Osterwieck l Fünf Mühlen befanden sich in der Vergangenheit entlang der Osterwiecker Mühlenilse. Heute wären diese arbeitsunfähig. Denn diese Mühlen wurden von Wasser angetrieben, und Wasser fließt derzeit nicht in jenem Graben, der vor Jahrhunderten einer von zwei natürlichen Ilse-Armen war.

Die Ilse führt seit Wochen Niedrigwasser. 131 Liter pro Sekunde flossen am Sonntagvormittag, gemessen am Pegel Hoppenstedt. Nach dem Regen am Montag stieg der Abfluss bis auf 182 Liter pro Sekunde. Am Dienstag (11. August) waren es 157 Liter. Das liegt alles weit unter dem Mittelwert früherer Niedrigwasser (250 Liter) seit 1929, ist aber noch kein Rekordwert. Der liegt bei 30 Litern im Sommer 1954.

Hinter Mauerstraße kommt kein Wasser mehr an

Und dennoch ist jetzt die Mühlenilse trocken.

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Beobachtungen von der Situation am Sonntag: Die Mühlenilse beginnt an der Stelle des früheren Großen Schütts in einem Einlaufbauwerk mit Rohr. Hinter der Verrohrung, an der früheren Ziegelmühle, steht etwas Wasser im Graben. Etwas mehr wird es hinter dem Zulauf aus dem Ellerngraben, der in Höhe der alten Zuckerfabrik aus einem dicken Rohr plätschert.

Trockene Fundamente

Ein Rinnsal kämpft sich voran. Doch unter der Brücke der Mauerstraße ist Schluss. Kein Tropfen mehr erreicht die Uferpromenade hinterm Schäfers Hof. Feuchter Schlamm steht im Graben zwischen Damm und Stobenplatz. An den Stadtmühlen-Fundamenten mit ihrer historischen Turbine ist es ebenfalls trocken.

Allerletzte Wasserpfützen haben sich unter der Brücke der Kapellenstraße gehalten. In Höhe Hagen nimmt das Dilemma weiter seinen Lauf. Der Graben am Braunen Hirsch ist trocken. Trocken laufen würde auch die Pumpe der Feuerwehr am Voigteiplatz, wo laut Schild eine Löschwasser-Entnahmestelle ist.

Vor Kapellentor tröpfelt es ein wenig

Hinterm Park am Denkmalplatz stößt der Umflutgraben in die Mühlenilse. Dieser Graben zweigt ursprünglich hinterm Teichdamm, am neuen Teil des Fritz-Gille-Weges, von der Mühlenilse ab und schlägt einen Bogen um die nördliche Altstadt. Am Teichdamm fließt allerdings kein Tropfen in den Umflutgraben, woher auch. Erst an der Ecke Vor dem Kapellentor, wo der Wöhrengraben aus der Feldflur ankommt, plätschert es.

Selbst wenn aus dem Graben vom Kirchbergweg nichts hinzuströmt, fließt am Denkmalplatz doch etwas Wasser aus dem Umflutgraben in die Mühlenilse. Aber die Menge reicht nur bis zur einstigen Mühle Vor dem Schulzentor. Danach ist der Graben wieder trocken. Was es so, außer bei künstlicher Trockenlegung durch Bau- oder Wartungsarbeiten noch nicht gab.

So wenig Wasser im Graben wie noch nie

Selbst vom Kälberbach an der Hornburger Straße kommt kein Wasser herunter. Das Bett der Mühlenilse bleibt trocken- gelegt.

Dass das Große Schütt im Jahr 2012 durch eine Sohlgleite ersetzt wurde, hatte vor allem mit dem Hochwasserschutz zu tun. Also dem anderen Extrem. 1994 und 2002 standen Teile der Stadt unter Wasser. Danach begann der Landesbetrieb für Hochwasserschutz, Wehre und andere Hindernisse aus dem Flussverlauf zu entfernen oder zu verändern sowie Schutzanlagen zu errichten. Was jetzt 2020 übrigens immer noch nicht abgeschlossen ist. Beim Juli-Hochwasser der Ilse 2017 konnte damit Schaden von Osterwieck abgehalten werden.

Ökologische Durchlässigkeit

Verbunden wurden die Veränderungen mit einer sogenannten ökologischen Durchlässigkeit. Fische sollen also ungehindert flussauf- wie abwärts schwimmen können. Bei einem hohen Wehr wie dem Großen Schütt, war das früher nicht möglich. Auch in der Mühlenilse befanden sich Fische. Jetzt durch die Trockenheit haben sie keine Überlebenschance. In vereinzelten Pfützen zappelten am Sonntag nur noch letzte winzige Exemplare.

Das ärgert auch Antje Hoffmeister, Enkelin vom Müllermeister und Mühlenchronisten Karl Hoffmeister, die in der Kapellenstraße unmittelbar am Graben wohnt und ein Blumengeschäft führt. „Das stinkt ja auch“, schilderte sie. Früher sei die Mühlenilse ein Postkartenmotiv von der Altstadt gewesen, heute eine Schande. An ihrem und dem Nachbarhaus könne man erkennen, wie stark der Pegel seit dem Bau der Sohlgleite gefallen ist. „In der Ilse baut man eine Fischtreppe, und hier sterben die Fische.“ Auch nach ihrer Beobachtung sei in der Vergangenheit noch nie so wenig Wasser im Graben gewesen wie dieses Jahr.

Kritik

Antje Hoffmeister ist längst nicht die einzige Kritikerin. Schon vor Fertigstellung der Sohlgleite gab es warnende Stimmen von Osterwieckern, dass der Graben trocken bleiben könnte. Als dann 2013 erstmals der Schlamm vom Grund zutage trat und den Forellen der Lebensraum fehlte, brachte das mehrere Einwohner auf die Barrikaden. Auch den damaligen Ortsbürgermeister Ulrich Simons (CDU), der dem Landesbetrieb eine Kanaldiele vorgeschlagen hatte, um das Ilse-Wasser vor dem Einlaufrohr zur Mühlenilse etwas anzustauen. Aber alles blieb wie es war.

Simons wertet die jetzige Situation als eine Katastrophe. Wenngleich man die lange Trockenheit nicht wegdiskutieren könne.

Die Ilse hat Priorität

„Die Ilse hat Priorität. Das Wasser soll in der Ilse bleiben“, erklärte Roland Möhring vom Landesbetrieb für Hochwasserschutz in Halberstadt. Gegenwärtig habe man eine Extremsituation. „Das ist der dritte trockene Sommer“, stellte er fest. Hinzu komme, dass durch schneearme Winter der Grundwasserspiegel gefallen sei. Nur Regen könne die Situation entspannen.

Das wird auch von der Wasserbehörde der Harzer Kreisverwaltung so eingeschätzt. „Die Ilse ist prioritäres Gewässer und damit vorrangig zu bespannen.“ Bei der aktuellen Durchflussmenge der Ilse „fällt die Mühlenilse trocken, da sämtliches Wasser in der Ilse verbleibt und auch verbleiben soll“, teilte Landkreis-Sprecherin Jessica Walzak mit.

Hauptproblem bleibt die Trockenheit

Die am Einlauf der Mühlen-ilse befindliche Sohlgleite sei 2010 durch das Landesverwaltungsamt mit der Maßgabe genehmigt worden, dass ein Mindestabfluss von 200 Litern pro Sekunde in der Ilse verbleibt, um diese ökologisch durchgängig zu halten.

Seit 26. Juni, so es geht aus einer Übersicht des Landesbetriebs für Hochwasserschutz hervor, wurde diese Abflussmenge allerdings nur an zwei Tagen überschritten.

Ausbleibende Niederschläge

„Das Trockenfallen der Mühlenilse in Osterwieck ist durch die langanhaltende Trockenheit und ausbleibende abflusswirksame Niederschläge begründet“, unterstrich die Landkreis-Sprecherin. „Aufgrund der hydrologischen und meteorologischen Lage sind im Landkreis Harz vor allem in den letzten drei Jahren mehrere Fließgewässer trockengefallen.“

Die Wasserbehörde des Landkreises könne dem nur bedingt entgegenwirken. Zum Beispiel durch verstärkte Kontrollen von illegalen Entnahmen aus Oberflächengewässern oder der Einhaltung der Mindestwasserabschläge an Wehranlagen, damit zumindest die prioritären Gewässer bespannt bleiben. Jessica Walzak: „Das Hauptproblem bleibt aber die Trockenheit der vergangenen drei Jahre.“