Halberstadt l Die Türen mehrerer Kindertagesstätten und Horte in Halberstadt bleiben am Freitag geschlossen. Die Erzieher streiken. Betroffen sind Einrichtungen, die sich in Trägerschaft der Stadt befinden. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat zu der Arbeitsniederlegung aufgerufen.

Einige Eltern stellt das vor ein Problem: Wohin mit den Kindern? Eine umfängliche Notfallversorgung für alle Kinder gibt es nicht, teilt Ute Huch von der Stadtverwaltung mit. Dies sei aus Kapazitätsgründen nicht möglich. Aber: „Für Eltern, die sich in einer Notlage befinden, werden Ausweichplätze in anderen städtischen Kindereinrichtungen, die nicht bestreikt werden, zur Verfügung gestellt.“ Ansprechpartnerin für die Eltern ist Edeltraud Kisser unter Telefon (0 39 41) 55 14 05.

Akzeptanz im Rathaus

Die Arbeitsniederlegung stößt in der Verwaltung auf Akzeptanz. „Streik ist ein Grundrecht, worauf wir in Deutschland stolz sein können“, betont Ute Huch. „Und das akzeptieren wir als Arbeitgeber.“

Viele Eltern haben sich derweil privat um eine Ersatz-Kinderbetreuung gekümmert. „Hätten wir keine Oma, die uns unterstützt, wäre es schwierig für uns“, sagt ein Vater eines Einjährigen und einer acht Jahre alten Tochter. Der Mann und seine Freundin arbeiten in Schichten. Er habe Verständnis für die Erzieher.

Dass der Hort geschlossen bleibt, bedeutet für eine Mutter aus Klein Quenstedt vor allem eins: organisatorischen Aufwand. Statt wie sonst nachmittags betreut und von der Mutter mit dem Auto abgeholt zu werden, müssen ihre Kinder heute mit dem Bus fahren und zu Hause beschäftigt werden. Die Sieben- und Achtjährigen seien zwar schon recht selbstständig, ein mulmiges Gefühl aber bleibe. Dennoch: „Verstehen kann ich die Erzieher. Wir wollen alle mehr Geld für die Leistung, die wir erbringen.“

Furcht vor steigenden Kosten

„Die Erzieher arbeiten hart, sie sollten mehr bekommen“, stimmt eine andere Mutter zu. Gleichzeitig befürchte sie, dass nach einer Lohnerhöhung auch die Kosten für Eltern steigen.

Eine Tariferhöhung um sechs Prozent fordert die GEW für die Erzieher in diesem Jahr, das Minimum seien 200 Euro mehr bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Praktikanten und Auszubildende sollen 100 Euro monatlich mehr bekommen. Gerechtfertigt sei dies aufgrund von deutlich gestiegenen Steuereinnahmen.

Mit ihrem Streik wollen die Erzieher zudem ein Zeichen setzen. „Die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten in der Kinder- und Jugendhilfe haben sich aufgrund des deutlichen Personalmangels in den letzten zwei Jahren weiter verschlechtert“, begründet die Gewerkschaft. Überdurchschnittlich hohe Krankenstände seien die Folge von Arbeitsverdichtung und wachsenden Anforderungen. Aufgrund wechselnder Personalbedarfe nehmen Teilzeitverträge zu. „In dieser Situation sind Einkommensverbesserungen nicht nur gerechtfertigt, sondern notwendig, um die Attraktivität des Berufes zu erhalten“, so die GEW.

Die hat in den letzten Jahren gelitten, berichtet eine Erzieherin aus dem Halberstädter „Kinderland“, die anonym bleiben möchte. „Immer weniger junge Leute wollen den Beruf lernen.“ Sie selbst ist seit 1985 als Erzieherin tätig. Obwohl sie den Job mag, gibt sie zu bedenken, dass die psychische und körperliche Belastung hoch sei. 230 Kinder besuchen die Einrichtung, sie werden von 17 Erziehern betreut.

Fast einstimmig sei im Kollegenkreis beschlossen worden, sich am Streik zu beteiligen. Seitens der Eltern wird ihnen viel Verständnis entgegengebracht. „Viele wünschen uns Glück.“

Wenig erboste Anrufe

Eine hohe Akzeptanz für den Streik bestätigt auch Frank Wolters vom Landesverband der GEW. Es habe nur wenige erboste Anrufe gegeben. „Wir wissen, das Kindertagesstätten ein sensibles Thema sind“, so Wolters. Man habe versucht, mit der Wahl des Streik-Tages den meisten Mütter und Vätern entgegenzukommen. „Viele haben an Freitagen früher Feierabend“, begründet er.

Halberstadt und Halle sind die einzigen beiden Standorte im Land, an denen zum Streik aufgerufen wurde. Aus strategischen und organisatorischen Gründen, so Wolters. Im letzten Tarifstreit vor zwei Jahren sei Halberstadt nicht betroffen gewesen. Die Gewerkschaft hat nur kommunale Einrichtungen zur Beteiligung ermuntert. „Andere Einrichtungen dürfen sich laut Gesetz gar nicht beteiligen.“

Nachfragen bei freien Trägern bestätigen, dass die Arbeit dort heute wie gewohnt verläuft. „Wir sind katholisch, wir streiken nicht“, hieß es zum Beispiel aus dem St. Josef Haus.

Fortbildung für Erzieher

Die Erzieher, die heute nicht arbeiten, sind dennoch nicht untätig. Ab 8 Uhr treffen sie sich im Streiklokal, der Gaststätte „Lindenhof“. Eine Juristin bietet ihnen eine Fortbildung zu „Fürsorge, Aufsicht und Haftung“ an, informiert Wolters. „Am Ende gibt es für die Teilnehmer ein Zertifikat. Wir wollen so zeigen, dass sich die Erzieher keinen schönen Tag machen, sondern ihren Beruf ernst nehmen.“