Frau Herrmann, haben Sie "Schattengrund" schon selbst gesehen?
Elisabeth Herrmann: Bisher nur den Rohschnitt. Der ist natürlich noch nicht perfekt und hier und da fehlt noch etwas. Aber ich war schon schwer begeistert.

Wie ist es, die von Ihnen erdachten Personen, die Geschichte, die Sie geschrieben haben, auf der Leinwand zu sehen?
Ganz anders, als man es sich vorgestellt hat, aber toll. Es ist überwältigend, wenn 70, 80 Personen daran arbeiten, meine Idee umzusetzen – immerhin ist das mit nicht wenig Geld verbunden.

Was meinen Sie mit „ganz anders“?
„Schattengrund“ ist eigentlich ein Jugendbuch. Es war die Idee von Oliver Berben und dem Regisseur, Dror Zahavi, den Film für ein erwachsenes Publikum zu machen. Mir als Drehbuchautorin fiel es anfangs schwer, die Jugend-Ebene zu verlassen. Das hat lange gedauert. Meine Produzentin, Kerstin Schmidbauer, hat mich da sehr unterstützt, mir Mut gemacht. Und als ich dann erfahren habe, dass Josefine Preuß die Hauptrolle übernehmen wird, habe ich mich sehr gefreut. Das hat mich beruhigt. Sie ist jugendlich frisch, aber kann schauspielerisch sehr in die Tiefe gehen.

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Sowohl das Buch als auch der Film spielen im Harz. Was verbindet sie mit der Region?
Das hat sich in einer Zeit ergeben, in der ich wenig Geld hatte. Ich war alleinerziehend. Wenn meine Tochter und ich Urlaub gemacht haben, sind wir zu meinen Eltern gefahren. Ich wollte einfach mal raus. Im Internet bin ich auf ein gutes Angebot gestoßen. Eine Pension in Altenbrak, „Zum Harzer Jodlermeister“. Das klang so abgedreht, dass es für meine Tochter wie Disneyland werden könnte. Also sind wir hingefahren. Ich war sofort schockverliebt ins Bodetal.

Warum?
Ich liebe den Harz mit seinen Wäldern und Mythen. Das ist typisch deutsch für mich – nicht blonde Mädels beim Oktoberfest, sondern die Märchenwelt aus den Geschichten der Gebrüder Grimm. Die ist im Harz zu finden. Dieses Mystische, etwas Düstere, das jeder in sich trägt.

Ist dieses Düstere in sich der Grund, warum Sie Krimis schreiben? Wie kamen Sie zu dem Genre?
Ich bin ein klassischer Kreuzworträtsel-Löser und Schachspieler. Und ich habe schon immer gute rätselhafte Krimis geliebt. Ich mag das Komplexe der Geschichten, Einzelheiten, die wie Zahnräder ineinander greifen. Die Frage, wozu wir, die wir alle keine Heiligen sind, in einer Extremsituation fähig sind, hat mich fasziniert. Was bringt uns dazu, gewalttätig zu sein, Totschlag zu begehen?

Das klingt tatsächlich düster.
Vielleicht ein wenig. Mich interessiert die psychische Ebene von Krimis. Bücher, in denen es nur um das reine Schinden und Abschlachten geht, mag ich dagegen nicht. Wer solche Gedanken hat, sollte zum Therapeuten gehen. In meinen Büchern wird auch gemordet, aber da ist die Tat nur ein Teil der Geschichte, nicht ihr Hauptmerkmal.

Von Haus aus sind Sie Journalistin. Wieso sind Sie zum Schriftsteller-Dasein gewechselt?
Ich war auch Dokumentar-Filmerin. Ich habe von einer Geschichte erfahren, die ich unbedingt erzählen wollte – aber niemand wollte sie. Mich hat sie trotzdem nicht losgelassen. Es ging um junge Mädchen aus Osteuropa, die im Zweiten Weltkrieg mit Zwangsarbeiterzügen nach Deutschland kamen. Sie waren zu jung für das Arbeitslager. Deutsche Familien holten sie als Kindermädchen zu sich nach Hause. Ich wollte dokumentieren, was aus diesen Frauen und den Kindern von damals geworden ist. Das niemand die Geschichte wollte, hat mich richtig aufgeregt.

Wie brachte Sie diese Erfahrung zum Schreiben?
Weil ich die Geschichte nicht machen konnte, habe ich viel gelesen. Ich war auch für eine Kulturredaktion tätig. Bei einigen der Bücher habe ich gedacht: „Das kann ich besser.“ Also fing ich an zu schreiben. Aber auch das wollte niemand. Ich bekam 50 Absagen.

Was hat Sie motiviert, dann nicht einfach aufzugeben?
Es steckte viel Herzblut drin. Ich bin kein Freund von Glückskeks-Lyrik, aber es stimmt. Man darf nicht aufgeben und muss so lange weitermachen, bis man denjenigen findet, der an einen glaubt.

Was hat Ihre Tochter zu dem beruflichen Wechsel gesagt?
Sie ist ein sehr bescheidenes Mädchen und wollte nie auffallen. Das ist schwer, wenn man eine Mutter hat, die fürs Fernsehen arbeitet. Sie ging also nicht damit hausieren, dass ihre Mutter nun auch noch Schriftstellerin ist. Irgendwann hat sie bei einer Klassenkameradin ein Buch von mir entdeckt und gefragt, wie sie es findet. Als die Antwort positiv war, hat sie gesagt, „das ist von meiner Mama“. Da fand sie es schon toll, dass ich schreibe.

Viele Ihrer Bücher haben einen geschichtlichen Aspekt. Warum?
Geschichte ist interessant und überall zu finden. Ich habe ständig neue Ideen. Die Geschichte der Volksstimme bietet sicherlich auch Stoff für ein Buch. Für mich werten reale historische Gegebenheiten eine Geschichte auf. Dadurch erhält sie mehr Ebenen und Tiefe.

Dagegen ist das Dorf, in dem „Schattengrund“ spielt, fiktiv ...
In der Geschichte schweigt ein ganzes Dorf. Ich möchte das keinem realen Ort unterschieben. Da bin ich lieber vorsichtig und schreibe zum Beispiel nie bewusst über Personen, die tatsächlich existieren. Ich möchte nicht, dass sich jemand wegen meiner Geschichte getroffen oder auf den Schlips getreten fühlt. Hätte ich „Schattengrund“ in Altenbrak spielen lassen, hätte ich mich doch nie wieder beim „Jodlermeister“ blicken lassen können. Ich bin viel zu gern im Harz, um es mir mit den Menschen hier zu verderben.

Ist schon eine weitere Harz-Geschichte geplant?
Noch nicht. Aber ich bin sehr gern Wiederholungstäter.