Halberstadt l Canis lupus ist ausgezogen. Auf Deutsch: Seit Dienstagabend gibt es im Halberstädter Tiergarten keinen Wolf mehr. Die Einrichtung hat sich vom letzten Tier verabschiedet. Seit 1975 ist der Wolf in den Spiegelsbergen gehalten worden: im Rudel, es gab erfolgreich Nachzuchten, doch zuletzt wohnte nur noch ein Tier im Gehege.

Schwierige Bedingungen

Kälte und die anbrechende Dunkelheit erschweren an diesem Tag den Wolf-Umzug. Tierarzt Dr. Jörg Deicke, der das Betäubungsmittel mitbringt, wird von einem Notfall aufgehalten. Kurz nach 16.30 Uhr trifft er ein und mixt den „Cocktail“. Michael Bussenius steckt die Betäubungsspritze ins Blasrohr, visiert den Hinterlauf des Wolfes an und bläst. Von der Spritze keine Spur. Sie steckt weder im Ziel, noch liegt sie im Gehege. Der Wolf notiert das Treiben mit Gelassenheit. Unruhe macht sich nur beim Umzugsteam breit. Wo ist die Spritze? Sie steckt im Blasrohr fest und ist auch nicht herauszubekommen.

Was nun? Jörg Deicke hat sein eigenes Blasrohr dabei, füllt eine zweite Spritze und bläst selbst. Es ist kalt und mittlerweile dunkel, die Finger sind von der Kälte klamm. Die Spritze prallt ab, die Kanüle ist verbogen. Der Veterinär richtet sie, bläst erneut und trifft. Erleichterung. Nur nicht beim Wolf, der wird in den Zwangsschlaf geschickt. Dann geht alles sehr schnell. Die etwa 20 Kilogramm schwere Wölfin wird von drei Männern gepackt und vorsichtig in einer mit Stroh ausgelegten Transportbox verstaut.

„Hintergrund für die Entscheidung, den Wolf abzugeben, war nicht 2017 die abwegige Debatte über die angeblich schlechten Haltungsbedingungen im sozialen Netzwerk ­Facebook“, betont Zooinspektor Michael Bussenius. Fachleute und mehrere Kon­trollen hätten bestätigt, dass das Tier in dem 880 Quadratmeter großen Gehege vorschriftsmäßig untergebracht war.

Worbis bietet perfekte Bedingungen

Vielmehr habe man mit dem alternativen Wolf- und Bärenpark Schwarzwald in Worbis ­(Thüringen) eine ­super Alternative gefunden. Dort teilen sich die zehn Jahre alte Wölfin und ein weiterer Wolf künftig mit acht Braun- und Schwarz­bären ein 11.000 Quadratmeter umfassendes Gehege. „So groß ist der gesamte Halberstädter Tiergarten“, sagt Michael Bussenius. Besser könne man die Wildtiere nicht halten, so der stellvertretende Tiergartenchef.

Rüdiger Schmiedel, Geschäftsführer des Wolf- und Bärenparks, und Parkleiter Bernd Nonnen­macher freuen sich über den Neuzugang aus Halberstadt. Neben Worbis unterhält die Stiftung „Für Bären“ im Schwarzwald bei Freudenstadt einen weiteren Wolf- und Bärenpark. „Die Stiftung setzt sich in erster Linie für Bären ein. Für Wölfe und Luchse macht sie sich ebenfalls stark“, so Rüdiger Schmiedel. Beide Anlagen nennen sich alternativ, weil die dort lebenden Tiere zum großen Teil aus schlechten Haltungen stammen.

„Halberstadt will ich da ausklammern. Das Wolf-Gehege erfüllt alle Anforderungen“, betont Schmiedel. In Freigehegen der alternativen Parks finden die Tiere ein neues, tiergerechtes Zuhause. Hier dürfen sie eine natürliche Umgebung nutzen, können das Gelände erkunden, sich verstecken, Höhlen graben, baden oder sich zur Winterruhe zurückziehen, so der Geschäftsführer.