Halberstadt l Der Moses-Mendelssohn-Akademie (MMA) in Halberstadt ist ein Glücksgriff gelungen: In dieser Woche hat sie online bei einer Versteigerung des New Yorker Auktionshauses Southeby‘s ein Kinderbett ersteigert. Den Zuschlag gab es bei 2250 US-Dollar, also rund 2000 Euro. Das mit einem geschnitzten Segensspruch verzierte Bett gehörte Leon Meyer, der am 22. Juli 1878 in Halberstadt geboren wurde. „Es ist bedeutend für uns, weil es die Alltagsgeschichte der Juden in Halberstadt zeigt", sagt MMA-Leiterin Jutta Dick. Solche Objekte seien selten, da viele seit der Zeit des Nationalsozialismus verschollen sind. Wie es auch das Kinderbett bisher war. Von Leon Meyer ist bekannt, dass er nach Berlin gegangen ist. Er starb 1940. „Ein Teil seiner Familie ist in die USA ausgewandert", hat Jutta Dick in Erfahrung gebracht. Sie wolle nun zu den Erben Kontakt aufnehmen.

Kunsthandwerklich bedeutsam

Schön ist es, 95,3 Zentimeter lang und offensichtlich alt. Spektakulär? Nicht auf den ersten Blick. „Kunsthandwerklich ist es nicht von Bedeutung“, sagt MMA-Leiterin Jutta Dick. „Aber es zeigt die Alttagsgeschichte der Halberstädter Juden.“ Und das sei von hohem Wert für die MMA, zu der das Berend-Lehmann-Museum für jüdische Geschichte und Kultur gehört.

„Für jedes jüdische Museum in Deutschland besteht das Problem, dass man auf keine Sammlung zurückgreifen kann“, berichtet Jutta Dick. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden die Häuser jüdischer Familien geplündert, ihr Eigentum zu Spottpreisen versteigert, Synagogen zerstört. Juden, denen es gelang, vorher zu fliehen, haben ihren Hausstand mitgenommen oder verkauft. Entsprechend gibt es kaum originale Objekte, die in Museen ausgestellt werden können.

Museum hofft auf Spenden

„Als wir mit unserer Arbeit begonnen haben, war es der erste Ansatz in Halberstadt, die Gebäude zu retten“, erinnert sich Jutta Dick. Das war 1996. „Aber irgendwann will man die Geschichte anhand von Objekten zeigen.“ Diese stammen aus Versteigerungen – wie eben das Kinderbett, das dem 1878 in Halberstadt geborenen Juden Leon Meyer gehörte. Doch solche Anschaffungen sind teuer. Entsprechend sei das Museum auf Zufallsfunde angewiesen sowie auf Spenden und Leihgaben. Diese stammen von Juden, die in Halberstadt lebten, und ihren Nachfahren.

Wie Fotografien. Eine Porträtgalerie mit historischen und aktuellen Aufnahmen von ehemals in Halberstadt ansässigen jüdischen Familien ist im Berend-Lehmann-Museum zu sehen. Nicht selten seien Schüler erstaunt bis enttäuscht, wenn sie vor der Bildergalerie stehen, berichtet Jutta Dick, selbst Katholikin. „Die sehen ja ganz normal aus“, ist ein häufiger Satz, den die Historikerin hört.

Menschen als Opfer sichtbar machen

Genau das ist das Anliegen, das die MMA mit den Fotos verfolgt: Aufzeigen, dass es nicht „die Juden“ waren, sondern Menschen, die dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen. Jutta Dick und ihre Mitstreiter kennen die Schicksale der Abgebildeten, können Anekdoten aus deren Leben erzählen.

Da ist zum Beispiel Marianne Bendix, die ein Miederwaren- und Wäschegeschäft hatte. Ihr Mann Bruno Bendix betrieb im selben Geschäft einen Verleih und eine Werkstatt für Klaviere. Oder Walter Ebstein. 1908 in Halberstadt geboren, emigrierte er 1939 nach Australien und betrieb in Melbourne einen Nachtclub. Die Familie Hirsch stellte Patronenhülsen her. „Ein Sohn war allerdings Pazifist, er wollte damit nichts zu tun haben und ging nach London“, sagt Jutta Dick. Mehr als 1000 solcher Geschichten gibt es zu berichten. Etwa so viele Juden gab es um 1927 in Halberstadt – 1942 keinen einzigen mehr.

„Wir versuchen den Kindern zu vermitteln, die jüdische Geschichte als Teil der Stadtgeschichte zu verstehen“, sagt Jutta Dick. „Man kann beides nicht von einander trennen.“

Mehrfach Synagogen zerstört

Erstmals wurden Juden in der Stadt im 13. Jahrhundert urkundlich erwähnt. „Die Formulierung lässt jedoch die Vermutung zu, dass schon zuvor welche hier lebten“, berichtet Jutta Dick. Im Laufe der Jahrhunderte war das Verhältnis der Halberstädter zu Juden wechselhaft. So wurden in den Jahren 1621 und 1669 Synagogen zerstört. Andererseits stieg der Anteil der jüdischen Bevölkerung von einzelnen Familien auf rund 700 Menschen um 1700 an. Die jüdische Gemeinde in der Bischofsstadt Halberstadt wurde eine der größten in Mitteldeutschland und zu einem bedeutenden Zentrum der jüdischen Neo-Orthodoxie im 19. Jahrhundert.

Engagement über die Gemeinde hinaus

Einer der bedeutendsten Juden Halberstadts war Berend Lehmann, Namensgeber des heutigen Museums. 1661 in Essen geboren, war er als Hofjude (Kaufmann, der Heeresmaterial oder Kapital für den Herrscher beschaffte) für die Höfe von Preußen, Hannover, Braunschweig und für August den Starken in Sachsen tätig. Sein eigenes Vermögen und seine Stellung ermöglichten es Lehmann, die Halberstädter Gemeinde zu unterstützen. So stiftete er 1712 eine Synagoge und ließ ein Rabbinerseminar errichten. Sein Engagement ging über die Gemeinde hinaus: Er finanzierte nach einem Großbrand in Halberstadt den Wiederaufbau des zerstörten Straßenzuges.