Bürger kämpfen für den Erhalt des Nordharzer Städtebundtheaters / Hanka Fiedler:

"Theaterschließung würde Halberstadt in eine sterbende Stadt verwandeln"

Von Sabine Scholz

Die Halberstädter beginnen, sich zu wehren. Dass angesichts der Finanznot in den Kommunen ernsthaft die Schließung des Theaters erwogen wird, ist vielen Bürgern ein unerträglicher Gedanke. Bei Hannelore Fiedler laufen Fäden des Protestes zusammen.

Halberstadt. Als sie vor vier Jahren in ihre Heimatstadt zurückkehrte, war das große kulturelle Angebot in Halberstadt ein Grund dafür. Hannelore Fiedler, die die meisten als Hanka kennen, braucht ihr Theater, sagt sie. Umso unerträglicher ist ihr, wie vielen anderen auch, die Vorstellung, das traditionsreiche Haus könnte tatsächlich im Zuge der Sparmaßnahmen geschlossen werden. Die Zeichen dafür sind eindeutig.

"Ich bin ein Basisarbeiter", sagt die aus Berlin Zurückgekehrte von sich, "und mit Unterschriftensammlungen habe ich gute Erfahrungen gemacht." In Berlin wurde so der Botanische Garten gerettet. "Wenn wir uns nicht äußern, nicht ins Gespräch kommen, kann man nichts beeinflussen." Deshalb hat das Mitglied des Theaterfördervereins die Fäden in die Hand genommen und sammelt Unterschriften. Die Menschen auf die Situation aufmerksam zu machen und auch zum Theaterbesuch zu bewegen, liegt ihr dabei am Herzen.

Ihr zur Seite stehen als "Beraterinnen und Mutmacherinnen" zwei Halberstädter Frauen, die bei aller Verschiedenheit eines eint: Sie wollen, dass das, was sie begonnen haben, fortgesetzt wird. Das Halberstadt eine liebens- und lebenswerte Stadt bleibt. Sabine Klamroth und Helga Becker haben den Staffelstab an Hanka Fiedler weitergereicht und die holt sich viele Mitstreiter ins Boot. Begeistert erzählt die Enkelin des Halberstädter Konzertmeisters Fritz Fiedler, wie sich Jugendliche für das Drei-Sparten-Theater engagieren. "Franziska Lang hatte drei Tage vor den Ferien im Käthe-Kollwitz-Gymnasium ebenfalls auf die prekäre Lage des Theaters aufmerksam gemacht. Über 150 Unterschriften trug das Mädchen zusammen, von Lehrern und Schülern."

Das Theater arbeitet eng mit den Schulen zusammen, mit Gymnasien und Sekundarschulen gibt es Kooperationsverträge. "Theater ist eine Bildungseinrichtung, eine ganz wichtige. Und es ist Lebensschule. Wenn Kinder und Jugendliche selbst Theater spielen oder lebendige Menschen auf der Bühne erleben, wird ihnen viel vermittelt was Gruppendynamik, Selbstvertrauen, soziales Verhalten betrifft. Wenn wir Bildung nur noch unter monetären Aspekten betrachten, müssen wir uns nicht wundern, wenn die Rechten so viel Zulauf haben. Die sind nämlich sehr aktiv, was Angebote für junge Leute angeht." Zum Glück gebe es aber noch Angebote wie den Theaterjugendclub oder die Unterstützung von Profis für Schülertheater. "All das würde mit dem Theater sterben."

Hanka Fiedler weiß, dass die Städte kaum Geld haben. Aber die Erfahrung zeige, wenn etwas wirklich gewollt wird, klappt es auch. Die Gelder für Rüstung, Bankenrettung und anderes sind dafür Beispiele. Ebenso wie die Erinnerungen von Helga Becker. Die 88-Jährige sagt, sie könne sich ein Leben ohne Theater nicht vorstellen. Auch wenn es ihr nicht immer leicht fällt, die Vorstellungen zu besuchen. "Aber nach dem Krieg wurde gleich wieder Theater gespielt, die Leute zahlten mit einem Stück Kohle, um im Speisesaal bei Fleischwaren Theater zu erleben." Die Kirchen und das Theater wurden hier als erstes wieder aufgebaut - trotz aller Not, allen Hungers.

"Geistige Nahrung ist unverzichtbar, das Leben besteht nicht nur aus Profit. Das ist eine Einstellung, der ich in Halberstadt oft begegne. Deshalb erwarte ich viele Mitstreiter in unserem Kampf für den Erhalt des Theaters", so Hanka Fiedler.