Halberstadt l Markerschütternd heulen Sirenen, füllen den Platz mit ihrem schrecklichen Klang. Still sitzen und stehen die geschätzt mehr als 2000 Menschen auf dem Holzmarkt, blicken gebannt auf die sechs mal acht Meter große Leinwand, die vor die Westfassade des Rathauses aufgebaut ist. Tränen rinnen vielen über die Wangen, als die Bilder der Zerstörung über die Leinwand flimmern. Leise sagt eine fast 80-jährige Frau: „Das hab‘ ich alles miterlebt“. In vielen Gesichtern ist Trauer erkennbar. Sirenengeheul und das Geräusch explodierender Bomben wecken Erinnerungen an die grauenvollen 30 Minuten, die das Gesicht Halberstadts auf immer verändern, an den Krieg und die Not.

Gravierend verändert

So gravierende Auswirkungen auf das Stadtbild wie die vergangenen 100 Jahre hatte kaum eine Epoche in der mehr als 1.200-jährigen Geschichte Halberstadts. Was diese Worte, die Simone Bliemeister vor Beginn des Films an die Besucher richtete, bedeuteten, wurde den Zuschauern rasch bewusst. Denn nach dem Bombenangriff vom 8. April 1945 veränderte sich die Stadt extrem. Nicht nur aufgrund der in Mode kommenden industriellen Großbauweise. Die gesichtslosen Einheitshäuser sollten Abhilfe schaffen in der Wohnungsnot. Auch die bewusste Zerstörung der über Jahrhunderte gewachsenen Altstadt hinterließ Narben – im Stadtbild und in den Seelen der Halberstädter.

Tränen kullern

Die, die am Freitagabend auf den Holzmarkt kamen, sahen Bilder der unzerstörten Stadt, manch Zuschauer erinnerte sich an diese Zeit. „Ich bin als Kind immer die Rathaustreppe auf der einen Seite hoch und wieder runter“, berichtete eine Zuschauerin. Später spielte sie auf den Trümmern. „Wir dachten auch später, wir wohnen in Trümmern und wir werden in Trümmern sterben. Aber dann kam die Wende.“ Gerade noch rechtzeitig, um wenigstens einen Rest der historischen Stadt zu retten. Und die Wende beflügelte die Halberstädter, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre geschundene Stadt wieder aufbauten, erneut. Sie packten zu, verfolgten gebannt, wie der Stadt mit dem Bau eines neuen Zentrums plötzlich wieder ein Herz eingepflanzt wurde.

Bilder

„Als dann auch noch die Rathaustreppe wieder aufgebaut wurde, war ich glücklich. Wissen Sie, was ich dann gemacht habe? Ich bin die Rathaustreppe auf der einen Seite rauf und auf der anderen wieder runter!“, erzählt die Halberstädterin weiter.

Gemeinsame Lacher

Viele solcher Geschichten wurden flüsternd während der Filmvorführung erzählt. Manchmal brach sich die Erinnerung kollektiv Bahn. Bei Bildern aus dem Sommerbad raunte die Menge und als die kleine Baracke des Schnellimbisses neben dem Magnet-Warenhaus im Bild zu sehen war, mit der obligatorischen langen Schlange davor, lachten alle, die diese Bude noch aus eigenem Erleben kannten.

Familien schauen zu

Unter den Zuschauern waren aber nicht nur Senioren, viele Familien und jüngere Halberstädter nutzten die Gelegenheit, Stadtgeschichte mal etwas anders dargeboten zu bekommen. Sie alle warteten zum Teil schon seit 18 Uhr geduldig darauf, dass es dunkel genug war, um den Film zu starten. Bis dahin spielte der Spielmannszug Langenstein Klassiker der Blasmusik ebenso wie Rock und Pop. Ins rechte Licht hatte Thomas Kasten die Spielleute gerückt, die die Chance nutzten und zu ihrem musikalischen Frühschoppen am kommenden Sonntag nach Langenstein einluden.

Auch auf der Leinwand gab es Einladungen zu verschiedenen Veranstaltungen, bevor gegen 21.15 Uhr der Film startete. Dass der zum Ende die Frage: „Halberstadt, weißt Du eigentlich, wie schön Du bist?“ mit tollen Bildern des heutigen Halberstadts beantwortete, weckte in vielen Stolz. Stolz darauf, in einer Stadt zu leben, deren Menschen sich nicht unterkriegen lassen und die schön ist, trotz – oder wegen? – all ihrer Narben.