Halberstadt l Zart ist das Muster auf der Gewandfalte zu sehen. Bartholomäus war bunt und in dekorativen Stoff gehüllt, als er Mitte des 15. Jahrhunderts unter seinen Baldachin im Hohen Chor des Halberstädter Doms gestellt wurde. Die Farbenpracht seines Gewandes ist verblichen, aber seit Kurzem wirkt die Steinfigur wieder sehr viel lebendiger. Wangen, Lippen, Augen, Haare, Buch und Gewandspange sind farbig und nicht mehr staubgrau, so, wie es Johannes der Täufer direkt neben ihm noch ist.

Dass die Farbe an der mehr als 500 Jahren alten Figur überhaupt wieder zu sehen ist, ist der Arbeit von Corinna Grimm-Remus zu verdanken. Die diplomierte Steinrestauratorin ist seit 2017 dabei, die 14 mittelalterlichen Figuren im Hohen Chor vor weiterem Verfall zu bewahren. Ab und zu an ihrer Seite ist ihre Kollegin Diana Berger-Schmidt. „Allein kann ich die Reinigung der Figuren gar nicht schaffen“, sagt Grimm-Remus, als sie am Donnerstag beim Pressetermin der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt über ihre Arbeit berichtet.

Die Kulturstiftung hat als Eigentümerin die Arbeiten beauftragt, rund 300.000 Euro wird das Vorhaben kosten, 120 000 Euro davon übernimmt die Deutsche Bundesstiftung Umwelt DBU. Denn in Halberstadt wird Neues entwickelt und getestet, sagt Ralf Lindemann, Baudirektor der Kulturstiftung, weshalb die DBU dem Antrag der Sachsen-Anhalter stattgab.

Bilder

Massive Schäden im Dom Halberstadt

Der Titel des auf vier Jahre angelegten und noch andauernden Projekts ist lang und schwierig: „Praxisorientierte Vorversuche sowie Notsicherungen zur modellhaften Fassungssicherung mit Hilfe einer ,Facing-Technologie‘ stark umweltgeschädigter, unrestaurierter, mittelalterlicher Steinskulpturen im Halberstädter Dom“. Im Kern geht es darum, die letzten Farbreste an den mittelalterlichen Figuren der zwölf Apostel sowie der zwei Schutzpatrone des Halberstädter Bistums zu retten.

Die Figurengruppe hat einen hohen kunstgeschichtlichen Wert, gehört sie doch zur originalen mittelalterlichen Ausstattung des Doms. „Es hat vergleichsweise lange gedauert, bis die Figurenreihe an den Pfeilern des hohen Chores vollständig war“, sagt Steinrestauratorin Grimm-Remus. Die älteste Figur stammt aus dem Jahr 1425, die jüngste ist wohl erst 1475 entstanden. Der Hohe Chor selbst war bereits 1401 geweiht worden.

Die Figuren stehen seit Mitte des 15. Jahrhunderts an ihrem Platz, waren allen Umwelteinflüssen ausgesetzt – auch Schnee und Regen nach der Bombardierung des Doms 1945. Mindestens seit dieser Zeit wurden die Skulpturen nicht gereinigt oder restauriert. Wohl im 19. Jahrhundert gab es mal Arbeiten an den Figuren, sagt die Restauratorin und weist auf die rot übermalte Bruchstelle an der Hand des heiligen Paulus. Der kleine Finger war offenbar damals schon abgebrochen, damit das nicht so auffiel, wurde die Hand übermalt. Daumen und Zeigefinger gingen erst später verloren.

Staub und Schmutz an Steinfiguren

Wie stark Staub und Schmutz die Steinfiguren beschädigt haben, zeigt eine nur noch lose aufliegende Farbscherbe in einer Gewandfalte. „Wenn wir hier mit einem Pinsel reinigen, ist die Farbe komplett weg“, sagt Grimm-Remus. Bislang war der Weg so, dass die Fassung, also die Farbgebung der Figuren, erst am Stein befestigt wurde und man dann versuchte, die Schmutzschicht abzutragen. Noch mühsamer als der Umgang mit der rund zwei Kilogramm schweren Laserpistole, deren Einsatz Grimm-Remus den Medienleuten an diesem Tag demonstriert. „Das Tolle an dieser Technik ist, dass der Laser wirklich nur den Schmutz wegnimmt. Er hört auf, sobald die helle Fläche darunter zutage tritt.“

Diese Technik kostet und wurde von der Kulturstiftung gemietet. Aber es ist nicht der Laser, der die DBU zur Unterstützung der Arbeiten in Halberstadt bewog.

Forschungsarbeit

2014 waren bei einem studentischen Praxisseminar erstmals fachliche Bewertungen zum Erhaltungszustand der Figuren erfolgt. Grimm-Remus arbeitete damals mit Studierenden der Fachhochschule Potsdam und der Technischen Hochschule Köln zusammen. Was man sah, war alarmierend. Also bat die Kulturstiftung die DBU um Hilfe. Landesamt für Denkmalschutz, Restauratorin und Institut für Diagnostik und Konservierung an Denkmalen in Sachsen und Sachsen-Anhalt widmeten sich gemeinsam dem weitgehend unerforschten Skulpturenschatz und begannen, die gefährdete Farbgebung zu sichern.

Es gab klimatische und mikrobiologische Untersuchungen ebenso wie des Gesteins. Ergebnis: die Witterungseinflüsse im dachlosen Dom nach 1945 schädigten die verwendeten Gipsmaterialen extrem. Neu entwickelt wurde eine Methode, die Farbe wieder auf dem Stein zu befestigen, ohne sie direkt zu berühren – mit Habotai Seide und Störleim.

Bevor die Farbe wieder befestigt wird, muss jedoch gründlich gereinigt werden. Und es warten noch viele Falten auf den schmalen Laserstrahl als Staublappen.