Emersleben l Wenige Wochen nach dem Sommeranfang versammelten sich im Garten der Familie Godisch die Mitglieder des Storchenvereins und eine Reihe neugieriger Dorfbewohner, um die Beringung der Jungstörche live zu verfolgen. Bevor es diesmal dazu kam ergriff die Vereinsvorsitzende Britt Godisch das Wort. Sie machte darauf aufmerksam, dass der Storchenverein Emersleben vor 20 Jahren neu gegründet wurde und seitdem für den Naturschutz sowie den Erhalt der Adebare in und um den Ort ehrenamtlich aktiv ist. „Mit 24 Mitgliedern sind wir zwar ein kleiner, aber solide aufgestellter Verein, der gute Arbeit leistet“, sagte sie. „Allerdings sind die meisten berufstätig, so dass sie sich nicht um alles intensiv kümmern können.“

Daher sei man glücklich, dass das selbst eingerichtete Feuchtbiotop am Nienhagener Weg, für das es sogar einen Umweltpreis gab, jetzt Dank Unterstützung des Umweltamtes vom Landkreis und Projekten des Aus- und Weiterbildungszentrums (AWZ) eine gute Pflege erfährt.

Beringung kein alltägliches Ereignis

Auch könne nicht mehr so wie früher ein Storchenfest ausgerichtet werden. Das alljährliche Treffen anlässlich der Beringung der Jungstörche auf dem Schornstein der Alten Gärtnerei könne ein solches Fest zwar nicht ersetzen, biete aber eine gute Möglichkeit, einander zu treffen, gemütlich zusammenzusitzen und sich auszutauschen. Dazu gebe es seit ein paar Jahren mit dem Akt der Beringung ein nicht alltägliches Erlebnis.

Bilder

Die Geschichte der Störche im Ort reicht bis in das 18. Jahrhundert zurück, doch das Nest auf dem Schornsteinkopf in Godischs Garten ist verhältnismäßig jung und einem Unglück zu verdanken. Als nämlich ein Feuer 1991 den gerade sanierten Gutsturm und damit auch das Nest auf dessen Spitze vernichtete, musste für eine neue Bleibe für die Störche gesorgt werden.

„Übergangslösung“ blieb bestehen

So kam der Schornstein der still gelegten Gärtnerei am Dorfrand zu neuen Ehren. Fortan landeten hier die Störche und es gab jedes Jahr Nachwuchs. Als der neue Besitzer des Gutes den Turm in Ordnung hatte bringen lassen und damit den Adebaren ihren angestammten Platz wieder anbot, blieb die „Übergangslösung“ bestehen und die Störche kommen dorthin weiter zur Brut. Somit verfügt Emersleben über zwei Horste in einer Gegend, in der Störche nicht so häufig wie in den Talauen der Elbe zu finden sind. Darauf sind die Dorfbewohner stolz und verfolgen aufmerksam, was zwischen den Anflug der Störche und dem Abflug der Alten und ihres Nachwuchses passiert.

In der Bauernreihe 5 war das Männchen am 20. März eingetroffen und richtete das Nest in neun Metern Höhe her. Das Weibchen folgte am 29. März. Bald darauf begann das Hacken und dann das Ausbrüten der Eier.

Vierfacher Nachwuchs

Groß war die Freude bei den Godischs, als sie wie im Vorjahr vierfachen Nachwuchs ausmachten.

Dem Jungstorchquartett nahm sich jetzt der freiberufliche Ornithologe Georg Fiedler an. Er ließ sich von Wolfgang Pardeike mit Hilfe einer Hebebühne der Firma Stadtler auf Nesthöhe bringen. Dort begutachtete der Experte zunächst die Statik des Nestes und dann den Ernährungs- und Entwicklungszustand der Adebare. „Sie sind alle gesund, einer ist etwas weniger kräftig entwickelt, aber alle werden überleben“, stellte er fest. Dann sorgte der Rohrsheimer bei einem nach dem anderen für deren „Personalausweis“ und befestigte mit Hilfe einer Zange jeweils oberhalb des sogenannten Intertarsalgelenks einem metallenen Ring.

Wiedersehen

Dank solcher Kennzeichnung, in diesem Fall CE 66 bis CE 69, können fortan der Lebenslauf der Vögel verfolgt und Erkenntnisse speziell zum Brut- und Zugverhalten sowie zur Ortstreue und zur Lebenserwartung gewonnen werden. Zwei Tage zuvor hatte Fiedler einen Jungstorch, den er im Vorjahr in Emersleben mit AC 68 gekennzeichnet hatte, in Veltheim entdeckt. Er geht davon aus, dass dieser in zwei Jahren brutfähig ist und in der Region ansässig wird.

Nachdem Storchexperte den Korb verlassen hatte und Fragen der Besucher beantwortete, ließen sich junge und alte Neugierige mit dem Hubarm in die Höhe bringen, um die „Neu-Emersleber“ aus der Nähe zu betrachten.

Unterstützung

Andere nutzten die Möglichkeit, mit einer Pferdekutsche des Reit- und Fahrvereins Groß Quenstedt einen Ausflug zum Biotop zu unternehmen.

Britt Godisch freute sich über das große Interesse und vergaß nicht zu erwähnen, dass inzwischen schon drei Landwirte aus der Region dem Storchenverein beigetreten sind, die sich dem Schutz der Natur und der Artenvielfalt verpflichtet fühlen. Das sei ein gutes Bekenntnis und in der aktuellen Diskussion um die Landwirtschaft ein positives Zeichen.

Weiterer Nachwuchs

Mehrere Dorfbewohner haben auch auf dem Turm des Gutes Geschäftigkeit und dort ebenfalls vier Jungstörche festgestellt. Deren Elternpaar war etwa vier Wochen eher als das in der ehemaligen Gärtnerei zurückgekehrt.

Die Zeit der Störche in Emersleben endet, wenn sich die Schreitvögel auf den langen Weg gen Süden begeben, um dort zu überwintern. Sie beginnt erneut, wenn sie im kommenden Frühjahr wieder zurückzukehren.