Halberstadt l Durch den verheerenden Bombenangriff am 8. April 1945 fiel Halberstadts Zentrum in Schutt und Ausche. Die Stadt hatte nicht nur an Gesicht, sondern auch Herz und Seele verloren. Bis in die 1990er Jahre hinein gab es keinen abgeschlossenen Stadtkern in der Domstadt. Obwohl bereits nach dem Krieg erste Pläne für eine Neubebauung des Zentrums vorlagen und auch später immer wieder neue Ideen auf den Tisch kamen, um die 5,7 Hektar große Fläche zu gestalten, kam es nie dazu. Es fehlte stets am Geld für die Umsetzung.

Erst mit der Wiedervereinigung Deutschlands sollte sich grundlegend etwas ändern. So verabschiedeten die Stadtverordneten bereits am 27. Juni 1991 den Beschluss zur Ausschreibung eines offenen Ideenwettbewerbes zur künftigen Bebauung des Stadtzentrums. Eine Ausstellung im Mai 1992 präsentierte die Ergebnisse des Wettbewerbs in der Dompropstei.

Symbolische Grundsteine

Im selben Monat gründete sich die Bürgeraktion Holzmarkt-Fischmarkt und erklärte die „Förderung des Wiederaufbaus der historischen Halberstädter Märkte mit dem Rathaus in den alten Proportionen und Dimensionen unter weitmöglicher Berücksichtigung historischer Vorbilder“ als ihr Ziel. Damit traf der Verein den Nerv vieler Halberstädter. Unter Berücksichtigung der finanziellen Sachzwänge plädierte der Verein schließlich für die Errichtung der Gebäude in ihren alten Abmessungen und Details der Fassadengliederung.

1996 gab der Stadtrat grünes Licht für die schnellstmögliche Bebauung der freien Flächen mit den beiden Märkten, den Straßenzügen und engen Gassen auf historischem Grundriss und entschied sich für die Berliner Unternehmensgruppe Wert-Konzept als Investor. Der Vertragsunterzeichnung folgten umfangreiche Ausgrabungen.

Nach der symbolischen Grundsteinlegung im März 1997 wurde die Büttner-Ruine abgerissen. Noch bevor das riesige Bauvorhaben Formen annahm, wurden die ersten Mietverträge geschlossen. Am 30. Januar 1998 feierten 2 500 Halberstädter und ihre Gäste auf dem Holzmarkt Richtfest für das neue Stadtzentrum. Ein halbes Jahr später verschwand auf dem Fischmarkt der letzte große Baukran. Damit ging die Bebauung des Zentrums in die letzte Phase.

Am 3. September 1998 versammelten sich Tausende Halberstädter zwischen Holz- und Fischmarkt, um die Eröffnung des neuen Zentrums mitzuerleben. Ein dreitägiges Fest auf dem Holzmarkt begeisterte die Besucher. 53 Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges hatte die Stadt ihr altes neues Herz zurückerhalten. In einer Rekordbauzeit von nur 17 Monaten waren auf einem rund 14 550 Quadratmeter großen Areal drei den historischen Stadtstrukturen angepasste Gebäudekomplexe entstanden.

Rund 180 Millionen D-Mark wurden in das Zentrum investiert. Zwischen den historischen Plätzen Holzmarkt und Fischmarkt entstand das neue Rathaus der Stadt, das sich an das historische Vorbild anlehnte. Die Westfassade mit dem Roland wurde originalgetreu errichtet. Einen Monat nach der Zentrumseinweihung erfolgte am 3. Oktober 1998 ebenfalls unter großer Anteilnahme der Bevölkerung die Einweihung des Rathauses.

Bürgerwunsch Ratslaube

Die Bürgeraktion Holzmarkt-Fischmarkt hatte sich inzwischen ein weiteres Ziel gesetzt: Das Rathaus mit dem reich verzierten Loggia-Vorbau von 1663 zu schmücken. Aus dem Schutt hatten engagierte Halberstädter Steine geborgen und 55 Jahre lang wie einen Schatz gehütet. Nun bildeten diese die Vorlage für die Nachbildung des gesamten Bauwerks. Im Juni 2014 wurde das wieder komplettierte Renaissance-Bauwerk an die Südseite des Rathauses gesetzt. In einer beispiellosen Aktion hatte die Bürgeraktion 414 000 Euro Spenden gesammelt und damit zwei Drittel Gesamtkosten von 655 000 Euro finanziert.

Der Wiederaufbau des Halberstädter Stadtzentrums gilt in der gesamten Bundesrepublik als einmalig. Beim bundesweiten Wettbewerb 2001/2002 „Leben in historischen Innenstädten und Ortskernen“ bekam die Domstadt eine Goldmedaille.

Seit 1998 entwickelte sich im neuen Zentrum wieder pulsierendes Leben. Die Rathauspassagen Halberstadt stehen seitdem für Shopping, Wohnen, Arbeiten und Leben im Herzen der Kreisstadt. Die Halberstädter sind stolz auf ihr Zentrum. Denn mit ihm bekam die alte Bischofsstadt wieder eine Seele und begann das neue alte Herz wieder zu schlagen.