Wernigerode l Um 1960/1961 hieß es auf Schloss Wernigerode statt gräflich plötzlich nur noch grässlich. Im damaligen Feudalmuseum wurden die historistischen Einbauten entfernt, missliebige Wandvorlagen, Kamine und ähnliches mit Gipskarton verkleidet sowie die Wände weiß übertüncht. „Neutralisieren“ nannte das die Obrigkeit seinerzeit, sagt Christian Juranek.

Land unterstützt Rekonstruktion

Der Geschäftsführer ist deshalb um so dankbarer, dass das Land Sachsen-Anhalt einmal mehr ein Rekonstruktionsprojekt finanziell mit 50 Prozent der Kosten aus dem Hauhaltsposten für die Museumsförderung unterstützt. Die andere Hälfte trägt die Schloß Wernigerode GmbH.

Im konkreten Fall handelt es sich um das einstige gräfliche Badezimmer im ersten der zwei Rundgänge. Nach der Mal-Aktion ließen die Verantwortlichen 1961 noch eine Tür einbauen, die es vorher an dieser Stelle nie gegeben hat. Nur die Fenster darüber sind noch im Original erhalten.

Ornamentales Bild entdeckt

Juranek schaut sich in dem etwa 15 Quadratmeter und gut vier Meter hohen Kämmerchen um. Er gesteht: „Hier war ich bisher am überraschtesten.“ Denn unter dem fahlen Anstrich verbirgt sich ein ornamentales Bild, wie es sonst bisher nirgendwo im Schloss zu finden ist. Es stammt aus der Zeit der großen Umgestaltung zwischen 1862 und 1885. Schlossbaumeister Carl Frühling (1839-1912) selbst hat die Entwürfe geschaffen.

Keine Unterlagen zum privaten Bad

Mit diesem Fund war nicht zu rechnen. Der Kunstwissenschaftler: „Andere Bereiche des Schlosses sind ziemlich gut dokumentiert.“ Vom Badezimmer existiert hingegen keine einzige Fotografie oder Skizze. Christian Juranek: „Es war halt privat.“

Und so gibt es seit Beginn der Arbeiten im Dezember jetzt unter anderem leuchtend blaue Seerosenblüten und -blätter zu bewundern. Ebenso wie zwei Halbsäulen aus Ilsenburger Bronzeguss. In der Mitte des Raumes muss sich sogar noch eine dritte derartige Stütze befunden haben. Das hatte dem Bad einen Entree-Charakter verliehen, der seither leider verloren ist.

Restauratoren sind begeistert

Für die Freilegung zeichnet einmal mehr Christoph Gramann verantwortlich. Der Potsdamer Restaurator und sein Kollege Heiko Hartmann sind sichtlich begeistert von ihrem Arbeitsplatz auf Zeit. Gramann: „Das waren sehr versierte Leute damals.“ Davon zeugt unter anderem die hohe grafische Qualität.

Die eigentliche Aufgabe jetzt, besteht darin, die Putze zu stabilisieren. Der Fachmann: „Das Tolle ist, dass die Malereien im Wandbereich noch so vollständig sind.“ Davon war bei den Probebohrungen nicht unbedingt auszugehen.

Skalpell und Wärme helfen bei Arbeiten

Vorwiegend wird die störende Deckschicht mechanisch mit dem Skalpell entfernt. Christoph Gramann: „Es hat sich aber gezeigt, das wir hier auch mit Wärme gut vorankommen.“ Einige Flächen, aber nicht alle, werden mit einer Latexschicht zur Konservierung überzogen. Außerdem müssen an verschiedenen Stellen Gipsspuren entfernt werden. Ebenso gilt es, die Zerstörungen durch die aus mehreren Jahrzehnten stammenden Elektroanlagen zu reparieren.

Im April könnte das Werk vollendet sein, schätzen Restauratoren und Geschäftsführer. Wobei Christian Juranek die Hoffnung hegt, bis dahin ein weiteres Geheimnis des Zimmers zu lüften. Er sagt: „Das eigentliche Bad, das aus einem kleinen Bassin aus Villeroy-und-Boch-Kacheln bestand, wurde mit Beton verfüllt.“ Wie tief der „Pool“ war, lässt sich bisher nur erahnen. Zwei helle Kreise knapp über dem Estrich geben lediglich einen Anhaltspunkt. Dort waren einst die Armaturen montiert.

Wöchentliches Heißbaden im Museum

Der Schlossherr: „Mal gucken, wie weit das Geld reicht, um in den Boden zu gucken.Das wäre der Königsweg.“ Für ihn „das Witzige“ an der Geschichte ist, dass das Bassin im Februar 1961 noch in Betrieb war, wie Unterlagen des Instituts belegen. Demnach durften sich die Bediensteten des Feudalmuseums zum „wöchentlichen Heißbaden“ eintragen.

Mit der Wiederherstellung dieses gräflichen Gemaches sind 17 der Räume im ersten Rundgang komplett in ihr ursprüngliches Erscheinungsbild zurückversetzt worden. Drei fehlen noch.

Dabei handelt es sich nach Angaben des Geschäftsführers um die alte Bibliothek zwischen dem Arbeitszimmer von Otto zu Stolberg-Wernigerode (1837-1896) und der neuen Bibliothek, das Musikzimmer seiner Gattin Anna (1837-1907) und den Vorraum der Halle.

Für die Besucher ändert sich im Übrigen nichts auf dem Weg durch den ersten Rundgang. Nur, dass sie an dessen Ende auf einer Tafel nachlesen können, was es für eine Bewandnis hat mit diesem letzten Raum vor der Tür zum Innenhof.

Zahl der Besucher ist gestiegen

Apropos Gäste: Laut Christian Juranek waren es im zurückliegenden Jahr rund 207 000 und somit nochmals etwa 1000 mehr als 2016. So viele wie seit 2002 nicht mehr.

Der Geschäftsführer: „Wir hatten allein 35 000 geführte Besucher. Das ist auch eine Hausnummer und vor allem die Leistung meiner Mitarbeiter.“