Torfhaus/Ilsenburg l Diesen Tag wird Benjamin so schnell nicht vergessen: Die Tagestour nach Torfhaus und von dort auf Schusters Rappen rauf zum Brocken versprach ein richtiges Erlebnis zu werden. Nicht nur die Natur lockte, sondern auch die Dampflok der Brockenbahn. „Der Lütte ist ein Eisenbahnfan – das war für ihn was ganz besonderes“, berichtet Mutter Jennifer. Dass der Harz-Ausflug für die beiden Touristen aus Göttingen Stunden später ein abenteuerliches Finale bekommen sollte, ahnte am Dienstagvormittag freilich niemand. Um Haaresbreite hätten die beiden die Nacht irgendwo unterhalb des Scharfensteins verbringen müssen.

Nach dem Notruf ist der Akku leer

Es ist 18.30 Uhr, als in mehreren Leitstellen der Notruf der 30-Jährigen eingeht. Sie sei beim Abstieg vom Brocken ihrem Handy-Navi gefolgt, um zurück zum Torfhaus-Parkplatz zu gelangen. „Doch plötzlich lagen da nur noch Bäume auf dem ausgeschilderten Weg“,  erinnert sich die junge Frau. Es ist der Moment, wo langsam Panik aufkommt. Die Sonne nähert sich dem Horizont. Wanderer, die man um Hilfe fragen könnte? Fehlanzeige. „Schlagartig war Totenstille, und mein Handy hatte nur noch vier Prozent Akkuleistung“, berichtet Jennifer K., deren vollständiger Name der Redaktion bekannt ist. 

In diesem Moment wird der 30-Jährigen bewusst, dass sie allein nicht mehr aus der misslichen Lage herauskommt. Sie wählt den Notruf 112, landet zunächst in der Leitstelle Braunschweig und wird nach Halberstadt weitergeleitet. Augenblicke später läuft die Rettungsaktion an.

Alle verfügbaren Kräfte im Einsatz

Praktisch im allerletzten Moment wird das Mobiltelefon angepeilt, um die beiden unterhalb des Scharfensteins zu lokalisieren, dann macht der Akku schlapp. Die nahende Dämmerung im Blick und wissend um den Sechsjährigen, setzen Leitstelle und Polizeiführung unverzüglich alles in Bewegung, was möglich ist. Die Feuerwehren Ilsenburg und Drübeck rücken aus. Streifenwagen eilen Richtung Ilsetal, die Bergwacht Wernigerode sowieso. Obendrein werden ein Hubschrauber mit Wärmebildkamera angefordert und die niedersächsischen Kollegen um Unterstützung gebeten. Am Ende werden es weit mehr als 50 Retter sein, die in den Wäldern rund um den Scharfenstein gegen die Zeit kämpfen.

Die Restaurantfachfrau und Sohnemann Benjamin wagen schon wenig später, vorsichtig aufzuatmen: „Wir haben Sirenen gehört, der Hubschrauber ist dreimal über uns hinweggeflogen.“ Aber: Die Sirenen entfernen sich wieder, die Besatzung im Hubschrauber kann das Duo unter den Bäumen nicht entdecken. Es werden  schließlich noch drei bange Stunden folgen, bis Jennifer und der erschöpfte Benjamin gegen 22 Uhr die Rettung endlich nahen sehen – die Lampen der Bergwacht-Kameraden.

Viele Recherchen im Hintergrund

Da ist die Freude riesengroß, der jungen Muter fällt mehr als nur ein Stein vom Herzen. „Als die Bergwacht-Leute mich gefragt haben, ob ich einen Smart fahre, ist mir klar geworden, wie viel da im Hintergrund gelaufen sein muss.“

In der Tat: Die eigentliche Rettungsaktion ist das eine. Parallel läuft im Hintergrund der Apparat an, um weitere Infos zu bekommen und Fakten zu checken: Ja, das Mobiltelefon ist auf eine junge Frau zugelassen. In der Wohnung in Göttingen ist niemand. Und das Auto der Frau, dessen Kennzeichen die Polizei schnell in Erfahrung bringt, steht tatsächlich verlassen auf dem Parkplatz Torfhaus. Soll heißen: Alles plausibel, der Notruf ist ein solcher.

Beim Abstieg falsch abgebogen

Während die beiden wenig später erschöpft, aber überglücklich im Wagen der Bergwacht sitzen und Richtung Torfhaus gebracht werden, sinniert die 30-Jährige über die Ursache für das abenteuerliche Ende des Ausflugs: „Wir haben beim Rundgang auf dem Brocken keine komplette Runde gedreht und sind schlicht falsch abgebogen.“

Dass jener fatale Fehler am Ende ein Happyend bekommt, ist den vielen Rettern zu verdanken. Die Polizei ist sofort zur Stelle, die Ehrenamtler von Feuerwehr und Bergwacht lassen ihre Freizeit sausen. Sie alle sorgen dafür, dass Mutter und Kind tief in der Nacht unversehrt wieder in Göttingen ankommen.

Rechnung für Einsatz nur bei Vorsatz

Die personell und finanziell aufwändige Aktion wird für die 30-Jährige indes ohne Folgen bleiben, heißt es. „Menschen aus solchen Gefahrensituationen zu holen, ist unsere Aufgabe“, bringt es der Harzer Polizeisprecher Stephan Kokott auf den Punkt. Ähnlich sieht es Uwe Hoffmann vom Katastrophenschutz der Kreisverwaltung: „In aller Regel werden Einsatzkosten nur bei Vorsatz in Rechnung gestellt.“ Dieser Fall aber dürfte wohl eher in die Kategorie Pech fallen. Auch die Kameraden der Bergwacht, die lange Zeit bei solchen Einsätzen gänzlich leer ausgingen, erhalten mittlerweile feste Zuschüsse, um zumindest ihre Materialkosten zu bestreiten.

Und was sagt Jennifer K. am Tag danach? „Ich bin allen einfach nur unendlich dankbar.“