Halberstadt l „Er ist mit den Nerven ganz schön runter.“ Mit diesen Worten reagiert der Chef des Gespannfahrers am Montagmittag auf den tragisches Unfall in den Morgenstunden. Da war der 47 Jahre alte Mitarbeiter seines kleinen Landwirtschaftsbetriebs aus Halberstadt auf der Fahrt durch die Rudolf-Diesel-Straße mit seinem sieben Tonnen schweren Traktor umgekippt. Die zunächst vermuteten Verletzungen – neben einem Armbruch war auch eine Gehirnerschütterung befürchtet worden – hätten sich in der Klinik glücklicherweise nicht bestätigt, so der Firmenchef sichtlich erleichtert. „Dass ihm nichts Schlimmes passierte, ist erstmal das Wichtigste. Der Rest ist reparabel, wir haben eine Vollkaskoversicherung“, formuliert der Chef bewusst beruhigende Worte.

Blechlawine durch Halberstadt

Der Crash, der sich gegen 8.20 Uhr in der Diesel-Straße ereignet hat, zieht den ganzen Tag über Auswirkungen auf den Stadtverkehr nach sich. Weil die Straße aktuell als Umleitung für die stadtauswärts gesperrte Quedlinburger Straße (B 79) fungiert, müssen sich die Blechlawinen stundenlang über alternative Routen durch die Halberstadt schieben. Aufgrund der komplizierten Bergungsarbeiten des Gespanns mit zwei Hängern sei die Rudolf-Diesel-Straße bis etwa 15.45 Uhr teilweise komplett gesperrt gewesen, so Polizeisprecher Heiko Schütz am Abend.

Der Unfall, so zuvor Reviersprecher Uwe Becker zum aktuellen Stand der polizeilichen Ermittlungen, ereignete sich, weil der 47 Jahre alte Traktor-Fahrer auf der Fahrt zwischen Klusstraße und Quedlinburger Landstraße (B 79) eine vor ihm fahrende Opelfahrerin zu spät wahrgenommen hatte. Die Frau, so Becker, wollte nach links abbiegen – auf einen Grundstücksparkplatz, wie vor Ort klar wurde. Beim Versuch, dem Opel auszuweichen, sei der Traktor zunächst gegen den Bordstein gefahren und schließlich nach links umgekippt.

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Diese ersten polizeilichen Erkenntnisse decken sich im Kern mit den Angaben, die auch der Firmenchef nach Rücksprache mit seinem Mitarbeiter macht. Letzteren habe er in den Mittagsstunden nach Untersuchungen im Ameos-Klinikum abholen und nach Hause bringen können.

Aber: „Besagte Opelfahrerin schoss, wie mir mein Mitarbeiter berichtet hat, wohl ziemlich knapp vor dem Traktor vom Parkplatz einer Apotheke auf die Straße.“ Wenige Meter weiter in Richtung B 79 und Oststraße dann das letztlich verhängnisvolle Manöver: Die Frau im Opel wollte nach links abbiegen, das habe der 47-Jährige im Traktor wohl zu spät erkannt. Der Versuch, schnell noch nach rechts auszuweichen, um einen Auffahrunfall zu vermeiden, ging dann gründlich schief.

Womöglich auch, weil widrige Umstände mit im Spiel waren, wie der Chef des kleinen Agrarbetriebs zu bedenken gibt: „Die Straße war vom nächtlichen Regen noch feucht, sodass das schwere Gespann ins Rutschen kam.“ Außerdem habe die extrem tief stehende Sonne wohl stark geblendet und somit die Wahrnehmung des abbiegenden Opels erschwert.

Bremsleitung unterbrochen

Offenbar spielten beim Crash aber nicht nur widrige Umstände eine Rolle, sondern erschwerend auch technische Aspekte. So bestätigt der Firmenchef auf Anfrage vor Ort kursierende Gerüchte, wonach die Druckluft-Bremsleitung zu den Anhängern nur teilweise in Benutzung war. „Tatsache ist, dass die Bremsleitung zum ersten, beladenen Hänger angeschlossen und in Betrieb war“, versichert der Geschäftsführer. Zum zweiten, unbeladenen Anhänger sei die Leitung indes unterbrochen gewesen. Über die Gründe könne auch er bislang nur rätseln – „das muss ich zusammen mit meinem Mitarbeiter noch klären“.

An der Diskussion um die Bremsanlage will sich Polizeisprecher Uwe Becker indes nicht beteiligen. „Unsere Ermittlungen laufen noch.“

Relativ klar scheint derweil der Unfallhergang. Nachdem der rund sieben Tonnen schwere Traktor mit den rechtsseitigen Reifen auf den Bordstein gefahren und so in linksseitige Schieflage gekommen war, dürfte der Fahrer abrupt gegengelenkt haben. Die sieben Tonnen Weizen im Hänger dürften beim Bremsen zusätzlich geschoben haben.

Für die von der Polizei alarmierten Bergungsspezialisten von P.T.P. aus Silstedt war das Aufrichten des schwer beschädigten Traktors indes keine besondere Herausforderung. Nachdem sie mit ihrem 27 Tonnen schweren Abschleppfahrzeug den Traktor zunächst auf der Straße in die optimale Position gezogen hatten, starteten Guido Wilke, Torsten Fischer und Holger Müller die eigentliche Bergung. Dafür montierten sie an den Befestigungsbolzen des großen Traktor-Rads spezielle Ösen zur Aufnahme des Zugseils. Wenig später – Punkt 10.49 Uhr – stand der Fendt-Traktor wieder auf seinen vier Rädern.

Den Schaden müsse nun ein Sachverständiger begutachten, so der Firmenchef. Polizeisprecher Uwe Becker bezifferte den Gesamtschaden auf geschätzte 12.000 Euro.