Massengrab mit elf Skeletten aus der Jungsteinzeit freigelegt / Grabungen bis Ende Juni geplant

Steinzeitmenschen lebten am Sonntagsfeld

Von Sabine Scholz

Scherben, Tassen, Vorratskrüge, Gräber findet das Grabungsteam im Sonntagsfeld zurzeit jeden Tag. Aber die 11 Skelette, die sie nun freigelegt haben, sind doch etwas Besonderes.

Halberstadt l Bereits knapp 200 Befunde und Funde hat Anke Herrmann schon erfasst und dokumentiert. Die Archäologin leitet seit dem 8. April die Grabungen am Sonntagsfeld. Im Auftrag der Stadt, begleitet vom Landesamt für Denkmalschutz, sorgt die Fachfrau dafür, dass die Zeugen früherer Siedlungsgeschichte sorgfältig freigelegt, in ihrer Lage erfasst und dokumentiert werden.

"Ich habe jetzt weitere Mitarbeiter angefordert", berichtet die jungen Archäologin, die beim Anhaltischen Förderverein für Naturkunde und Geschichte Gölzau angestellt ist. Ebenso wie die Grabungshelfer, von denen sie ab heute zwölf zur Verfügung haben wird. Finanziert werden die bis Ende Juni geplanten Arbeiten von der Stadt, die sich die Kosten dafür über den Verkauf der Baugrundstücke zurückholt. Da die Stadt das Baugebiet erschließt, muss diese auch die archäologischen Untersuchungen in Auftrag geben und bezahlen. So ist es Gesetz in Sachsen-Anhalt.

Auf einem Grundstück, das demnächst bebaut wird, ist Anke Herrmann schon mit den Grabungen fertig. "Ein paar Scherben haben wir hier gefunden, nichts Besonderes", sagt sie. Auf der Fläche, auf der im Sommer eine Straße gebaut werden soll, findet sie etwas Besonderes. Ein Massengrab aus der Jungsteinzeit. Elf Skelette liegen hier, man erkennt Kinderknochen, Schädel, Langknochen Erwachsener. Auch ein Säugling ist unter den hier Bestatteten - es liegt noch im Becken seiner Mutter. "Warum dieses Massengrab angelegt wurde, wissen wir noch nicht. Eine Epedimie oder ein Überfall könnten die Gründe sein" sagt Herrmann. Wobei die Funde eher für einen Überfall sprechen. Zum einen fehlen Rumpfknochen eines ganz oben liegenden Skelettes, vermutlich lagen die Toten eine Weile unbestattet und Tiere machten sich daran zu schaffen Zum anderen gibt es in einem Wadenbein einen glatten Schnitt und zum Dritten wäre wohl eine Schwangere liebevoller bestattet worden.

Genaueres wird die weitere Arbeit ergeben. Ohnehin sind die Funde noch nicht eingehender untersucht. "Manches haben wir en bloc bergen müssen, weil wir hier vor Ort gar nicht die Zeit haben, alles Stück für Stück vom Lehm zu befreien und zu reinigen", erklärt die Archäologin. So wurde ein Aschegefäß entdeckt und samt des Erdreichs rundum ausgegraben. Vermutlich handelt es sich dabei um eine Feuerbestattung. Auch ein sehr großes Vorratsgefäß von rund 60 Zentimetern Durchmesser, mit mehreren Henkeln am Rand, haben die Grabungsleute gesichert. Da es in unmittelbarer Nähe zu anderen Gräbern lag, vermutet Herrmann eine Kinderbestattung in dem Gefäß. "Aber auch das werden wir erst später genau wissen." Ansonsten stapeln sich bei der Forscherin Kartons mit Scherben aus der Zeit der Linienband- und der Stichbandkeramik. In einem Kindergrab lag als Beigabe eine kleine Tasse, in einem anderen Grab eine völlig unbeschädigte, größere Tasse. Knochenpfrieme zur Lederbearbeitung, Reibe- und Schleifsteine, ein Stein mit einer Höhlung zum Feuermachen - dies und die Farbveränderungen im lehmigen Erdreich berichten davon, dass zwischen 5500 und 4500 vor Christus hier am Sonntagsfeld Menschen gelebt haben.