Halberstadt l Jedes Jahr im Sommer haben Halberstädter Eltern ein Problem, wenn ihre Kinder eine städtische Tagesstätte besuchen: die Schließzeiten innerhalb der Ferien. Wer sein Kind in diesen zwei Wochen nicht in einer anderen Einrichtung unterbringen oder auf Betreuung dank anderer Familienmitglieder bauen kann, muss freinehmen. Sofern das möglich ist.

„In einigen Fällen kam es bereits vor, dass Eltern ihren Sommerurlaub nicht gemeinsam verbringen konnten, um die unterschiedlichen Schließzeit zu überbrücken“, betonen die Elternvertreter der Stadt. Sie haben sich zusammengetan, Kontakt zur Stadt aufgenommen und ein Schreiben an alle Fraktionen des Stadtrates geschickt. Ihre Bitte: die Aufhebung der Schließzeiten.

Problem

In dem Schriftstück weisen die Elternvertreter darauf hin, dass die Befragung des Prersonalrates der Stadt unter den Erziehern ergeben hat, dass sich 65 Prozent dieser gegen eine Schließzeit aussprechen. Eine von den Elternvertretern initiierte Befragung der Eltern habe zudem ergeben, dass 73 Prozent der Väter und Mütter diese Ansicht teilen.

Gerade für berufstätige Alleinerzeihende stellt die Sommerschließzeit ein Problem dar, gibt Mirko Zerwell zu bedenken. Der Halberstädter ist nicht nur in der Elternvertretung der Stadt, sondern auch der des Kreises tätig. „Es sind ja nicht nur die Schließtage. Es kommen noch Brückentage und Fortbildungen der Mitarbeiter hinzu. Es ist schwer, das alles als Eltern mit Urlaubstagen zu kompensieren“, so Zerwell. Richtig kompliziert werde es, wenn mehrere Kinder der Familie unterschiedliche Einrichtungen besuchen.

Umfrage auf Facebook

Das viele Halberstädter diese Ansicht teilen, zeigt sich noch eindeutiger in einer Online-Umfrage, die Daniel Szarata aufgrund des Elternvertreter-Schreibens initiiert hat. Szarata ist der Fraktionsvorsitzende der CDU in Halberstadt. „Das ist ein Thema, dass die Leute bewegt“, betont er. Als Beleg führt er an, dass 891 Personen an seiner Facebook-Umfrage teilgenommen und viele ihre Entscheidung schriftlich begründet haben. Das Votum fiel eindeutig aus: 77 Prozent sind gegen feste Schließzeiten in den Ferien. Wie viele der Abstimmenden jedoch tatsächlich Eltern sind, deren Kinder kommunale Einrichtungen in Halberstadt besuchen, ist kaum zu nachzuvollziehen.

Dennoch sieht Szarata – der die Argumente beider Seiten nachvollziehen könne – einen Anlass zu handeln und die Elternvertreter zu unterstützen. Er will die Sommerschließzeit zu einem Thema im Stadtrat machen.

Diskussion

Bereits am Mittwoch steht sie auf der Tagesordnung des Kultur- und Sportausschusses, der sich um 17 Uhr im Bürgerhaus im Schachdorf Ströbeck trifft. Allerdings geht es nicht um eine Diskussion über die Schließzeiten an sich. Vielmehr wird ein Pilotprojekt vorgestellt, dass 2020 startet, informiert Peter Kuschel, Fachbereichsleiter Innere Verwaltung. „Im kommenden Jahr wird in zwei Kitas komplett auf Schließzeiten verzichtet“, erläutert er. Dies solle zeigen, welche Vor- und Nachteile der Verzicht mit sich zieht.

Der Versuch ist eine Reaktion auf die Beschwerde der Elternverter, so Kuschel. Im Fachbereich selbst habe man bislang keine Schwierigkeiten aufgrund der Schließzeiten gesehen. „Wir denken, das Prozedere hat sich bewährt“, sagt er. Immerhin finde es seit 25 Jahren Anwendung.

Zwei Wochen geschlossen

Jeweils zehn Werktage, also zwei Wochen lang, sind die 16 kommunalen Kitas in Halberstadt während der Sommerferien geschlossen. „Aber nicht alle gleichzeitig“, so Kuschel. So gebe es immer eine Ausweichmöglichkeit für Kindergarten- und Hortkinder.

Doch die werde nicht so häufig benötigt, wie angesichts der Umfrageergebnisse vermutet werden könnte. „Weniger als zehn Prozent der Eltern bringen ihre Kinder während der Schließzeiten in einer anderen Einrichtung unter“, informiert Thomas Fahldieck, Leiter der Abteilung Bildung, Jugend und Sport. Dass es für viele der anderen Mütter und Väter ein logistischer Aufwand ist, ihre Kinder während der Betriebsferien gut versorgt zu wissen, stelle er aber nicht in Abrede.

Testlauf in zwei Kitas

Warum ist es überhaupt notwendig, Einrichtungen über einen so langen Zeitraum zu schließen? „Unser wichtigstes Argument ist die Betreuungsqualität, die konstant in den Einrichtungen vorhanden sein soll“, sagt Fahldieck. Diese Qualität sei stark von der personellen Ausstattung beeinflusst. Dank der Schließzeiten sei es möglich, allen Mitarbeitern zwei Wochen Urlaub während des Sommers zu gewährleisten – ein wichtiger Aspekt im Hinblick auf die Gleichbehandlung der Angestellten. „Bei rund 180 Erziehern werden so zirka 1800 Urlaubstage genommen, die ohne eine Sommerschließzeit über das Jahr verteilt genommen werden müssten.“ Daraus würde sich eine vermehrte Unterbesetzung in den Kitas im Jahresverlauf ergeben. Wie Fahldieck argumentiert, würde sich so die Betreuungssituation verschlechtern und die Belastung für die Mitarbeiter insgesamt höher ausfallen.

Weiterhin sei die Schließzeit eine Art Urlaub für die – insgesamt 2625 – Kinder, der aus pädagogischer Sicht wichtig sei. Zudem werde die Schließung genutzt für Reparaturarbeiten und eine Grundreinigung.

Trotz dieser Argumente wolle die Stadtverwaltung nicht auf die Sommerschließzeiten beharren. „Wenn die Eltern das wünschen, sind wir auch für andere Modelle offen – sofern die nicht zu einer Verschlechterung der Qualität führen“, betont Peter Kuschel.

Das Quedlinburger Modell

Ein alternatives Modell findet in Quedlinburg Anwendung. In den dortigen kommunalen Kindertagesstätten gibt es auch Schließtage. Wann diese jedoch genommen werden, wird in Absprache mit dem Elternkuratorien bestimmt, informiert Stadtsprecherin Sabine Bahß. So kann die Tagesstätte zum Beispiel auch im Frühjahr oder Herbst geschlossen bleiben. Ob zwei Wochen am Stück oder aufgeteilt, ist ebenfalls Verhandlungssache.

Diese Variante favorisiert Daniel Szarata und auch die Mitarbeiter der Halberstädter Verwaltung wären dem nicht abgeneigt. Allerdings ist mit einem Testlauf, sofern er von allen Beteiligten gewünscht wird, vor 2021 nicht zu rechnen.Kommentar