Halberstadt l „Puh, da muss ich etwas ausholen“, sagt Jutta Dick auf die Frage, wie sie, die Katholikin aus dem Ruhrpott, dazu gekommen ist, sich intensiv um jüdische Geschichte zu kümmern. Und das in Halberstadt.

Die Direktorin der Moses-Mendelssohn-Akademie wuchs in ihrer Heimatstadt Essen auf, „zu einer Zeit, als die Kriegszerstörung noch sehr sichtbar war“. Sie erinnere sich, dass sie schon als Kind wahrgenommen habe, dass da noch etwas anderes war – außer dem, was der Krieg zerstört hatte. Sie besuchte die katholische Grundschule und hatte eine sehr junge Lehrerin. „Sie versuchte uns zu vermitteln, das Jesus Jude war und öffnete uns einen anderen Blick auf das alte Testament.“ Die Lehrerin habe versucht, so weit es möglich war, den Grundschülern zu erklären, was passiert ist. Und da sei einiges hängen geblieben.

Politisches Elternhaus

Jedenfalls bei Jutta Dick, denn bei einem Klassentreffen in der Grundschule konnten sich die meisten ihrer Mitschüler an diesen Aspekt des Unterrichts nicht erinnern, „aber meine Lehrerin bestätigte, dass sie das Thema der Judenverfolgung sehr wohl vermittelt hatte“. Und als Gisela Klar erfuhr, was Jutta Dick in Halberstadt tut, habe sie eine kurze Pause gemacht. „Sie sagte dann zu mir: ,Da bin ich aber stolz.‘ Was mich wiederum mit Stolz erfüllte.“

Dieses Klassentreffen habe ihr gezeigt, dass es nicht nur einen Sender braucht, um etwas zu vermitteln, sondern auch einen Empfänger, sagt Dick. Die hat, aufgewachsen in einem sehr politischen Haushalt – der Vater war nicht nur Mitglied der SPD, sondern für die Sozialdemokraten im Essener Stadtrat – die turbulenten 1960er und 1970er Jahre intensiv erlebt und das politische Geschehen begleitet. Wobei noch eine Schulerfahrung für die 1953 Geborene wichtig war. Als die Pubertierenden rummaulten, als es wieder um die NS-Zeit gehen sollte, habe eine Lehrerin gesagt: „An allen sind die Juden und die Radfahrer schuld.“ Alle hätten gefragt, warum die Radfahrer. Da sei ihre Lehrerin wütend geworden – und setzte einen Denkprozess in Gang.

Mit 16 in die SPD

Als Literaturstudentin in Köln habe sie ein „sicheres Händchen“ gehabt – wenn sie einen Schriftsteller richtig interessant fand, stellte sich fast immer heraus, das er einen jüdischen Kontext hatte, berichtet Jutta Dick. Für ihre Staatsexamensarbeit befasste sie sich mit Erich Mühsam, da war sie rasch beim Thema Anarchismus und letztlich bei jüdischer Philosophie. In der Zwischenzeit verfolgte sie die Prozesse gegen RAF-Terroristen, erlebte Christian Ströbele als Verteidiger im Roth-Otto-Prozess. Polizei und Staatsanwaltschaft hätten bewusst und systematisch Beweismittel gefälscht, dennoch habe Ströbele immer wieder in den Diskussionen mit den Studenten betont, dass nichts über die Demokratie gehe. Mit 16 war Jutta Dick in die SPD eingetreten, in den aufregenden 1970er Jahren habe sie gelernt, dass man eine wachsame Demokratin sein muss.

Parallel dazu musste sie sich beruflich umorientieren, plötzlich wurden keine Lehrer mehr gebraucht. Eine Teilzeitstelle in der Alten Synagoge Essen, damals noch nur Gedenkstätte, ermöglichte ihr die Erkenntnis, dass Gedenkstättenarbeit nichts für sie ist, nebenbei unterrichtete sie Deutsch für Ausländer. Die Projekte, die sie in der alten Synagoge betreute, brachten sie in Kontakt mit Julius Schoeps, der 1986 in Duisburg das Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte gründete. „Auf diesen geschichtlichen Ansatz konnte ich mich einlassen.“ Was letztlich zu ihrer Wirkungsstätte in Halberstadt führen sollte. Hier hat sie die Moses-Mendelssohn-Akademie mit aufgebaut, die 1995 ihre Arbeit aufnahm.