Halberstadt l Mit einem Scherbenhaufen ist einer der ­schönste Töpfermärkte Deutschlands am Sonnabend auf dem Domplatz Halberstadt eröffnet worden – Ton am Dom-Keramik,Kunst und Köstlichkeiten. Wer den produzierte? Keine geringeren Halberstädter Persönlichkeiten als Dichtervater Gleim (Arnold Hofheinz) und sein Freund Freiherr von Spiegel (Gerold Ströher), die dem bunten Treiben zwischen Dom und Liebfrauen­kirche einen Besuch abstatteten.

Nach reichlich Lobesworten über den tollen Markt, die hohe Handwerkskunst der über 50 Töpfermeister und den angebotenen Köstlichkeiten inszenierten beide historische Figuren aus dem 18. Jahrhundert erneut ein besonderes ­Spektakel zur Eröffnung des Markts. Gleim band sich kurzerhand ein paar silberne Flügel an die Arme und schwang sich in die Lüfte, um den Anblick des mit Menschen prall gefüllten Domplatzes zu genießen. Allerdings hob er nach ein paar Hopsern nicht wie erwartet ab, sondern landete mitten in einem Regal voller ­Keramikgefäße. Übrigens allesamt gespendet. Unter dem Beifall vieler Gäste war mit dieser Bruchlandung Ton am Dom ­offiziell eröffnet.

Oberbürgermeister Andreas Henke (Linke) erinnerte da­ran, dass sich aus einem kleinen Markt auf dem Holzmarkt Halberstadts ein Event entwickelt hat, das jedes Jahr am ersten Juli-Wochenende Tausende Gäste aus nah und fern in die Kreisstadt lockt und begeistert. „Töpfer präsentieren feinste Handwerkskunst, tolle Musik, Theater, Kirchen, Museen und Köstlichkeiten garantieren ein buntes und unterhaltsames Programm. Und das bereits zum zehnten Mal. Allen, die das ermöglichen, möchte ich dafür danken“, betonte Andreas Henke.

Während ein überschaubares Publikum im Kreuzgang der Liebfrauenkirche beim „kulinarischen Theater“ ein Festmahl genießt und anschließend seinen Spaß bei der Premiere von Molieres Komödie „Der Geizige“ hatte, sammelte sich auf dem Domplatz ein mehrfaches davon. Die Sitzplätze im Gastronomiebereich waren fast alle besetzt und an den Stehtischen hatten sich weitere Gäste eingefunden. Die meisten wollten dort ausharren, um einige Stunden später mit der Enthüllung einer übergroßen Keramikskulptur ein besonderes Highlight zum Ton-am-Dom-Jubiläum zu erleben.

Sie während der Stunden bis dahin zu unterhalten, übernahm die Weimarer Band „Rest of Best“, ein Quartett, das weltweit unterwegs ist und hier auf dem Domplatz nicht nur sofort musikalisches Weltniveau bewies, sondern auch durch seine Nähe zum Publikum - gelegentlich sogar mittendrin - überzeugte.

In den Abendstunden gesellten sich die Theaterbesucher zu jenen, die längst den Platz mit dem überdimensionalen Brennofen umzingelt hatten. Es herrschte geschäftiges Treiben in dem Geviert, in dem Reinhard Keitel und seine Helfer das Finale vorbereiteten.

Der Weimarer Keramiker griff noch einmal zum Mikrofon. „Wir benötigen nicht nur mehr als 1000 Grad im Ofen, sondern auch Dunkelheit, um das richtige Ambiente zu haben“, sagte er und stimmte die Leute auf eine einzigartige multimediale Performance ein. Längst hatten diese die Illumination bemerkt, farbige Lichter ließen die Blätter der Bäume scheinbar durch die Jahrezeiten wandeln und im Hintergrund wechselte das Licht in den Fenstern der angestrahlten Liebfrauen­kirche.

„Ich habe auf Wunsch der Halberstädter die Glocke ­Domina in die Domsilhouette integriert“, erklärte er das noch verborgene Kunstwerk.

Spezialton

Dieses hatte er im Atelier in Weimar aus Spezialton hergestellt, dann die Rohware sicher verpackt und vorsichtig nach Halberstadt transportiert.

„Hier haben wir heute eine neue Erfahrung machen müssen. Denn am Vormittag gab es einige stürmische Böen, die nicht nur Staub auf dem Platz aufwirbelten, sondern auch Einfluss auf die Temperaturentwicklung im Ofen genommen haben. 1200 Grad werden wir deshalb nicht erreichen, doch 1100 sind ausreichend.“ Eigentlich passiere bei dieser Aktion nichts anderes, als bei seinen Kollegen: „Nur, dass sie keine glühenden Tassen oder Eierbecher aus ihrem Ofen holen.“

„Lassen sie sich überraschen“, sagte Keitel, bevor er und ein Helfer silbrige Schutzanzüge und Handschuhe überstreifen und Helme aufsetzten.

Dann gaben „Rest of Best“ a-cappella das musikalische Startsignal. Langsam zog der Autokran der Firma Schäfer die Ofenhülle auf, die von den beiden Silbermännern vorsichtig dirigiert wurde. Stück um Stück zeigte sich das rotglühende Objekt. Als es komplett zu sehen ist, setzte Beifall ein. „Mit dem Ergebnis bin ich sehr zufrieden, die Skulptur ist gelungen“, freute sich Keitel, der mit seinem Team vom Publikum gefeiert wurde. Nicht nur einmal war zu hören, dass viele dieses Erlebnis mit dem Guss der Domina im September 1999 auf dem Domplatz verbinden. Die Atmosphäre, die Stimmung, die Anteilnahme damals hat sich im Gedächtnis der Halberstädter eingebrannt. Das könnte auch diesmal geschehen.

„Schön wäre es, wenn die Skulptur in Halberstadt bleibt“, so der Schöpfer, „immerhin handelt es sich um ein Unikat mit Symbolkraft.“ Gelte es nur noch einen Käufer zu finden, der bereit ist, dafür bis zu 7000 Euro zu zahlen.