Schlanstedt l Der beinahe flächendeckende Lehrermangel in Sachsen-Anhalt hat auch die Grundschule Schlanstedt erreicht. Wegen Krankheit und Beschäftigungsverbots einer schwangeren Kollegin sind zurzeit nur drei Pädagoginnen für vier Klassen verfügbar. Als einzige praktikable Lösung werden die Klassen zum Teil gemeinsam unterrichtet.

Auch die außerschulischen Angebote mussten zusammengestrichen werden, weil die Lehrer dafür fehlen. Betroffene Eltern sprechen bereits von einer „Notschule“, befürchten Nachteile für ihre Kinder und schlagen öffentlich Alarm. Immerhin gehe es um die Zukunft der Kinder. In der vierten Klasse entscheide sich schließlich, wie es mit den Kindern weitergehe, ob sie Gymnasium oder Sekundarschule besuchen. Dazu müssten wichtige Vergleichsarbeiten geschrieben werden, die einer entsprechenden Vorbereitung bedürften.

Viel Kopfzerbrechen

Ist die Situation in Schlanstedt tatsächlich so prekär, wie es Eltern darstellen? Schulleiterin Anika Schulze bezieht auf Anfrage. „Wir stecken den Kopf nicht in den Sand“, betont die Pädagogin, die bislang kommissarische die Schule leitet. Allerdings bereite ihr die jetzige Situation an der Grundschule eine Menge Kopfzerbrechen.

Dabei habe das Schulamt bereits reagiert und eine Kollegin für ein Jahr aus Schwanebeck nach Schlanstedt versetzt. Das sei zwar eine enorme Hilfe, reiche jedoch allein leider nicht aus, um einen normalen Unterricht abzusichern.

„Ich bin traurig und auch enttäuscht“, sagt Anika Schulze. Seit Sommer 2016 ist die Pädagogin in der Grundschule Schlanstedt tätig, sie hatte sich auf die offene Schulleiterstelle beworben. Bis heute erfülle sie diese Aufgabe nur kommissarisch und warte noch immer auf ihre endgültige Bestätigung. Zusatzqualifikationen und Prüfungen seien lange erledigt. „Ich bin mit viel Euphorie und dem Kopf voller Pläne nach Schlanstedt gekommen.“ Davon sei zur Zeit leider nicht mehr viel übrig.

Schwierige Situation

„Unsere Situation an der Schule ist zur Zeit extrem schwierig. Dabei sind wir so schön gestartet“, sagt Anika Schulze und spricht damit besonders die Bildung der Lerngruppen an, in denen die Klassen eins und zwei gemeinsam unterrichtet werden. Diese Art des Unterrichts mit Patenschaften hat sich auch in anderen Grundschulen bewährt. Allerdings funktioniert das nur, wenn die Gruppen nicht zu groß sind. „Jetzt stehe ich vor allen Erst- und Zweitklässlern auf einmal – das ist einfach zu viel“, so die junge Pädagogin.

Wenn sich an der Zahl der Lehrer nichts ändert, wird sich die Situation in Schlanstedt bald noch weiter zuspitzen. Spätestens im Januar wird auch Anika Schulze, die zur Zeit ihr zweites Kind erwartet, in den Mutterschutz gehen.

„Bis dahin müssen wir eine Lösung haben“, unterstreicht die 32-Jährige. Idealerweise sehe diese in ihren Augen so aus, dass ein zusätzlicher Vollzeitlehrer unbefristet ins kleine Kollegium komme. „Wir benötigen für jede unserer vier Klassen auch einen Klassenlehrer.“

Getrennter Unterricht

Musik und Sport könnten zwar gut gemeinsam unterrichtet werden, in Deutsch und Mathe jedoch sei in der dritten und vierten Klasse getrennter Unterricht unabdingbar. Zwar habe das Landesschulamt eine Stelle ausgeschrieben, die am 16. Oktober beginnen und bis zum 31. Januar 2018 befristet sein soll. „Ich kann mir jedoch nicht vorstellen, dass sich auf eine solche Stelle überhaupt jemand bewirbt“, so Anika Schulze.

Dass nun auch die pädagogische Mitarbeiterin der Schule auf unabsehbare Zeit ausfalle, sei ein weiteres Problem und verschärfe die Situation zusätzlich.

„Sie hat viele Pausenaufsichten abgedeckt und war auch während des Unterrichts zur Stelle, um sich um einzelne Kinder besonders zu kümmern“, betont die Schulleiterin. Immerhin befänden sich in der jetzigen zweiten Klasse, die mit 28 die zahlenmäßig stärkste der Schule sei, zehn Verweiler und Wiederholer, die einer besonders individuellen Betreuung bedürften. Daher sei ein neuer Erlass des Landes, der pädagogische Mitarbeiterinnen künftig nur noch für Förderschulen vorsehe, nicht zu verstehen.

Große Sorgen

„Den Eltern unserer Schüler bereitet die personelle Situation mindestens genau so große Sorgen wie uns selbst“, betonen Anika Schulze und ihre Kolleginnen. Mehrfach sei seitens der Eltern bereits angefragt worden, wie eine mögliche Unterstützung aussehen könnte. Das sei jedoch aus rechtlichen Gründen kaum machbar. Nicht einmal die Aufsicht auf dem Schulhof dürften Eltern übernehmen. Auch hier seien ausschließlich die Lehrer und gegebenenfalls pädagogische Mitarbeiter in der Pflicht.

Eine Anfrage der Volksstimme zur Situation in Schlanstedt beim Landesschulamt in Halle blieb am Montag zunächst unbeantwortet. Der stellvertretende Behördenchef Jürgen Krampe hat eine Stellungnahme bis zum Mittwoch in Aussicht gestellt.

Dass in der Grundschule Schlanstedt trotz aller Sorgen der Spaß nicht zu kurz kommt, ist Anika Schulze und ihren Kolleginnen wichtig. „Wir haben bis zu den Ferien noch viel vor und feiern am Freitag, 29. September, ab 15 Uhr unser Kürbisfest als Abschluss einer Projektwoche rund um Herbst und Ernte und laden dazu alle Eltern und Geschwister herzlich ein.“ Und auch am vergangenen Wochenende beim Erntedankfest des Heimatvereins Schlanstedt waren die Schüler vertreten.