Aspenstedt l 14 Jahre lang ist Kater Günther treuer Begleiter von Waltraud Krause aus Aspenstedt gewesen. Sie hat sich um das Fundtier gekümmert, seit es mit etwa fünf Wochen fast verhungert zu der gelernten Krankenschwester gebracht wurde. Seit gut einer Woche ist das Tier nun verschwunden.

„Er war wie mein jüngstes Kind“, sagt die 64-Jährige wehmütig. Im Gegensatz zu anderen Tieren seiner Art sei Streunen untypisch für ihn. „Er war scheu anderen gegenüber und hat das Grundstück kaum verlassen. Er hatte seinen Lieblingsplatz im Garten, da aß er meistens.“ Deshalb glaubt Waltraud Krause nicht, dass er weggelaufen ist. Und sie sorgt sich: „In den vergangenen zwei Wochen sind sechs Katzen im Dorf verschwunden.“ Auch das Haustier von Waltraud Krauses Nachbarn, die im selben Haus leben. „Für die Kinder war es besonders schlimm, sie hingen sehr an der Katze.“ Die Apenstedterin weiß von weiteren Fällen aus der Vergangenheit: „Im Sommer waren es mindestens zwölf.“

Keine Beschwerden über Katzen

Die Ortschronistin ist Mitglied im Frauenchor und kümmert sich ehrenamtlich um die Küche in der Kindertagesstätte des Ortes. So kommt sie häufig mit den anderen Einwohnern ins Gespräch. Die Frage, was mit den Katzen geschieht, sei häufig Thema. „Wir haben keine Vermutung, wer dafür verantwortlich ist“, sagt die Aspenstedterin. Beschwerden über ihren Günther und seine Artgenossen habe es jedenfalls keine gegeben.

„Das ist alles schon sehr eigenartig“, sagt dazu auch Rüdiger Müller (CDU). Der Ortsbürgermeister hat keine Erklärung für das Verschwinden der Samtpfoten. „Zumal es sich nicht um Streuner handelt“, sagt Müller weiter. Unter den Tieren gebe es keine Revierkämpfe, sie alle seien gepflegte Hauskatzen, die meist als einzige Katze auf dem Grundstück leben.

Katze verschollen

Das bestätigt Uwe Grund. Er und seine Familie wohnen ebenfalls in Aspenstedt. Seit etwa zwei Wochen ist Garfield, die einjährige Katze, verschollen. „Sie war nach dem Fressen draußen und kam nicht mehr zurück. Normalerweise mussten wir sie nur einmal rufen und schon war sie da“, berichtet der 58-Jährige, der als Hallenwart in Halberstadt tätig ist. Besonders den Enkel habe das Verschwinden des Haustiers schwer getroffen. Schon seit dem Sommer 2016 wird eine weitere Katze der Familie vermisst. „Vielleicht steckt ein streunender Hund, ein Ausreißer, dahinter, der die Katzen verschleppt“, mutmaßt der Aspenstedter. „Aber Beweise gibt es dafür nicht. Gesehen hat niemand etwas.“

Genau dieses Fehlen von Augenzeugen erschwert es der Polizei, einzugreifen. „In jüngerer Vergangenheit sind bei uns keine Anzeigen wegen Katzendiebstahls eingegangen“, informiert Polizeisprecher Uwe Becker aus Halberstadt. Es sei schwierig, solche Fälle aufzuklären. „Katzen sind vom Wesen her Streuner. Das sie verschwinden, ist erst einmal nichts Ungewöhnliches und bedeutet nicht, dass ein Diebstahl vorliegt.“

Bei Polizei melden

Sollten jedoch wie im Fall von Aspenstedt auffällige Häufungen solcher Fälle vorliegen, sollten sich die Betroffenen bei der Polizei melden. „Wenn jemand etwas Konkretes bemerkt, soll er uns informieren“, so Becker. Es könne hilfreich sein, Beobachtungen zeitnah zu notieren: Was ist geschehen? Um wie viele Personen handelt es sich? Sind sie auffällig gekleidet? Was für ein Fahrzeug wird genutzt? Wie lautet das Kennzeichen? „Uns helfen für die Ermittlungen auch Kennzeichen-Fragmente weiter“, informiert der Hauptkommissar. Eine pauschale Empfehlung für Tierhalter könne er nicht geben. „Das ist ein zweischneidiges Schwert. Natürlich wollen die Leute ihre Tiere schützen, aber ob man dem Tier mit Einsperren einen Gefallen tut?“ Der Hauptkommissar verweist in solchen Fragen auf Tierexperten.

Zu jenen zählt Waltraud Hammer. Sie ist Vorsitzende des Tierschutzvereins Halberstadt und betreut das Katzenhaus der Fundtierunterkunft. „Das ist ein ernstes Problem“, schätzt sie ein. „Es kommt leider vor, dass Katzenfänger unterwegs sind. Das geht schon seit Jahren, auch in unserer Region.“ Die Tiere werden gezielt eingefangen, um sie an Labore zu verkaufen oder ihr Fell zu verarbeiten, berichtet Waltraud Hammer. Indikatoren dafür seien, dass gehäuft Tiere aus einer Straße oder einem Ort innerhalb eines kurzen Zeitfensters verschwinden. Sie rät Katzenhaltern dazu, ihre Stubentiger abends ins Haus zu holen. Viel Hoffnung, dass die verschwundenen Katzen wieder auftauchen, macht sie den Betroffenen Haltern nicht.

Keine Hoffnung mehr

Damit rechnet Waltraud Krause auch nicht. „Mein Günter wird nicht mehr zurückkommen“, sagt sie bedauernd. Obwohl sie ein Katzenfan ist – Bilder von Samtpfoten zieren die Wände ihrer Wohnung und das Display des Smartphones – möchte sie sich keine mehr holen. „Aber mir ist es wichtig, andere zu warnen, dass sie gut auf ihre Katzen aufpassen und vielleicht schreckt es die Täter ab, wenn sie merken, dass die Leute wachsam sind.“