schulen. Beim Alkohol trifft das allerdings nicht zu, da sind alle gleich", schätzte Dyckmans ein.

"Und wie sieht es in Haldensleben mit Crystal bei Ihnen aus?", wollte sie wissen. Die synthetische Droge N-Methylamphetamin, auch Methamphetamin, Meth oder eben Crystal genannt, ist laut Dyckmans Einschätzung bundesweit auf dem Vormarsch. Sie gehört zu den am schnellsten zerstörenden Drogen überhaupt. Konkrete Zahlen vermochte auch Rißmann nicht zu nennen. "Es sind die ersten Fälle aufgetreten", bestätigte er. Aber diese Klientel finde kaum den Weg in die Beratungsstellen. "Wir sehen ja nur das, was hier bei uns aufschlägt. Und da kann ich sagen, dass sich die Zahl in etwa verdreifacht hat", so der Suchtberater. Über die Dunkelziffer wollte er keine Vermutungen anstellen.

"Im Süden Sachsen-Anhalts, im Burgenlandkreis und in Halle, da ist Crystal schon angekommen", berichtete dagegen Fehrecke. Doch eine großflächige Kampagne, um auf die Gefahren von Crystal aufmerksam zu machen, hält Dyckmans für falsch. "Das weckt nur die Neugier. Hier müssen wir gezielt informieren", so ihr Vorschlag.